von Prof. Dr. Hans-Heino Ewers

Die Zeit der Jahrhundertwende, zugleich erste Epoche der reformpädagogischen Bewegung, ist durch einen erneuten kinderliterarischen Modernisierungsschub gekennzeichnet, der am markantesten zunächst auf kinderlyrischem Gebiet hervortritt. In der Kinderlyrik von Richard und Paula Dehmel stößt man auf eine unmittelbare, ja impulsive, ganz und gar unzensierte, gleichzeitig aber vorbehaltlos ernst genommene lyrische Selbstaussprache eines kindlichen Ich, das sich auch in seinen bedenklichen Seiten, seiner Grausamkeit, seinem Sadismus, ausdrücken darf. In der Sammlung Fitzebutze von 1900 haben wir es mit einer radikal antiautoritären Kinderlyrik zu tun. Vornehmlich mit Blick auf diese Kinderlyriksammlung ist von der zeitgenössischen Kritik die Parole der "Dichtung vom Kinde aus" (W. Lottig, H. Wolgast) geprägt worden. In Paula Dehmels Singinens Geschichten (1903; sep. 1921) tritt die moderne kindliche Ich-Erzählung auf den Plan, in der ein kindliches Ich zum Wahrnehmungs- und Wertungszentrum des Werkes erhoben wird, wobei keinerlei Relativierungen seitens einer erwachsenen Autorität erfolgen. Bei diesen Werken haben wir es mit konsequent moderner Kinderliteratur zu tun – und zwar sowohl hinsichtlich der Konzentration auf das kindliche Erleben wie bezüglich der im Kind angesiedelten Wertungsposition.

Fitzebutze. Erstausgabe von 1900

In den gleichzeitig entstehenden, teilweise von reformpädagogisch engagierten Lehrern für den Schulgebrauch verfassten Großstadtskizzen und -geschichten für Kinder (Ilse Frappan: Hamburger Bilder für Kinder, 1899; Fritz Gansberg: Streifzüge durch die Welt der Großstadtkinder, 1904; Unsere Jungs. Geschichten für Stadtkinder, 1905; Heinrich Scharrelmann: Ein kleiner Junge, 1908) kommt es zu einer neuartigen Mischung traditionaler und moderner Elemente. Der modernen Kinderliteratur sind sie durch ihre Respektierung der kindlichen Erlebnisperspektive wie teilweise auch der kindlichen Wertungsposition verpflichtet; hierin verstehen auch diese Texte sich als "Dichtung vom Kinde aus". Thematisch aber zielen sie in eine andere Richtung, intendieren sie eine Öffnung der Kinderliteratur hin auf die Welt der Erwachsenen. Sie rücken die Arbeitswelt, die Großstadt, schließlich auch die sozialen Verhältnisse in den Blick des Kindes. Literarisch gelingt dies am ehesten dort, wo sie von Arbeiter-, Handwerker- oder Angestelltenkindern handelt; in diesen unteren großstädtischen Sozialmilieus sind die Lebenswelten der Kinder von denen der Erwachsenen noch nicht in dem Maße geschieden, wie dies in den oberen gesellschaftlichen Schichten der Fall ist. Von der Vergegenwärtigung unterschichtstypischer Kindheitsmuster mit ihrer weitreichenden Teilhabe am Erwachsenenleben zehrt schließlich der realistische, teilweise sozialkritische Kinderroman der Jahrhundertwende und der Weimarer Republik (Gustav Falke: Drei gute Kameraden, 1908; Carl Dantz: Peter Stoll, 1925; Wolf Durian: Kai aus der Kiste, 1927; Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1928, Pünktchen und Anton, 1931; Lisa Tetzner: Erwin und Paul, Das Mädchen aus dem Vorderhaus, 1933). Gerade hierin aber ist das traditionale, vormoderne Element dieser Kinderliteratur zu sehen.

Emil und die Detektive. Erstausgabe von 1929

Im kinderliterarischen Realismus des frühen 20. Jahrhunderts kommt die vormoderne, traditionale Gemeinschaftlichkeit der Lebensalter, wie sie in den spätständischen großstädtischen Unterschichtenkulturen noch anzutreffen ist, noch einmal auf eindrucksvolle Weise zur Darstellung.
Historisch gesehen sind diese offenen großstädtischen kindlichen Lebensräume zum Untergang verurteilt. Im Zuge der ab Mitte des 20. Jahrhunderts einsetzenden Ausweitung des Bildungswesens kommt es zu einer weitreichenden Übernahme des bislang auf die Oberschichten begrenzten modernen Kindheitsmusters durch die unteren Mittel- wie durch große Teile der Unterschichten, deren Kinder nun an dem zeitlich ausgedehnten Bildungsangebot partizipieren. Der auf alle Schichten ausgedehnte Verschulungsprozess führt zu einer Universalisierung von Kindheit im modernen Sinne. Der sozialkritischen Kinderliteratur des frühen 20. Jahrhunderts, deren Geschichte 1933 in Deutschland ihren erzwungenen Abschluss findet, sind in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die gesellschaftlichen Voraussetzungen entzogen. Die großstädtischen, straßenöffentlichen Kindheitsräume, das Einbezogensein der Kinder in das Erwachsenenleben, in die sozialen Konflikte und politischen Auseinandersetzungen, die gewissermaßen das objektive Fundament der sozialkritischen (wie übrigens auch der proletarischen) Kinderliteratur des frühen 20. Jahrhunderts ausmachten, sind ab den 60er Jahren historisch geworden. Es setzt sich mit den späten 50er Jahren – mit dem Siegeszug bspw. von Astrid Lindgrens Bullerbü-Erzählungen – auf kinderliterarischem Gebiet eine erneute thematische Einschränkung auf Kinderweltliches durch, wobei dies für die kindlichen Leser der nicht-bürgerlichen Schichten historisch gesehen die erste Begegnung mit der literarischen Inszenierung einer autonomen Kinderwelt darstellt. Mit der Universalisierung von Kindheit im modernen bürgerlichen Sinn, wie sie knapp zwei Jahrhunderte nach Rousseaus Proklamation der Kindheitsautonomie, zu beobachten ist, erfahren die philanthropische und die romantische Kinderliteraturreform im Grunde erst ihre gesellschaftliche Verallgemeinerung.

Erstveröffentlichung: 23.10.2012


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