Kinder- und Jugendliteratur der Nachkriegszeit in Westdeutschland und Österreich

von Prof. Dr. Hans-Heino Ewers

Die Nachkriegszeit im westlichen deutschsprachigen Raum (bis Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre) darf als eine Blütezeit moderner, auf Autonomisierung der Kindheit abzielender Kinderliteratur gelten. Erst jetzt scheint der in diesem Literaturbereich so beharrliche Traditionalismus besiegt zu sein. Es gewinnt eine Kinderliteratur die Oberhand, die die kindliche Erlebnisperspektive und Weltsicht in den Mittelpunkt rückt, die kindlichen Wünschen und Phantasien die Möglichkeit gewährt, sich auszuleben, die antiautoritär nicht in erster Linie dadurch ist, dass sie die Autorität der Erwachsenen in Frage stellt, sondern darin, dass sie bevormundungsfreie kindliche Spielräume entwirft. Für die westdeutsche Kinderliteraturentwicklung prägend war die Öffnung für die entwicklungsmäßig vorausgeeilte moderne Kinderliteratur vor allem des englischen Sprachraums; es kommt zu einer breiten Rezeption vor allem der Klassiker der fantastischen Kinderliteratur (J. M. Barrie: Peter Pan, 1904; Kenneth Graham: The Wind in the Willows, 1908; Hugh Lofting: Dr. Dolittle, 1920 ff.; A. A. Milne: Winnie the Pooh, 1926; P. L. Travers: Mary Poppins, 1934 ff; C. S. Lewis: Narnia-Erzählungen, 1950 f; Mary Norton: The Borrowers/Die Borgmännchen, 1952 ff.; Pauline Clark: The Twelve and the Genii/Die Zwölf vom Dachboden, 1962; Madeleine L'Engle: A Wrinkle in Time/Die Zeitfalte, 1962).

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Peter Pan als Bühnenstück. Als Bild die Ankündigung der Premiere vom 27. Dezember 1904.

Nicht minder bedeutend ist der Einfluss der breit rezipierten skandinavischen Nachkriegsliteratur für Kinder, allen voran derjenige Astrid Lindgren. Im Werk dieser schwedischen Autorin sind die verschiedenen Stränge moderner Kinderliteratur vereint. Auf der einen Seite der philanthropisch-reformpädagogische, der sich in den Lindgrenschen Umweltgeschichten von der Art der Kinder aus Bullerbü (ab 1947, dt. 1954) niederschlägt. Im Unterschied zu den Umweltgeschichten der Jahrhundertwende, die dem Kind die Großstadt, die Industrie, die Arbeitswelt vor Augen führen, sind die Schauplätze der Erzählungen Lindgrens nicht nur aufs Land, sondern in eine weniger historische, vielmehr poetische Vergangenheit verlegt. Man muss das Lindgrensche "Pferdezeitalter" als eine nach rückwärts projizierte Kindheitsutopie lesen, als die Nach-Außen-Kehrung eines Inneren, des kindlichen Gemüts, seiner Begehren und seiner Wünsche. Präsent im Lindgrenschen Werk ist auf der anderen Seite der romantisch-phantastische Strang mit Titeln wie Mio, mein Mio (1954, dt. 1955) oder Karlsson vom Dach (1955, dt. 1956), die die englische kinderliterarische Tradition fortschreiben. Ausgangspunkt ist hier die problematische Situation des Kindes in der modernen Gesellschaft, die eine Behauptung der Autonomie von Kindheit nur noch auf eine fantastische Weise zulässt. Es mag zu einem nicht unerheblichen Teil dem Einfluss Astrid Lindgrens zuzuschreiben sein, dass die (beachtenswerte) Kinderliteratur der Nachkriegsjahrzehnte sich auf breiter Front autoritärer Züge weitgehend entledigt hat – zum einen dadurch, dass sie die Kinderwelten in freier Selbständigkeit hervortreten lässt und mit weitgehender Unabhängigkeit ausstattet, zum anderen dadurch, dass sie die positiven erwachsenen Randfiguren nicht als Autoritätspersonen, sondern als Partner der Kinder gestaltet. Die offene, provokatorische Infragestellung von Autoritäten, wie sie in Lindgrens Pippi Langstrumpf (1945, dt. 1949) anzutreffen ist, bleibt in dieser kinderliterarischen Epoche freilich die Ausnahme. Wir haben es dennoch mit einem kinderliteraturgeschichtlich bemerkenswerten Umschwung zu tun: Eine nicht-autoritäre Kinderliteratur genießt mit einem Male eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, während gleichzeitig Kinderliteratur mit sichtbar autoritären Zügen in Misskredit zu geraten beginnt. Die moderne Kinderliteratur, die auf Kindheit als eigenständigen wie autoritätsfreien Raum abhebt, ist damit zur kinderliterarischen Normalität geworden.

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Pippi Langstrumpf als deutsche Briefmarke (2001)

Im westdeutschen und österreichischen Raum ist in den 50er und 60er Jahren eine reichhaltige Blüte moderner Kinderlyrik zu beobachten. In Anknüpfung an die Kinderlyrik des Biedermeier (Wilhelm Hey, Hoffmann von Fallersleben, Friedrich Güll) und der Jahrhundertwende (Paula und Richard Dehmel) tritt sie als naive kindliche Ausdruckspoesie auf, die insofern zugleich Naturlyrik ist, als allein die Natur dazu befähigt ist, das kindliche Gemüt widerzuspiegeln.
Die neue Kinderlyrik zeigt einesteils große Nähe zum volkstümlichen Kinderreim (Friedrich Hoffmann: Ole Bole Bullerjahn, 1957), greift andernteils Elemente der modernen Erwachsenen(Natur-)lyrik auf (Josef Guggenmos: Lustige Verse für kleine Leute, 1956, Was denkt die Maus am Donnerstag, 1967; Christine Busta: Die Sternenmühle, 1959; Elisabeth Borchers: Und oben schwimmt die Sonne davon, 1965). Daneben entwickelt sich in Anknüpfung an Erich Kästner (Das verhexte Telefon, 1932) eine komische, bisweilen moritatenhaft groteske Kinderlyrik, die in erster Linie von James Krüss gepflegt wird (Spatzenlügen, 1957, Der wohltemperierte Leierkasten, 1961). Krüss fördert zugleich die Nonsense-Poesie und das lyrische Sprachspiel, die jedoch erst ab Mitte/Ende der 60er Jahre Konjunktur haben (Hans A. Halbey: Pampelmusensalat, 1965; Jürgen Spohn: Der Spielbaum, 1966, Michael Ende: Das Schnurpsenbuch, 1969; Josef Guggenmos: Gorilla, ärgere dich nicht, 1971); hier kommt es auch zu einer Entdeckung von Morgenstern, desjenigen der Galgenlieder, und von Ringelnatz.
Auf epischem Gebiet ragt James Krüss heraus, der mit seinen Helgoländer Erzählzyklen (Der Leuchtturm auf den Hummerklippen, 1956, Mein Urgroßvater und ich, 1959) die Kinderliteratur in die Tradition althergebrachter Erzählkunst einfügt. Neben ihn tritt Otfried Preußler, dessen literarische Kindermärchen und Kasperlgeschichten (neben Die kleine Hexe etwa Der kleine Wassermann, 1956, Der Räuber Hotzenplotz, 1962, Das kleine Gespenst, 1966) zu auch international erfolgreichen Kinderbuchklassikern aufgestiegen sind, was ebenso für die bereits erwähnten Jim-Knopf-Bücher (1960-62) Michael Endes gilt. Zeitverhafteter erscheinen demgegenüber die realistischen Kindererzählungen dieser Zeit (bspw. Heinrich Maria Denneborg: Jan und das Wildpferd, 1957; Ursula Wölfel Der rote Rächer, 1959, Feuerschuh und Windsandale, 1961).

 

Erstveröffentlichung: 15.02.2013

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