von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Was hat der Erste Weltkrieg mit unserem heutigen Leben zu tun? Was passierte überhaupt 1914? Wieso galt das Attentat in Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger als Auslöser für den Krieg? Nikolaus Nützel sucht Antworten auf solche Fragen und legt ein beeindruckendes Sachbuch für Jugendliche vor.

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014, Sparte "Sachbuch".

Nützel, Nikolaus: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat.
Ars Edition, München 2013
2., verb. Aufl., 144 S., 14,99€
ISBN 978-3845801728

Inhalt
"Hä?" (S. 32) Wieso war das Attentat auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie der Startschuss für den Ersten Weltkrieg? Nikolaus Nützel holt seine jugendlichen Rezipienten dort ab, wo sie stehen, indem er an Fragen ansetzt, die sie zum Thema stellen. Sein Sachbuch ist in 21 Kapitel gegliedert: Er rekapituliert sowohl die Ursachen als auch die Folgen des Ersten Weltkriegs. Gestützt wird die Darstellung durch zahlreiche Fotos und Abbildungen, z. B. Landkarten, Postkarten mit Kriegspropaganda und Archivaufnahmen aus dem Krieg. Den Aufhänger, auf den der Autor immer wieder zurückkommt, bildet seine eigene Familiengeschichte. Er erzählt von seinem Großvater, dessen Bein amputiert werden musste, nachdem ihn ein Granatsplitter in den Unterschenkel getroffen hatte. Aufgrund der Verletzung durfte er nach Hause. Schon 1914 kam er von der französischen Front wieder heim. Seine Existenz verdanke Nützel also gewissermaßen dieser Granate, resümiert er, denn sonst hätte der Großvater ja nicht fünf Kinder zeugen können, darunter die Mutter des Autors. Von dieser persönlichen Geschichte ausgehend, spannt Nützel den Bogen zur Weltgeschichte und macht hierbei deutlich, wie sich das große Ganze im Einzelschicksal spiegelt, wie alles zusammengehört, sich miteinander verbindet und wie ein historisches Ereignis das nächste bedingt. Immer wieder wirft er von der Darstellung der Ereignisse von 1914-1918 einen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und erklärt seinen jugendlichen Lesern, dass der Erste Weltkrieg den Boden bereitet hat für die NS-Diktatur. Er nennt Hitler "ein besonderes Beispiel für die Verrohung durch den Krieg" (S. 70) und erläutert weiterhin, dass ein "verkrachter Künstler wie Hitler" (S. 18) es ohne den Ersten Weltkrieg nie zum Reichskanzler gebracht hätte.

Nützel betrachtet viele Facetten des Ersten Weltkriegs: Mobilmachung und Kriegseuphorie zu Beginn, Einsatz von Waffen, Frontverlauf, vergessene Gefechte an den Alpen und am Mittelmeer, wirtschaftliche Hintergründe ("Krieg als Geschäft"), Hunger und Leiden der Zivilbevölkerung und vieles mehr. Er erkundet die Hintergründe und stellt viele Fragen: Wer war schuld? Wer hat gewonnen? Aber auch solche, die weit über den Ersten Weltkrieg hinausgehen: Was ist ein Held? Wann wird der letzte Krieg gekämpft? Zugunsten dieser weitreichenden Perspektive und der Fragen, die uns auch heute noch beschäftigen, verzichtet er bewusst auf die ausführliche Darstellung einzelner Schlachten, denn diese stellen sich ihm bei der Recherche dar wie "ein bizarres, blutiges Hin und Her, bei dem schon bald hätte klar sein können, dass es keinen wirklichen Sieger geben würde." (S. 45)

Kritik
Nützels Sachbuch ist sowohl für jugendliche als auch für erwachsene Leser äußerst lesenswert, denn es überzeugt durch besondere Anschaulichkeit. Es ist spannend und leicht zu lesen, was vor allem daran liegt, dass der Autor einen permanenten Gegenwartsbezug herstellt und auch die eigene Perspektive in die Darstellung einbindet, indem er über seine Recherchearbeit Auskunft gibt, und auch über die Gefühle, die er angesichts der historischen Ereignisse hat. Beispielsweise erzählt er von seinen eigenen Besuchen in Verdun und führt aus: "Wenn ich heute auf dem Schlachtfeld von Verdun herumlaufe, bin ich wirklich verblüfft: Überall dort, wo nicht Landwirtschaft betrieben wird, sind die Spuren des Krieges noch deutlich sichtbar." (S. 59) Nützel zögert nicht, die eigene Betroffenheit zu artikulieren, fragt sich, wie es ist, wenn direkt neben einem Granaten einschlagen, erzählt von seinen eigenen Urlauben auf Korsika, wo er auch immer wieder auf Spuren des Ersten Weltkriegs stößt. Weiterhin berichtet er von seinen eigenen Kindern und wirft einen Blick in deren Schulbücher, der ihm deutlich macht: "Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Kriegen." (S. 125) Von hier aus stellt er generelle Überlegungen an zu einer Frage, die uns alle beschäftigt: Warum nur gibt es immer wieder Krieg? Durch diesen Ansatz und auch durch die gekonnte Einbindung der Geschichte von Nützels Großvater schafft es der Autor, die Bedeutung hervorzuheben, die der Erste Weltkrieg für uns heute noch hat. Dazu tragen auch kleine Anekdoten bei, die durch Kästen in den Text eingefügt sind, z. B. jener, die erzählt, "was der Erste Weltkrieg mit britischem Pop zu tun hat": Eine britische Indie-Pop-Band nennt sich "Franz Ferdinand", mit der Begründung, das Leben  des ermordeten österreichischen Erzherzogs, sei der Katalysator für die komplette Umwälzung der Welt gewesen. Dazu kommentiert Nützel: "Auch das ist eine Art, wie man das Gemetzel des Ersten Weltkriegs betrachten kann." (S. 38)

Durch die Textlektüre wird fassbar, warum die Auseinandersetzung mit Geschichte Sinn macht – auch für jugendliche Leser! Der Krieg erscheint nicht mehr weit weg, sondern die Jahre 1914-1918 werden verstehbar und es wird klar, wie der Erste Weltkrieg den Boden für den Zweiten Weltkrieg bereitete. Nützel verweist in diesem Kontext darauf, dass viele Historiker die beiden Weltkriege gar nicht als getrennte Ereignisse betrachten und man vielmehr von einem Zweiten Dreißigjährigen Krieg sprechen könne, der 1914 begonnen habe. Vor diesem Hintergrund verdeutlichen sich in Nützels Buch die Auswirkungen, welche die beiden Kriege für uns heute noch haben – über Mauerbau und Mauerfall bis hin zur Eurokrise. Am Ende stellt der Autor eine Beziehung zu aktuellen Kriegen her: "Und die zerstörten Häuser in Syrien oder Libyen, die ich in den Jahren 2012 und 2013 sehen konnte, sehen genauso aus wie zerstörte Häuser in Frankreich und Belgien der Jahre ab 1914." (S. 127) Da kann man sich als Leser mit dem Autor gemeinsam wundern, "dass sich die Friedensbewegung fast völlig aufgelöst hat." (S. 130)

Fazit
Nikolaus Nützel hat ein beeindruckendes und überaus empfehlenswertes Sachbuch vorgelegt, das zurecht auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 steht, dem Jahr, an dem der Beginn des Erste Weltkrieges genau 100 Jahre zurückliegt. Ein Grund, um zurückzublicken und sich zu erinnern: Nikolaus Nützel leistet mit seinem Buch einen wesentlichen Beitrag zur Erinnerungskultur und zur Pflege des kommunikativen Gedächtnisses, die ihren Platz auch im Literatur- und Geschichtsunterricht hat. Das Buch sei jugendlichen Lesern ab 14 Jahren empfohlen, die schon einige Grundkenntnisse zum Ersten Weltkrieg haben  -  und unbedingt auch ihren Lehrern!


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Oktober 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4