von Daniel Hildebrandt

Sommer 2010. "Alles war größer, die Farben satter, die Geräusche Dolby Surround…" (S. 104). Zwei Jugendliche erleben den Urlaub ihres Lebens, indem sie mit einem geklauten Wagen eine Woche lang quer durch Ostdeutschland fahren und sich dabei den Herausforderungen des Erwachsenwerdens stellen. In Tschick lädt Herrndorf den Leser zu einem Abenteuer-Trip vor die eigene Haustür ein. Über eine Million Mal hat sich der Jugendroman bereits verkauft, dessen Erfolgsgeheimnis neben einer unterhaltsamen Handlung vor allem in der Erzählweise liegt. 

Herrndorf, Wolfgang: Tschick
Rohwolt (rororo), Berlin 2010.
256 Seiten, 8,99 €
ISBN-13: 978-3499256356

Inhalt
Der 14-jährige Gymnasiast Maik Klingenberg aus Berlin-Hellersdorf hält sich selbst für den größten Langweiler und Feigling unter der Sonne (vgl. S. 212). Er hat weder Freunde, noch einen Spitznamen und schon gar nicht den Mut, Mitschülerin Tatjana Cosic seine Liebe zu gestehen. Die Sommerferien stehen kurz bevor, und für den jungen Außenseiter zeichnen sich die langweiligsten Wochen seines Lebens ab: Auf die Geburtstagsparty von Tatjana ist er nicht eingeladen, seine Mutter ist wieder einmal wegen ihrer Alkoholsucht für zwei Wochen in der Entzugsklinik und sein Vater nutzt die Gelegenheit für eine 14-tägige "Geschäftsreise" mit seiner jungen Assistentin Mona. Doch dann lernt der 14-Jährige seinen neuen Mitschüler Andrej Tschichatschow – genannt Tschick – besser kennen. Bald stellt Maik fest, dass sich hinter der Fassade des oft alkoholisierten, wortkargen Jungen mit russischen Wurzeln ein wahrer Abenteurer verbirgt. Tschick klaut einen alten Lada und überredet Maik zu einem Urlaub der besonderen Art: Ohne Navigationsgerät und ohne Landkarte begibt sich das ungleiche Gespann auf eine abenteuerliche Reise durch die ostdeutsche Provinz. Ihr Ziel ist die Walachei. Orientierungsschwierigkeiten, mangelnde Einkaufsmöglichkeiten und Probleme mit neugierigen Polizisten lassen nicht lange auf sich warten. Erst auf der Autobahn wird ihre Odyssee durch einen Schweinetransporter, der die beiden nicht überholen lässt, beendet.

Kritik
Der Abenteuerroman Tschick von Wolfgang Herrndorf wurde 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und ist bisher in 24 Sprachen übersetzt worden. Oft in einem Atemzug mit Mark Twains Huckleberry Finn (1883) genannt, greift der Roman verschiedene Themen und Fragenkomplexe der Adoleszenz wie Freundschaft, die erste Liebe oder Abenteuersehnsucht auf. Zwischen Naivität und Wagemut schwankend, erinnern Tschick und Maik zuweilen an zeit- und jugendgemäße Adaptionen von Janoschs Tiger und Bär auf ihrer Reise nach Panama (Oh wie schön ist Panama, 1978) – etwa wenn Herrndorf seinem Protagonisten Maik die Worte in den Mund legt: "Wir fuhren […] erstmal Richtung Süden. Die Walachei liegt nämlich in Rumänien und Rumänien ist im Süden. Das nächste Problem war, dass wir nicht wussten, wo Süden ist" (S. 105).

Maik führt als autodiegetischer Erzähler durch die Geschichte, indem er rückblickend von dem erlebten Abenteuer mit seinem neu gewonnenen Freund Tschick berichtet. Der Erzählstil ist lakonisch-ironisch und trotz des feinsinnigen und trockenen Humors, den Herrndorf seinem Protagonisten Maik zuschreibt, berücksichtigt der Autor in der Erzählweise und Wortwahl stets das jugendliche Alter des Erzählers. Herrndorf wählt für seine Hauptfiguren eine authentische Sprache, die bis auf wenige Ausnahmen nicht gewollt jugendlich – "Diese Moll-Scheiße zog mir komplett den Stecker" (S. 105), "Mich reißt’s gerade voll" (S. 121) – oder zu erwachsen – "Kriegten wir beide Kaffeedurst" (S. 116), "Vorherrschaft im Weltall" (S. 120) – klingt. Nur selten tritt die Authentizität der Sprache zugunsten kreativer oder humorvoller Elemente zurück – etwa wenn Maik ausbleibende Familienurlaube damit begründet, dass sein Vater "die ganze Zeit seinen Bankrott vorbereitete" (S. 25) oder sich der Gymnasiast an die Begegnung mit einem Arzt erinnert: "Zum Schluss geben wir uns die Hand wie erwachsene Menschen, und ich bin irgendwie froh, dass ich seine Schweigepflicht nicht überstrapazieren musste" (S. 20).

Kernige Sätze und kurze Kapitel tragen zu einem dynamischen Lesefluss bei: "Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee" (S. 7). Mit diesem Satz beginnt der Roman und Herrndorf versteht es, die ersten Kapitelanfänge so zu gestalten, dass das Interesse des Lesers geweckt und er so in die Geschichte hineingezogen wird. Der Prosatext ist reich an wörtlicher Rede, wodurch dem Leser eine unmittelbare Teilhabe am Geschehen suggeriert wird.  

Die Gedankengänge, Handlungen und Dialoge der beiden Jungen sind über weite Teile des Buches realistisch und für den Leser nachvollziehbar. Begonnen bei der Diskussion der Jugendlichen über die Auswahl des Reisegepäcks – "Federballschläger, ein Riesenstapel Mangas, vier paar Schuhe, der Werkzeugkoffer von meinem Vater" (S. 102) – über die Wahl der Autoroute – "[…] kam Tschick auf die Idee, nur noch Orte anzusteuern, die mit M oder T anfingen" (S. 107) – bis hin zu dem Versuch, eine aufgetaute Fertigpizza mit dem Feuerzeug zu grillen: Die vielen humorvollen Situationen, die Herrndorf mit einem liebevollen Blick fürs Detail entwirft, zeugen von einer Mehrfachadressierung des Romans. Jugendlichen Lesern ermöglichen die Hauptfiguren in Tschick ein Identifikationspotenzial fernab moralischer Zeigefingerlektüre – Maiks Selbstbewusstsein wächst im Verlauf der Geschichte und der verschlossene Tschick wirkt zunehmend offener und lebensfroher. Für erwachsene Leser hingegen kann der Roman eine Einladung zum Schwelgen in Erinnerungen an die eigene Jugendzeit oder an nie wahr gewordene Jugendträume sein.

Maik und Tschick leben ihren Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Auch postpubertäre Leser können versucht sein, ihnen dieses Abenteuer zu gönnen und sich zu wünschen, dass die Reise der beiden nicht durch den Eingriff Erwachsener beendet wird. Der Autor kommt diesem Wunsch über weite Teile des Buches nach, worunter jedoch der realistische Charakter der Geschichte zunehmend leidet: Die Jugendlichen werden von einem alten Mann beschossen, zapfen an einer Tankstelle unbemerkt Benzin ab, stehlen einem Dorfpolizisten das Fahrrad und überschlagen sich sechsmal mit dem Lada, als sie einen 45-Grad-Steilhang aus Kies und Geröll hinunterrutschen. Bis auf einige Blessuren scheinen sie unverwundbar und unaufhaltsam. Für manche Leser mag dies zu viel des Surrealen sein, für andere ist es die perfekte Inszenierung einer modernen Ausreißer-Story mit Lagerfeuergesprächsqualitäten.

Tschick ist eine Geschichte, die in der heutigen Zeit spielt und dennoch zeitlos ist. Früh verbannt Herrndorf die neuen Medien geschickt aus der Handlung: Ihre Handys lassen die beiden Jugendlichen beispielsweise daheim, weil sie Angst davor haben, geortet zu werden. Weder Maik noch Tschick scheinen das Internet bei ihrem Abenteuer zu vermissen, und auch für den Leser sind die Abstinenz von Großstadthektik und medialer Vernetzung stimmig – etwa wenn die beiden Jungen nachts in ihren Schlafsäcken liegen, die Grillen zirpen hören und beim Blick in den Sternenhimmel über ein Leben im Weltall nachdenken. 

Obwohl Herrndorf seine Figurenzeichnung mit viel Witz und zahlreichen Klischees bedenkt, gelingt es ihm ein Abdriften in die Trivialität zu vermeiden, indem er den Leser durch philosophische und anrührende Gedanken seines jugendlichen Ich-Erzählers hinter die Fassaden der Alltagswelt blicken lässt. So kann sich der 14-jährige Maik beim Anblick einer Reisegruppe beige gekleideter Senioren beispielsweise nicht vorstellen, selbst einmal so ein "beiger Rentner" (S. 117) zu werden, wobei ihm gleichzeitig in den Sinn kommt, dass all diese Menschen auch einmal in seinem Alter und weniger beige gewesen sein mussten. Auch über die hundert Jahre alte Schnitzerei eines Wanderers auf einer Berghütte ("Anselm Wail 1903") sinniert Maik: "[…] musste ich die ganze Zeit darüber nachdenken, dass wir in hundert Jahren alle tot wären. So wie Anselm Wail tot war. Seine Familie war auch tot, seine Eltern waren tot, seiner Kinder waren tot, alle, die ihn gekannt hatten, waren ebenfalls tot" (S. 174). Das Älterwerden und die Endlichkeit des Seins sind Motive, die sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen, ohne die Handlung zu dominieren.

Vor dem Hintergrund der Diagnose eines unheilbaren Hirntumors, die Herrndorf im Februar 2010 während seiner Arbeit an Tschick erhielt und seiner Selbsttötung im August 2013, lassen die teils tiefsinnigen Gedanken Maiks auch einen Einblick in die Gedankenwelt des Autors und seine Auseinandersetzung mit dem Wert des Lebens und dem Thema Tod vermuten.

Fazit
Tschick ist in einfacher Sprache geschrieben und überzeugt durch die – teils humorvollen, teils melancholischen – pointierten Beobachtungen des 14-jährigen Ich-Erzählers. Mit Witz, Charme und einer ordentlichen Prise Ironie lädt der Roman sowohl Jugendliche (empfohlen ab 14 Jahren) als auch erwachsene Leser dazu ein, an dem Abenteuer der zwei Ausreißer teilzunehmen und sich gemeinsam mit Tschick und Maik persönlichen Fragen des Lebens zu stellen. Die Lektüre des Romans ist ein kurzweiliger Ausflug in eine Welt, die fernab von Internet und Alltagsstress, von der jugendlichen Neugierde, Spontaneität und Abenteuerlust errichtet wird. Das Zuklappen des Buches nach der Lektüre gleicht den Gedanken bei der Rückkehr aus dem Sommerurlaub: Es war schön, aber viel zu kurz.


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