Brooks, Kevin: Bunker Diary

von Dr. phil. Sabine Planka

Sechs Menschen werden von einem Unbekannten entführt und in einen unterirdischen Bunker gesperrt. Ihre Abhängigkeit vom Unbekannten, der sie gleichermaßen versorgt und für Fluchtpläne bestraft, macht ihnen ebenso zu schaffen, wie die permanente Anwesenheit der anderen. Ein Thriller, der unter die Haut geht und an Sartres Geschlossene Gesellschaft (OT: Huis Clos) denken lässt: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Brooks, Kevin: Bunker Diary
Aus dem Englischen v. Uwe-Michael Gutzschhahn
dtv, München 2014
276 S. + 24 unpaginierte S., 12,95 €
ISBN: 978-3-423-74003-6

Inhalt
Die story ist schnell erzählt: Ein Unbekannter entführt sechs Menschen, die er in einen unterirdischen Bunker sperrt. Er beobachtet sie, sanktioniert oder belohnt ihr Verhalten, schickt Essen oder verweigert es – kurzum: Er herrscht über seine Versuchspersonen, die er immer wieder Situationen aussetzt, in denen die Protagonisten nur scheitern können.

Der linear erzählte Roman führt zunächst Linus ein, der beginnt, Tagebuch zu schreiben – eben das Bunker Diary –, das der Leser in den Händen hält. Nachdem er einen Tag allein im Bunker war und ihn erkundet hat, kommt mit Jenny ein kleines Mädchen hinzu. Nach und nach treffen durch einen vom Entführer gesteuerten Aufzug Fred, Anja, Bird und Russel ein, die unterschiedliche berufliche und soziale Hintergründe aufweisen. Gefangen im Bunker, müssen sie sich mit ihrer Situation arrangieren. Doch es kommt immer wieder zu Konflikten, die angestachelt werden durch den Entführer, der den Bunker präpariert hat. So kann er die Bunkerinsassen nicht nur durch Kameras beobachten, sondern auch durch den kontrollierten Einsatz der Sprinkleranlage und des Heizsystems bestrafen. Zudem kontrolliert er den Aufzug, durch den er den Bunkerinsassen Lebensmittel und Hygieneartikel zukommen lässt.

Die Konflikte spitzen sich zu, als erste Fluchtpläne scheitern und der Entführer Gas zur Bestrafung der Bunkerinsassen einsetzt, das sie entweder bewusstlos werden lässt oder zu fürchterlichen Verbrennungen führt. Zudem beginnt der Entführer, Spiele mit den Insassen zu treiben: Er reichert das Essen mit Drogen an, er schickt den Bewohnern Genussmittel, die ihre Gier anstacheln und er hetzt schließlich einen Dobermann auf die Bunkerbewohner, der Bird anfällt, von Fred aber getötet werden kann. 

Das Spiel des Entführers nimmt an Perfidität zu, als eines Morgens zusammen mit einem gebratenen Stück Fleisch ein Zettel im Aufzug liegt mit den Worten: "hÖRT – iCH VERSPRECHE: dER DER JEMAND aNDEREN TÖTET KOMMT fREI" (S. 207). Die erste, die stirbt, ist Anja, ermordet wahrscheinlich von Bird, wie die anderen vermuten. Der Entführer versucht auch hier wieder zu manipulieren, indem er einen weiteren Zettel schickt: "LüGEN – mEINE WAHRHEIT: LiNUS hAT DIE fRAU gEMORDeT" (S. 232). Als sich die Bewohner davon nur minimal beeinflussen lassen, greift der Entführer zu einem Trick: Er schaltet – mal wieder – das Licht aus und schickt im Aufzug ein klingelndes Telefon hinunter. Während Linus und Fred das Telefon finden, versucht Bird Jenny umzubringen, die jedoch von Linus und Fred gerettet werden kann. Fred bringt Bird in Notwehr um. Nach und nach versterben die Bunkerinsassen: Als nächster begeht Russel Selbstmord, indem er sich mit den Scherben seines Glasauges die Pulsadern aufschneidet. Zuletzt sind Fred, Linus und Jenny übrig und der Leser merkt, dass ihnen die Energie ausgeht. Dem Entführer scheint es ebenso zu gehen: Die Geschichte lässt die Interpretation zu, dass er das Interesse an den Dreien verliert. Er stellt Strom und Wasser ab, schickt kein Essen mehr und überlässt die Gefangenen sich selbst. Fred begeht Selbstmord, indem er Bleichmittel trinkt, Jenny stirbt in Linus' Armen und Linus ist schließlich so schwach, dass er das Tagebuch nicht weiterschreiben kann. Seine Aufzeichnungen werden unzusammenhängend, klare Gedanken werden zunehmend verdrängt von Wörtern, die an Wahn, Delirium und Phantastereien erinnern und schließlich abbrechen: "das weiß ich / tut nicht mehr weh / das ist" (o.P.). Übrig bleiben leere, ungefüllte Seiten.

Kritik
Mit Bunker Diary hat Kevin Brooks einen Thriller verfasst, der dem Leser unter die Haut geht und aufgewühlt zurücklassen wird. Der Leser wird sofort in die Handlung entlassen, erst retrospektiv erfährt er, wie die einzelnen Figuren in den Bunker gelangt sind und wie der Entführer sie hat entführen können.

Die Form des Tagebuchs, die Brooks gewählt hat, vermittelt das Geschehen unmittelbar, handelt es sich doch mit Linus als Verfasser um einen autodiegetischen Erzähler – also um eine fixierte interne Fokalisierung –, der das Erlebte unmittelbar niederschreibt und der Nachwelt übermittelt. Das Geschehen erschließt sich somit nur aus Linus' Tagebuchaufzeichnungen und bezeugt das Grauen, dem die Bunkerinsassen ausgeliefert sind. Durch Linus' Einträge, die sich oft auch um die eigene Vergangenheit drehen und für ihn eine Art Vergangenheitsbewältigung darstellen, leben auch die anderen Personen auf. Durch die Beschreibungen der anderen Akteure und deren Verhalten im engen Raum, wo man sich nicht ausweichen kann, erhalten sie Kontur und werden durch ihre Interaktionen für den Leser sympathisch oder lassen Antipathie entstehen.

Aus Linus' Aufzeichnungen spricht dessen Intelligenz, wenn er z.B. geradezu philosophisch über die Zeit nachdenkt:

Du hast die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, okay? Was Zeit betrifft, ist das alles, was du hast. Früher, jetzt und später. Die Vergangenheit ist vorbei. Du kannst doch nicht in der Vergangenheit leben, oder? Sie ist weg. Du kannst dich an sie erinnern, aber du kannst nicht in ihr Leben. Und in der Zukunft auch nicht. Sie ist noch nicht da. Bleibt dir also nur die Gegenwart. Jetzt. Aber wenn du darüber nachdenkst, wenn du dich fragst, was die Gegenwart eigentlich ist, wann sie ist … ich meine, wie lange dauert die Gegenwart? Wie lange dauert jetzt? Dieser Moment, jetzt gerade, der Moment, in dem du gerade lebst? Wie lange dauert er? Eine Sekunde? Eine halbe Sekunde? Eine Viertelsekunde? Eine Achtelsekunde? Du kannst ewig so weiter halbieren, wieder und wieder und wieder. Runter bis zu einer infinitesimal kleinen Zeitspanne, einem Abermillionstel einer Nanosekunde, und dann kannst du immer noch wieder halbieren. Wie kannst du in so einer unmessbar kurzen Zeitspanne leben? Geht nicht, oder? Ist zu klein, um sie zu erfahren. Bevor du es weißt, ist die Zeitspanne längst vorbei. Aber wenn du nicht jetzt lebst und auch nicht in der Zukunft oder Vergangenheit – verdammt noch mal, wann lebst du? (S. 190f.)

Durch Linus' Augen kann der Leser einen Blick auf das Geschehen werfen, auf die Ausweglosigkeit der Situation, die Abhängigkeit vom Entführer und die verzweifelten Versuche, einen Fluchtplan zu schmieden, die immer wieder vom Entführer bestraft werden. Die Situation, die sich hier zeigt, ist trostlos, die Sinnlosigkeit der Tat, von der nicht klar wird, ob sie aufgeklärt werden konnte oder ob Linus gar gerettet werden konnte, wird implizit immer wieder über Linus' Tagebuchaufzeichnungen transportiert. Der große Unbekannte, der hinter dem Geschehen steht, wird nicht enttarnt und erweist sich – auf Brooks' bisherige Bücher bezogen – als eine Konstante, die in so manchem seiner Bücher auftaucht, aber nie entlarvt oder erklärt wird. Er als Verursacher bleibt im Dunkeln und mit ihm die Gründe für sein Tun. Fragen, die sich stellen, z.B. warum sich Menschen am Leid anderer ergötzen und wie eine solche Perfidität und ein derartig grausames Verlangen nach Gewalt und Manipulation überhaupt entstehen können, werden nicht beantwortet. Für den Leser bedeutet das, dass er sich selbst aktiv mit dem Erzählten auseinandersetzen und nach den Gründen menschlichen Verhaltens fragen muss.

Brooks verhandelt in seinem Thriller Fragen, die die grundlegende Existenz des Menschen und die Menschlichkeit vor dem Hintergrund extremer Situationen in den Fokus rücken. Einerseits rückt Bunker Diary in die Nähe des Films THE HOLE (2001), der ebenfalls den Bunker als Handlungsraum in den Mittelpunkt stellt und eine Gruppe Jugendlicher zeigt, die in dem Bunker gefangen gehalten wurden. Die zunehmende Spannung nicht mehr aushaltend, versterben die Jugendlichen bzw. töten sich gegenseitig im Kampf um Lebensmittel. Nur ein Mädchen wird überleben – und sich als wahre Täterin entpuppen, die die Entführung inszeniert hat.
Andererseits lassen sich auch Bezüge schlagen zum bereits eingangs genannten Werk Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre: Drei Menschen treffen nach ihrem Tod in einem Zimmer aufeinander, das sie nicht mehr verlassen werden. Vor der Unwirklichkeit der Situation, in der sie sich befinden, rücken sie zu Beginn erst solidarisch zusammen, bevor sie dann langsam aber sicher um ihre eigene Integrität bangen und Angst haben, dass ihre (Lebens-)Lügen aufgedeckt werden. Fortan gefangen zwischen Liebe und Hass, sexueller Anziehung und dem Abgewiesen werden sowie Anerkennung und Ablehnung, müssen Inès, Estelle und Garcin bis in die Ewigkeit zusammen ausharren und machen sich das Leben zunehmend gegenseitig zur Hölle.

Brooks greift auf dieses Konzept zurück und verbindet die von der Außenwelt abgeschnittenen Akteure mit einem unerkannt bleibenden Täter, dem seine Opfer ausgeliefert sind. Das Nichtbeantworten von Fragen, die aus dieser Konstellation zwangsläufig entstehen, kombiniert mit der Grausamkeit der verübten Taten, kann verstörend auf Leser wirken, die sich durch das  offene Ende – Brooks belässt die letzten Seiten des Tagebuchs unpaginiert, hierauf folgen leere Seiten, um die Irrelevanz von Zeit und Ordnung in dieser Situation zu verdeutlichen – verstört und unbefriedigt zurückgelassen fühlen können. Die Tatsache, dass es Linus' Aufzeichnungen zum Leser geschafft haben, somit indirekt ein Herausgeber impliziert wird, der das Tagebuch gefunden haben muss, bei dem es sich sowohl um den Entführer – was die Perfidität auf eine noch höhere Stufe stellen würde – als auch um Polizei handeln kann, ermöglicht zumindest im Ansatz ein positives Ende. Vor der Gleichgültigkeit, mit der der Entführer die Bunkerinsassen seiner Willkür aussetzt und schließlich sich selbst überlässt, verblasst es jedoch und wird höchst unwahrscheinlich.

Fazit
Kevin Brooks ist mit Bunker Diary ein Thriller gelungen, der den Leser verstört zurücklässt und mehr Fragen aufwirft als beantwortet – ein typisches Merkmal für Brooks' Bücher, die immer den Moment, den Augenblick in den Fokus rücken und philosophische Züge tragen. Brooks spielt mit den Menschen, unterzieht sie einer psychologischen Betrachtung und zeigt, wie weit Menschen im Schutz der Anonymität gehen können.

Aufgrund der psychischen Gewalt und der Willkür des Entführers, der die Bewohner des Bunkers ausgesetzt sind, und der physischen Gewalt, die sich die Bewohner gegenseitig antun, erscheint der Roman für Leser ab frühestens 16 Jahren geeignet.

Literatur
Sarte, Jean Paul: Geschlossene Gesellschaft. Dt. v. Traugott König. Hamburg: Rowohlt 1991.

THE HOLE (2001, R: Nick Hamm; nach einer Romanvorlage von Guy Burt)

 

 

 

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