von Sabine Planka

Nach dem Tod ihrer Mutter kommt Gwen auf die Mythos Academie, einer Art Internat, wo von antiken Völkern und Kriegern abstammende Jugendliche mit magischen Fähigkeiten auf einen bevorstehenden Krieg vorbereitet werden. Ein Roman, der sich an ein älteres Lesepublikum richtet und antike Mythologie in den Fokus rückt.

Estep, Jennifer: Frostkuss. Mythos Academy I
A.d. Amerk. v. Vanessa Lamatsch
ivᴉ (Piper-Imprint), München 2013
377 S., 14,99 €
ISBN 978-3-492-70249-2

Inhalt
Gwen ist eine sog. "Gypsy", ein Mensch, der mit der Gabe der Psychometrie – eine "schicke, pseudowissenschaftliche Bezeichnung dafür, dass in meinem Kopf Bilder und Gefühle anderer Leute aufblitzten […]" (S. 20.) – ausgestattet ist, wenn Personen oder Gegenstände berührt werden. Nach dem Tod ihrer Mutter beschließt Gwens Großmutter, sie auf die Mythos Academy zu schicken, damit sie ihre Gabe besser einzusetzen weiß.

Gwen ist in der Academy zunächst eine Außenseiterin, die mit den Nachkommen diverser antiker Völker – Griechen, Spartaner u.a. aus unterschiedlichen Epochen – konfrontiert wird, die im Luxus schwelgen und mit Prada-, Gucci- und Ralph Lauren-Accessoires auf dem Schulcampus herumlaufen. Gwen nutzt ihre Gabe zunächst, um verschwundene Gegenstände ihrer Mitschüler aufzuspüren. Zunehmend wird sie jedoch mit mythologischen Geschichten und Hintergründen konfrontiert, die ihr nicht als Sagen vermittelt werden, sondern als echte Historie. Das alles kann sie zunächst nicht glauben, bis sie ihre Mitschülerin Jasmine ermordet in der Bibliothek auffindet und immer mehr mit griechischer Historie konfrontiert wird, die bis in ihr eigenes Leben hineinreicht. Zunehmend schenkt Gwen den Geschichten nun Glauben und akzeptiert die mythologischen Sagen als reale Ereignisse.

Nach und nach findet Gwen heraus, dass alle Schüler auf der Academy ausgebildet werden, um im Kampf der Götter zu verhindern, dass der Gott Loki, ein nordischer Gott aus dem Geschlecht der Asen, aus seiner Gefangenschaft entkommen und die Weltherrschaft an sich reißen kann. Unfreiwillig findet sie Unterstützung von Daphne, zu der sie zu Beginn der Handlung keine freundschaftliche Beziehung hat, die aber im Laufe der Handlung zu ihrer Freundin wird. Auch Logan Quinn, ein Spartaner-Krieger, rettet sie mehrmals aus brenzligen Situationen, eine Liebe zwischen beiden – von beiden offensichtlich ersehnt – ist aus narrativen Gründen aber noch ausgeschlossen. Nach einigen Wirrungen stellt sich heraus, dass Jasmine ihren Tod nur vorgetäuscht hat, da sie eine Unterstützerin Lokis ist. Als solche gehört sie der Gruppe der sog. Schnitter an und will Loki ihre Mitschülerin Morgan opfern, die wiederum mit ihrem Freund Samson geschlafen hat. Logan und Gwen, die zwischenzeitlich von der griechischen Siegesgöttin Nike deren Schwert erhalten hat und damit zu Nikes persönlichem Champion – einer Art stellvertretendem Kämpfer auf Erden – geworden ist, können Morgan retten und Jasmine endgültig töten. Am Ende des Romans hat Gwen eine neue Freundin, ist Champion der Göttin Nike und kämpft somit für sie in Schlachten, ist aber zugleich unglücklich verliebt und muss gegen Loki und sein Gefolge kämpfen, die ihr durch Jasmines Tod nach dem Leben trachten.

Kritik
Die Lektüre der ersten Seiten von Frostkuss ist geprägt durch den Eindruck von Oberflächlichkeit, der durch den zur Schau gestellten Luxus der Schüler evoziert wird. Begründet wird das durch die Tatsache, dass die Schüler im Kampf der Götter ums Leben kommen könnten und sie aufgrund dessen in ihrem mitunter sehr kurzen Leben im Luxus schwelgen dürfen; Eine deutliche Kritik daran kommt nur implizit durch Gwen zum Ausdruck, die sich diesem Lebensstil nicht anschließen will und sich – zumindest im ersten Band – bewusst ausgrenzt und weiterhin das bodenständige Mädchen bleibt, das lieber in Großmutters Küche deren selbstgebackene Kekse und Kuchen isst. An und für sich ein positiver Zug für eine Protagonistin, die eine ganze Buchreihe hindurch den Leser mitziehen soll und die Geschichte als autodiegetische Erzählerin aus ihrer Sicht retrospektiv berichtet. Jedoch überzeugt Gwen nicht vollständig: Ihre schnippische und lässige Art, die sie versucht vorzugeben, wird kombiniert mit Minderwertigkeitskomplexen, die die Protagonistin über sich selbst immer wieder äußert: "Ich war so damit beschäftigt, die Gruppe anzustarren, dass ich in einen Kerl lief, der den Hof in die andere Richtung überquerte. Und natürlich rutschte mir dabei die Tasche von der Schulter, und meine Bücher verteilten sich über den Boden. Bei Mädchen wie mir läuft es einfach so" (S. 32). Äußerungen wie: "Und besonders, dass ich anfing, ihn zu mögen, viel mehr, als ich sollte, wenn man bedachte, dass er war, wer er war, und ich war, wer ich war. Gwen Frost, dieses Gypsymädchen, das Dinge sieht. Ich war weder etwas Besonderes noch aufregend oder auch nur ansatzweise interessant" (S. 209f.), die die selbst empfundene Minderwertigkeit und Unscheinbarkeit der Protagonistin veranschaulichen sollen, erinnern an Stephenie Meyers Protagonistin Bella Swan aus Twilight. Neben der Tatsache, dass hier eine Bezugsebene zum Leser aufgebaut werden soll, dient dieses Vorgehen narrativ zunächst dazu, Gwen in eine vorerst unglückliche Liebesgeschichte mit dem Spartaner-Krieger Logan Quinn zu verwickeln: Logan, der sich anscheinend in Gwen verliebt hat, aber zunächst noch mit einer Mitschülerin verbandelt ist, und Gwen, die bisher nur einmal geküsst wurde und es nicht begreifen kann, dass sich ihr ein Spartaner-Krieger nähern will. Behält man aber im Hinterkopf, wie strahlend Bella am Ende der Twilight-Reihe mit ihrem Edward zusammen leben darf, kann man das Ende von Logan und Gwen fast schon vorhersehen.

Gwens Außenseitertum wird zudem dadurch unterstrichen, dass ihr Zimmer im Wohnheim das einzige im 2. Stock ist und auch noch ein Turmzimmer ist, ein Konzept, das an Sibyll Trelawney aus den Harry Potter-Romanen erinnert: Auch sie residiert fernab der Gesellschaft in ihrem Turmzimmer und lässt sich – im Gegensatz zu Gwen – äußerst selten im restlichen Internat blicken. Wenn sich Grace zu Beginn der Geschichte noch häufig zurückzieht und Comics liest, hat sie am Ende des ersten Bandes in Daphne eine neue beste Freundin gefunden, ist aber unglücklich verliebt und muss das Schicksal tragen, gegen einen bösen Gott und dessen Gefolge anzutreten, der die Weltherrschaft an sich reißen und alle anderen Götter vernichten will. Ein Konzept, das sehr an die Rückkehr einer verdammten Gottheit, respektive dem Antagonisten erinnert, dem sich der Protagonist in einem finalen Kampf stellen muss, und zudem an die Rückkehr von Lord Voldemort in der Harry Potter-Heptalogie erinnert.

Gwens Wandlung von der Außenseiterin zur Kriegerin, die maßgeblich angetrieben wird durch die Begegnung mit der Siegesgöttin Nike, ist ebenfalls nicht neu, sondern findet sich in zahlreichen anderen Romanen – besonders Trilogien – für Jugendliche, z.B. Die Tribute von Panem von Suzanne Collins oder auch Die Bestimmung von Veronica Roth. Während diese Romane in einer Welt angesiedelt sind, die als dystopisch zu bezeichnen sind und eine Gesellschaft zeigen, die sich nach dem Zusammenbruch neu konstituiert hat, ist das Leben hier geprägt durch ihre mythologischen Hintergründe: Menschen sind an die Handlungen der Götter gebunden und werden mit der Welt antiker Gottheiten verknüpft. Aber auch das ist kein Novum, sondern findet sich bereits – innovativer und überzeugender – umgesetzt in Rick Riordans Percy Jackson-Reihe, die sich an Leser ab ca. 12 Jahren richtet und sich ebenfalls um einen Götterkrieg dreht, in dem Menschen als 'Götter-Helfer' auf Erden für und gegen unterschiedliche Götter kämpfen müssen, um den Untergang der Welt zu verhindern.

Bekannt ist auch die Wandlung, die Gwens neue Freundin Daphne durchmacht – von der 'Klischee-Zicke', die Gwen nicht ausstehen kann, zur besten Freundin, die sich von ihrem alten Freundeskreis abbricht und die Oberflächlichkeiten der alten Clique nicht mehr erträgt – und die letzten Endes zu plötzlich kommt, als dass sie wirklich überzeugt, auch wenn Daphne als tatsächlich interessiertes Mitglied im Computerclub (!) gezeigt wird: "Aber ich bin es leid. Ich kenne diese Mädchen seit der ersten Klasse, und ich habe das Gefühl, sie werden jedes Jahr noch oberflächlicher und dümmer. Ich glaube, es ist an der Zeit, neue Freunde zu finden" (S. 221).

Hinzu kommt die nur an wenigen Stellen überzeugende sprachliche Gestaltung des aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Romans, dem man anmerkt, dass er bewusst auf Jugendliche ausgerichtet und mitunter sehr umgangssprachlich und derb ist (wie z.B. auch im Ansatz in P.C: und Kristin Casts House of Night-Reihe zu erkennen ist): "Vorne im Kleid musste irgendein Drahtgestell eingearbeitet sein, das ihre Titten in erstaunliche Höhen hob, während der Schlitz in ihrem Rock fast bis zum Gelobten Land reichte" (S. 243). Jugendliche Leser mag das ja eventuell ansprechen, einen erwachsenen Leser – man bedenke, dass die Romane als All-Age-Romane lanciert werden – mag das nicht locken, wahrscheinlich sogar eher abschrecken, die Reihe weiterzuverfolgen.

Fazit
Alles in allem enttäuscht Frostkuss, auch wenn es inzwischen in der 8. Auflage (!) erschienen ist. Dem Label All-Age-Roman wird es nicht gerecht; Einzelne Komponenten, die bereits innovativer in anderen Werken eingesetzt wurden, werden hier neu miteinander zu einer Geschichte verwoben, die leider weder durch die Protagonisten noch durch die Sprache überzeugen kann und deren Kernelemente der Handlung auch bereits aus anderen Werken der Kinder- und Jugendliteratur bekannt sind.

Aufgrund gewaltvoller Szenen, der sprachlichen Gestaltung und der Anreicherung durch sexuelle Freizügigkeiten, die beschrieben werden, ist der Roman wohl erst für Leser ab frühestens 15-16 Jahren geeignet.


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