von Sabine Planka

Die Faszination für den magisch begabten Puppenspieler Grisini wird Clara zum Verhängnis: Nach einer seiner Aufführung verschwindet sie plötzlich – und Grisinis Helfer, die beiden Waisenkinder Parsefall und Lizzie Rose, finden eine neue Marionette in der Puppensammlung… Ein spannender Roman, der sich der Thematik des Puppenspiels annimmt, mit düsterer Magie anreichert und den Leser in die Straßen Londons des 19. Jahrhunderts entführt.

Schlitz, Laura Amy: Clara und die Magie des Puppenmeisters.
Aus dem Amerikanischen von Eva Plorin.
Thienemann, Stuttgart/Wien 2013.
510 Seiten. 14,95 €.
ISBN 978-3-522-18303-1.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Die Geschichte, die Laura Amy Schlitz erzählt, spaltet sich auf in vier unterschiedliche Handlungsstränge, die sich immer wieder überlappen, miteinander verflechten und schlussendlich aufgelöst werden. Die Handlung beginnt mit der Hexe Cassandra, die von ihrem magischen Talisman, einem Feueropal, gepeinigt wird. Unter Schmerzen denkt sie an die Zeit zurück, als der Stein das Interesse von Grisini, einem Magier und Zauberer mit Interesse an den dunklen Künsten, geweckt hat. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich und sie versucht, den Stein loszuwerden, was jedoch zunächst misslingt. Dieser Handlungsstrang wird verknüpft mit zwei weiteren narrativen Strängen: Der erste davon dreht sich um Clara Wintermute, einem zwölfjährigen Mädchen, deren Geschwister der Cholera zum Opfer gefallen sind. Sie entdeckt in den Straßen Londons das Puppentheater Grisinis, der zusammen mit den Waisenkindern Lizzie Rose und Parsefall die Menschen unterhält. Und obwohl ihr Grisini unheimlich ist, fühlt sie sich doch magisch angezogen von dessen Spiel mit den kleinen Marionetten und wünscht sich zu ihrem Geburtstag, dass sie den Puppenspieler auf ihrer Geburtstagsfeier sehen und zuvor mit den beiden Kindern Tee trinken darf. Ihr Wunsch wird erfüllt, das Puppenspiel schlägt die Geburtstagsgesellschaft in seinen Bann. Besonders Clara ist fasziniert vom Spiel mit den Marionetten. Grisini, dem diese Faszination nicht verborgen geblieben ist, fängt Clara allein auf der Treppe ab. Am nächsten Morgen ist Clara verschwunden. Ihre Eltern machen sich Sorgen und lassen die Polizei nach ihr suchen.

Mit diesem Handlungsstrang wird das Geschehen um Grisini mit seinen beiden Begleitern Lizzie Rose und Parsefall verflochten. Das Leben der beiden Kinder ist von Armut gezeichnet. Zusammen mit Grisini leben sie zur Untermiete bei Mrs. Pinchbeck. Als die Polizei bei ihnen vor der Tür steht und sie zum Verschwinden von Clara befragen, ist vor allem Lizzie Rose bestürzt. Nach und nach finden die beiden Kinder heraus, dass der Puppenspieler etwas mit der Sache zu tun haben muss und sie durchsuchen während seiner Abwesenheit seine Sachen. Dabei fällt dem Parsefall eine neue Puppe in Grisinis Marionettensammlung auf, die sich als Clara entpuppt.

Die Handlung folgt nun Grisini, der als Erpresser entlarvt wird und seine magischen Fähigkeiten nutzt, um Kinder zu entführen. Bei der Geldübergabe für Clara wird er jedoch von der Hexe Cassandra gerufen – 'ihr' Handlungsstrang wird hier erneut eingeflochten –, die seine Hilfe benötigt, um den Stein loszuwerden oder zu zerstören. Grisini reist zu Cassandra, da er den Stein immer noch begehrt. Lizzie Rose und Parsefall, die die Marionetten und Clara im Gepäck haben, folgen Grisini nach Windermere, wo Cassandras Burg steht.

Wird es ihnen gelingen, Grisini zu überlisten? Und erhält Clara ihre menschliche Gestalt zurück und kann zu ihren Eltern zurückkehren?

Kritik

Es gelingt Schlitz gekonnt und überzeugend, die einzelnen Handlungsstränge der komplexen Handlung miteinander zu verknüpfen, so dass kontinuierlich Spannung aufgebaut und der Leser mitgerissen wird, bis sich die Stränge am Ende vereinen. Dabei schreckt Schlitz nicht davor zurück, Szenerien zu schildern, die in Ihrer Grausamkeit stellenweise an die Harry Potter-Romane erinnern:

"Und jetzt, Gaspare, sagen sie mir: Bluten Sie?", fragte Cassandra. Grisini verzog das Gesicht. Er fasste sich an den Hinterkopf und betrachtete dann seine Finger. Sie glänzten tiefrot. […] "Und bluten sollen Sie, bis ich entscheide, dass es genug ist." Cassandra blickte Lizzie Rose an, dann Parsefall. "Seht ihr, wie ich für euch Rache übe, Kinder? Seht ihr, wie groß meine Macht ist? Dieser Mann wird euch nie mehr ein Leid zufügen. Er ist meine Puppe." Sie hob die Arme und spreizte die Finger, als würde sie Fäden ziehen. 'Seht ihr? Ich kann ihn bluten lassen, ich kann ihn tanzen lassen!' Grisinis Körper zuckte. Er hielt die Arme hoch, die Handflächen geöffnet, um zu klatschen. Seine Knie beugten sich, er stellte den Fuß schräg und begann, mit der Ferse auf den Boden zu pochen. Dann vollführte er wilde Hüpfer, wobei sein Kopf von einer Seite zur anderen kippte. Wie Perlen quollen Blutstropfen aus den gefurchten Wunden auf seinen Wangen. Das Blut verfärbte den Kragen seines Nachthemdes dunkel und glitzerte auf dem stumpfen Schwarz seines Gehrocks. Die Hexe riss die Hände in die Höhe, und er vollführte einen kerzengeraden Luftsprung. Dann schnippte Cassandra mit den Fingern und er machte mit einem knackenden Geräusch einen Kniefall. (S. 419)

Diese Eindringlichkeit, mit der Schlitz diese grausame Szenerie schildert – im Übrigen kein Einzelfall –, findet sich umgekehrt aber auch bei der Charakterisierung ihrer Figuren und lässt sich insgesamt durch einen hohen Anteil an Adjektiven erklären, die das Geschehen beschreiben. Mit wenigen Worten charakterisiert sie Clara treffend, wenn sie schreibt: "Clara richtete sich blinzelnd auf. Warum sie unbedingt verheimlichen wollte, dass sie bereits wach war, hätte sie nicht erklären können. Sie hatte einen angeborenen, chronischen Hang zu Heimlichkeiten." (S. 15)

Dazu trägt auch die heterodiegetische Erzählperspektive mit variabler interner Fokalisierung bei, so dass das Geschehen aus der Sicht unterschiedlicher Figuren erzählt wird. Der Erzähler schreckt dabei auch nicht davor zurück, die Sicht Claras einzunehmen, die in dem Puppenkörper gefangen ist:

Aber ich bin Clara, wollte Clara gerade protestieren, da drang das Wort Puppe in ihr Bewusstsein. Schlagartig begriff sie. Ein kalter Schauer überlief sie. Es fühlte sich so an, als würde ihr Körper zittern, aber sie blieb vollkommen reglos. Eine Puppe konnte sich nicht bewegen, es sei denn, der Puppenspieler zog an den Fäden, und Clara hatte keine Fäden. Ihre Glieder hingen schlaff und wie abgetrennt herab. Trotzdem versuchet sie, zu sprechen: Ich bin Clara! Eine Woge der Traurigkeit überkam sie, weil es ihr nicht gelang, einen Laut von sich zu geben. (S. 165)

Das Konzept des Eingeschlossenseins in einem leblosen Puppenkörper, mit dem hier virtuos gespielt wird, ist nicht neu, sondern findet sich beispielsweise bereits im Kurzfilm Alma aus dem Jahr 2009, wo ein kleines Mädchen durch die Berührung einer Puppe, die wie sie selbst aussieht, in den Puppenkörper hineingesogen wird. Ihr lebendinger Geist verschmilzt mit dem leblosen und unbeweglichen Puppenkörper. Relevant sind in diesem Fall die Augen der Puppe, durch die die hilflos Eingeschlossenen ihre Umgebung wahrnehmen können – und die dann auch erst erkennen können, dass sich in den Puppen um Alma herum noch andere eingeschlossene Kinder befinden (vgl. dazu Planka 2013).

Bei aller aufgebauten Spannung um das Verschwinden von Clara, die zentral mit allen Handlungssträngen verwoben ist, ist die Auflösung des Geschehens – das Zerstören des Feueropals durch Clara – leider etwas farblos gestaltet. Die Szenerie selbst ist durchaus spannend, wird Clara doch von Grisini verfolgt, der den Stein unbedingt in seine Gewalt bringen will. Dass der Feueropal dann jedoch unter Claras Berührung und ihrem Wunsch heraus, Parsefall und auch Lizzie Rose zu beschützen, einfach in Scherben und Splitter zerfällt, erscheint vor dieser Dramatik allerdings enttäuschend und weckt den Wunsch nach einem fulminanteren Höhepunkt. Daran kann auch der Einsturz des Burgturms nichts ändern, der seine Magie durch die Zerstörung des magischen Steins verliert. Schade ist auch das etwas zu rührselige Ende der Geschichte, als es Clara gelingt, ihre Eltern zu überzeugen, Lizzie Rose und Parsefall in ihre Familie aufzunehmen.

Fazit

Laura Amy Schlitz ist mit Clara und die Magie des Puppenmeisters ein unterhaltsamer und spannender Roman gelungen, der sowohl durch die sprachliche Virtuosität als auch die schlüssige Verwobenheit der Handlungsstränge getragen wird und es versteht, den Leser zu fesseln. Dazu trägt auch die Ausgestaltung der Protagonisten bei, die jeder für sich überzeugen.

Aufgrund der zum Teil grausamen Szenen, die Schlitz schildert, ist der Roman für Kinder ab 12 Jahren geeignet.

Literatur

  • Planka, Sabine: "knusper, knusper, kneischen, wer knuspert an meinem Häuschen?" – Hexenhäuser als Orte der Verführung und des Schreckens. In: Planka, Sabine/Mikota, Jana (Hgg.): Das Motiv der Hexe in den Kinder- und Jugendmedien. Berlin: Weidler, 2013. S. 29-56.
    ALMA (2009, Regie/Story: Rodrigo Blaas; Produzentin: Cecile Hokes. Animationsfilm)

 

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