von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Sommer in Berlin: Freundschaft, Alkohol, das Projekt "Entjungferung" und ein Ehrenmord. Stefanie de Velasco legt mit ihrem jugendliterarischen Debütroman eine brisante Milieustudie vor…

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014, Sparte "Jugendbuch".

de Velasco, Stefanie: Tigermilch
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.
280 Seiten, 16,99 €
ISBN 978-3-462-04573-4

Inhalt
Tigermilch: Das ist eine Mischung aus Milch, Mariacron und Maracujasaft, konsumiert in einem Müllermilch-Becher - und ein verbindendes Element in der engen Freundschaft zwischen den beiden 14jährigen Mädchen Jameelah und Nini. Die Mutter der Ich-Erzählerin Nini liegt zu Hause depressiv auf dem Sofa, während Jameelah und deren Mutter von der Abschiebung in den Irak bedroht sind. Die intensive Freundschaft der Protagonistinnen bietet  ihnen Halt und Stabilität, wobei Nini nicht so richtig zu begreifen scheint, in welch prekärer Lage sich ihre beste Freundin befindet. Schwankend zwischen Kindheit und Erwachsensein, erfinden die Teenagerinnen liebend gerne neue Wörter: Buchstaben vertauschen, Wörterknacken nennt Jameelah das. "Stadt Land Aids" ersetzt das herkömmliche Spiel "Stadt, Land, Fluss", denn die Mädchen kennen mehr schlimme Krankheiten als Flüsse. Sie mixen sich ihre Tigermilch auf der Toilette, hängen im Freibad und auf dem Spielplatz rum und ziehen zur "Kurfürsten", um dort Freier aufzutun.

Doch dieser Sommer wird für die Freundschaft der Mädchen zur Belastungsprobe: Dass die Freundinnen, die regelmäßig auf dem Babystrich in Berlin anzutreffen sind, dort ihre Jungfräulichkeit verlieren (wollen), gerät zur Nebensache, als  sie Zeuginnen eines Ehrenmordes werden, den der bosnische Nachbarjunge Tarik an seiner Halbschwester Jasna begeht. Angeblich habe sie die Familienehre beschädigt, indem sie sich mit dem Serben Dragan verlobte. Später stellt sich heraus, dass die Halbschwester aus einer Vergewaltigung der Mutter durch Serben im Krieg hervorgegangen ist. Der jüngere Bruder Amir, mit dem die Protagonistinnen befreundet sind, nimmt die Schuld am Ehrenmord auf sich. Nini will zur Polizei gehen, wogegen Jameelah sich vehement wehrt. Sie hat Angst, abgeschoben zu werden. Doch das Schicksal lässt sich nicht aufhalten: Nini vertraut sich ihrem Freund Nico an, der die Polizei verständigt. Jameelah kann ihrer besten Freundin nur schwer verzeihen. Die das Buch abschließende Abschiebung Jameelahs und ihrer Mutter ist jedoch keine Folge der Anzeige bei der Polizei, sondern wäre so oder so erfolgt. So bleibt Nini allein zurück. "Allein": das letzte Wort des Jugendromans.

Kritik
Stephanie de Velasco hat mit ihrem Debütroman eine erschütternde Milieustudie vorgelegt, berührend, verstörend, authentisch, gleichzeitig aber auch erschütternd aufgrund seiner schonungslosen Offenheit, mit der die Autorin vom jugendlichen Leben im sozialen Brennpunkt Berlins erzählt. Entworfen wird ein überzeugendes Großstadt-Kaleidoskop aus der Perspektive zweier Mädchen in prekären Verhältnissen, in die de Velasco ihre Leser entführt und das deshalb so berührt, weil die Figuren ausgesprochen sensibel gezeichnet sind. Es ist die Freundschaft zwischen Nini und Jameelah, deren innige Verbindung zueinander glaubhaft vermittelt wird und die den Leser einfängt. De Velasco erzählt präzise und klar, die Handlung ist erzählerisch dicht und die Nähe zu den Figuren immer gegeben. Wörtliche Rede und die Reflexionen der Protagonistin als autodiegetischer Erzählinstanz gehen bruchlos ineinander über. Die verwendete Jugendsprache (z.B. Wendungen wie "deine Mutter" und "du Opfer") passt sich in diesen Stil sehr gut ein, wirkt authentisch und unaufdringlich. Da stören auch aufgegriffene Klischeebilder kaum, wenn z.B. die Konzeption der Familienclans und des Ehrenmordes besonders stereotyp gezeichnet werden, etwa die Einführung der Figur Dragan: "Dragan, der Name sagt schon alles, er klingt böse, so wie Drachen oder Dracula. Ich meine es gibt viele Serben, die Dragan heißen, aber vielleicht hat Tarik ja auch recht, vielleicht sind alle Serben böse, keine Ahnung, der da ist es auf jeden Fall" (S.39).
Vorangestellt ist dem Roman ein Gedicht Joseph von Eichendorff:

"In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad;
Mein` Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat."

Der Einstieg ist charakteristisch für den besonderen Erzählton, lyrisch-poetisch und zugleich im Jugendjargon: "Keine Ahnung, wie lange wir da oben sitzen. So was wie Zeit, so was wie oben und unten existiert gar nicht, es ist wie im All, das Holzhäuschen schwebt mit uns durchs Nirgendwo, keine Nachtigall, überhaupt kein Geräusch, nur Jameelahs Stimme, die in regelmäßigen Abständen Fuck Fuck Fuck flüstert, als würde sie Schnik Schnak Schnok mit sich selber spielen, nur ihr schwerer Atem und ihre Brust, die sich hebt und senkt, nur unsere nackten Körper, nur unsere Haut, und darunter die Angst, die das Blut durch die Venen jagt. Fuck Fuck Fuck. Fuck Fuck Fuck." (S. 116).

Hier liegt eine neue Form der Mädchenliteratur vor, die klassische Themen des Genres wie Adoleszenz, jugendliche Orientierungslosigkeit, Entwicklung, Unsicherheiten, sexuelle Findung literarisch innovativ und inhaltlich glaubwürdig auf die Gegenwart bezieht. Durch die schonungslose Offenheit, mit der de Velasco ihre Protagonistin erzählen lässt, weist der Roman ein besonderes Potenzial zur "Aufstörung" auf, um es mit einem Begriff von Carsten Gansel zu fassen (vgl. Carsten Gansel/ Pawel Zimniak (Hg.): Zwischen didaktischem Auftrag und grenzüberschreitender Aufstörung? Zu aktuellen Entwicklungen in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Winter: Heidelberg 2011).

Das Ende schließlich kann zu Tränen rühren, als Nini sich allein am Flughafen wiederfindet, nachdem Jameelah mit ihrer Mutter in den Irak geflogen ist: "Ich weiß nicht, wann und warum wir angefangen haben, O-Sprache zu sprechen, ich weiß nicht, warum wir ausgerechnet auf die Kurfürsten kamen und auf die Typen da, ich weiß das alles nicht, ich weiß nur, dass wir immer dachten, dass niemals etwas schiefgehen wird, dass nichts passieren kann, solange wir nicht alleine gehen, nirgendwohin allein" (S.280).

Fazit
Ein beeindruckender jugendliterarischer Wurf, der zu Recht auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis  2014 steht (Sparte Jugendbuch) und zugleich ein vielversprechendes Debüt einer bislang noch unbekannten Autorin ist, der zuzutrauen ist, dass sie noch weitere bewegende Romane hervorbringt – oder, kühn formuliert, gar das Genre der deutschsprachigen Mädchenliteratur komplett revolutioniert? Empfohlen sei er LeserInnen ab 16 Jahren, die mit den drastischen (vor allem auch sexuellen) Themen schon umgehen und diese verarbeiten können.


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