Abrahamson, Emmy: Widerspruch zwecklos oder Wie man eine polnische Mutter überlebt

von Dr. phil. Sabine Planka

Alicja hat es nicht leicht mit ihrer Mutter: Ständig mischt sich Beata in das Leben ihrer Tochter ein, kommandiert sie herum, manövriert sie vor Freunden und Verwandtschaft in peinliche Situationen und richtet für die aus Polen gekommene Freundin, der sie einen Job als Putzfrau besorgt hat, eine Hochzeit aus – auf der Alicja dann mit Koteletts um sich wirft und schließlich wieder mit ihrem Freund Ola zusammenkommt. Eine turbulente Komödie für Leser im Teenageralter, denen peinliche Situationen mit Eltern und Konflikte mit Freunden nur allzu bekannt vorkommen dürften.

Abrahamson, Emmy: Widerspruch zwecklos oder Wie man eine polnische Mutter überlebt
A.d. Schwedischen v. Anu Stohner
dtv, München 2013
215 S., 12,95 €
ISBN 978-3-423-62548-7

Inhalt
Die 15-jährige Alicja lebt in Schweden mit ihrem schwedischen Vater und ihrer polnischen Mutter, die sie immer wieder in unangenehme Situationen bringt, z.B. wenn sie der gesamten Verwandtschaft von Alicjas Pickelproblem erzählt. Als der Vater für mehrere Monate beruflich in die USA reisen muss und Alicja mit ihrer Mutter in Schweden zurückbleibt, nimmt das Chaos seinen Lauf, als die Freundin ihrer Mutter samt Tochter aus Polen kommt und kurzerhand bei ihnen einzieht. Während Sylwia den ganzen Tag Kette raucht, ist deren 13-jährige pummelige Tochter Celestyna süchtig nach Schokolade und 'leiht' sich ungefragt Alicjas Musikkassetten, ihr Parfum und ihre Kleidung.

Als der Papst nach Schweden kommt, will Sylwia ihn unbedingt sehen – und Alicjas Mutter bestimmt, dass Alicja sie und Celestina begleiten soll. In Vadstena angekommen, trifft Alicja auf ihren Klassenkameraden Ola Olsson, in den eigentlich ihre beste Freundin Natalie verliebt ist, der aber offensichtlich mehr Interesse an Alicja hat. Celestina schaut dieser Begegnung mit großen Augen zu: Sie starrt "Ola Olsson [an], als hätte sie der Blitz getroffen" (S. 47). Was so beiläufig erwähnt wird, gewinnt im Verlauf der Handlung ungeahnte Dimensionen. Noch ist Alicja jedoch einfach nur genervt von dem Besuch und erfreut, als ihre Mutter erzählt, dass Sylwia endlich eine Putzstelle bekommen hat und mit Celestina ausziehen wird. Doch die Sache hat natürlich einen Haken: Beata beschließt, dass sie und Alicja Sylwias und Celestinas Sachen aus der Wohnung in Polen holen werden, wobei Beata ihrer Tochter verschweigt, dass sie sich vor Sylwias alkoholsüchtigem Exmann in Acht nehmen müssen.

In Polen angekommen, können sie – neben den obligatorischen Verwandtschaftsbesuchen – Sylwias und Celestinas Sachen aus der Wohnung holen und auch gleich noch zwei Handwerker anheuern, die ihnen in Schweden Bad und Küche renovieren. Zurück in Schweden machen sich die Handwerker dann auch gleich ans Werk, mit z.T. fatalen Folgen: Beim Anpflanzen von Sträuchern durchtrennen sie Stromkabel, bohren Kabel in der Wand an und sorgen für einen Kurzschluss nach dem anderen.

Wenigstens in den Begegnungen mit Ola findet Alicja ein wenig Ruhe, bis sich die Ereignisse turbulent überschlagen: Celestina verschwindet, Alicja soll sie suchen und findet sie auch, doch Ola kreuzt ihren Weg und wirft Alicja einen toten Dachs in die Arme, als sie von der Polizei festgenommen wird. Die zunächst undurchsichtig erscheinende Sache klärt sich tragisch auf: Celestina ist seit der Begegnung in Vadstena fanatisch in Ola verliebt. Sie hat nicht nur ein Fahrrad gestohlen, um ihm hinterherzufahren, damit sie weiß, wo er wohnt, sondern sie hat auch Blumen – nachdem sie sie überall, hauptsächlich aber aus dem Vorgarten seiner Eltern, herausgerissen hat – um sein Fenster herum getackert und schließlich tote Tiere unter sein Fenster gelegt und ist sogar schließlich in das Haus eingebrochen, um Ola den toten Dachs aufs Bett legen zu können.

Als die Situation aufgeklärt wird und Alicja nach Hause kann, wird sie überraschend noch zu einem psychiatrischen Termin einbestellt, Ola entschuldigt sich bei Alicja, Sylwia beschließt, ihren neuen Arbeitgeber zu heiraten und zu guter Letzt soll die Hochzeit auch noch im Haus von Alicja und ihrer Familie stattfinden. Alicja trifft erneut auf Celestina, auf Natalie – die inzwischen weiß, dass Ola und Alicja ein Paar sind – und auf ihre ganze polnische Verwandtschaft…

Kritik
Mit Widerspruch zwecklos oder Wie man eine polnische Mutter überlebt ist Emmy Abrahamson ein chaotisch-turbulenter Roman über das Aufeinandertreffen zweier Kulturen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, gelungen. Abrahamson greift mit der gewählten Thematik – Polen im Ausland – ein Phänomen auf, das bereits in Sarah Crossans Buch Die Sprache des Wassers Eingang gefunden hat, im vorliegenden Buch aber eher laut als leise verhandelt wird. Während in Crossans Buch die Protagonisten auf der verzweifelten Suche nach dem Vater der Protagonistin sind und lernen müssen, sich der fremden Gesellschaft als Außenseiter zurechtzufinden, ist diese Eingliederung in die andere Gesellschaft bei Alicja und Beata bereits gelungen, was sicherlich auch daran liegt, dass Alicja einen schwedischen Vater hat. Diese erfolgreiche Aufnahme in die Gesellschaft zeigt, dass Alicja nicht anders behandelt wird als andere schwedische Mädchen und ihr Migrationshintergrund für die anderen keine Rolle spielt, wohl aber für sie selbst. Das wiederum dient als Folie für die 'Eigenheiten' der Polen, die hier oftmals klischeehaft generalisiert werden, und sorgen für Spannungen und eben auch für die Situationskomik, die den Leser unterhalten soll.

Das geordnete Schweden wird kontrastiert mit dem chaotischen Leben von Alicja und ihrer Mutter, die das Chaos nicht nur anzuziehen, sondern auch zu erzeugen scheinen. Alicjas Mutter Beata ist oftmals nicht ganz unschuldig daran: Sie kommandiert Alicja herum und macht ihr das Leben schwer – und Alicja reagiert zunächst mit Resignation und Regeln, wie man polnische Mütter erträgt und die unterhaltsam das ganze Buch durchziehen. Doch Alicja als homodiegetische Erzählerin wandelt sich, bis sie irgendwann beschließt, 'aufzuhören' (vgl. S. 169), nämlich nicht mehr nur "alles einfach zu akzeptieren" (S. 204), sondern auch aufzuhören, "andere Menschen ändern zu wollen" (S. 214). Sie wächst an sich und an den Situationen, mit denen sie konfrontiert wird – und kann sich schließlich wieder mit Natalie versöhnen und auch mit Ola zusammenbleiben, was zwischendurch unmöglich erscheint.

Die anderen Figuren des Romans – vorrangig polnisch-stämmig – tragen jeder für sich individuelle Züge, dennoch verarbeitet Abrahamson übergreifend Klischees, die gesellschaftlich verbreitet sind und den Leser zum Schmunzeln bringen. Das reicht von Feststellungen wie: "Sie war mit einem leeren Auto losgefahren, aber jetzt war es so vollgepackt, dass sämtliche Fenster das Muster von platt gequetschten Tüten und Taschen zeigten – das untrügliche Erkennungszeichen reisender Polen" (S. 35), bis zu Beatas Ausspruch: "Mach dich nicht lächerlich! Polnische Handwerker können alles!" (S. 84). Diese Stereotypen, die hier aufgegriffen und verarbeitet werden, dienen zunächst einmal der Unterhaltung des Lesers, können aber sicherlich auch dazu anregen, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen.

Verläuft der Anfang der Geschichte noch etwas schleppend, nimmt die von Situationskomik geprägte Erzählung im Laufe der Handlung an Tempo zu und gipfelt schließlich in einem Zusammentreffen aller Akteure, die sich wieder zusammenraufen, so dass es für Alicja zu einem Happy End kommt – an dem ihre Mutter überraschenderweise nicht ganz unschuldig ist, immerhin hat sie Ola und auch ihre Freundinnen eingeladen: "Aber wie hätte ich euch sonst wieder zusammenbringen sollen?" […] "Ihr solltet nur die Chance haben, wieder Freundinnen zu werden, bevor die Schule anfängt." (S. 205) Vor dem Hintergrund bisheriger Handlungen und ihres bisherigen Verhaltens – Alicjas Mutter arbeitet als Dolmetscherin bei der Polizei, kauft aber bei Alkoholschmuggler Alkohol für die bevorstehende Hochzeit und lädt polnische Schwarzarbeiter ein, das Haus zu renovieren – ist das eine unerwartete Wendung, die sich aber nahtlos einfügt in die Handlung und für ein harmonisches Ende sorgt.

Verstörend ist hingegen Celestinas Verhalten, das den Blick bei allem Humor des Romans auf ein ernstes Problem lenkt, nämlich Stalking, und zeigt, was in einem solchen Fall möglich ist. Celestina wird als beängstigende Psychopathin gezeigt, die sich in ihrem Wahn in eine einseitig vorhandene Liebe hineinsteigert und ihrem anbetungswürdigen 'Opfer' nicht nur Blumen, sondern auch tote Tiere zum Geschenk macht. Das Stalking nimmt hier so extreme Ausmaße an, dass von Komik nicht mehr gesprochen werden kann.

Fazit
Emmy Abrahamson ist mit Widerspruch zwecklos oder Wie man eine polnische Mutter überlebt ein Roman gelungen, der Klischees und Situationskomik ausnutzt und den Leser wunderbar unterhält. Alicjas ‚Schicksal‘, als Kind mit einer polnischer Mutter und mit einem verhätschelten und in der Welt herumreisenden Bruder aufzuwachsen, lässt den Leser schmunzeln. Gleichzeitig bindet die Autorin durch das Thematisieren von Stalking ein ernsthaftes Thema in ihren Roman ein und schafft entsprechend ein Bewusstsein, sich damit näher auseinanderzusetzen. Daher erscheint das Buch für Leser ab 14 Jahren geeignet.

 

 

 

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