von Dr. phil. Tanja Lindauer

Wäre es nicht wunderbar, wenn man fliegen könnte? Keineswegs, wenn man etwas auf sich hält, so wie Familie Brocket. Sie sind stolz darauf, eine ganz normale Familie zu sein, die ganz normale Sachen macht. Auffallen? Nein, das kommt nicht infrage, doch da haben sie die Rechnung ohne ihren Sohn Barnaby gemacht. Denn dieser widersetzt sich dem Gesetz der Schwerkraft vehement – wenn auch unfreiwillig. Es bleibt also nur eines: Sie müssen ihn loswerden! Boyne präsentiert eine spannende und unterhaltsame Parabel über das Normalsein, die völlig zu Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 nominiert wurde.

John Boyne: Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket
Illustrator: Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
288 Seiten, 14,99 Euro
FISCHER KJB, Frankfurt a.M. 2013
ISBN: 978-3-596-85576-6

Inhalt
Die Brockets sind eine ganz normale, australische Familie, alles ist so, wie es sein soll. Sie fallen nicht auf, haben gute Jobs, zwei artige und vor allem normale Kinder, Melanie und Henry. Doch dann kommt Barnaby auf die Welt und die heile, stabile Welt von Eleanor und Alistar Brocket wird auf den Kopf gestellt. Plötzlich sind sie alles andere als normal, und Schuld daran ist nur einer: ihr jüngster Sprössling, Barnaby. Schon von Geburt an ist klar, dass die Normalität der Familie Brocket gefährdet ist, "[d]enn Barnaby Brocket, das dritte Kind der normalsten Familie, die je in der südlichen Hemisphäre gelebt hatte, war offenbar alles andere als normal, wie sich jetzt schon zeigte, denn er weigerte sich, dem elementarsten aller Gesetze zu gehorchen. Dem Gesetz der Schwerkraft" (S. 15 f.). Und so viel er sich auch in seinen jungen Jahren bemüht, dies zu unterlassen und so sehr seine Eltern auch mit ihm schimpfen, es hilft alles nichts: Der Junge schwebt. Seine Eltern versuchen, sich mit der Situation zu arrangieren, und damit sich das Kind nicht immer den Kopf an der Decke stößt, befestigen die Brockets sogar Matratzen unter der Decke. Doch das muss dann auch an elterlichen Pflichten genug sein. Raus vor die Tür wollen sie mit ihm nicht – was, wenn sie jemand sieht, nicht auszudenken –, und so binden sie ihn ab und an der Wäscheleine im Garten fest. Und dann passiert es doch: Die Medien werden auf den schwebenden Jungen aufmerksam. Das bringt das Fass endgültig zum Überlaufen: So etwas ist doch nicht normal!

Und so schmieden Barnabys Eltern einen unfassbaren Plan, den sie an einem schönen, sonnigen Tag in die Tat umsetzen: Seine Mutter zerschneidet den mit Sand gefüllten Rucksack, der Barnaby am Boden halten soll. Und so schwebt Barnaby hoch in die Luft, immer weiter und weiter. Doch beim Hochschweben wird er glücklicherweise von einem Ballon mit zwei kauzigen alten Damen aufgehalten. Sie holen ihn an Bord und nehmen ihn mit nach Brasilien. Und so beginnt die Reise des achtjährigen Jungen um die Welt: Brasilien, New York, Kanada, Irland, Afrika und sogar der Weltraum, Barnaby sieht allerhand und lernt, dass auch andere Menschen alles andere als normal sind. Aber genau das macht Menschen aus. Und auch, wenn seine Eltern ihn weggeschickt haben, so will er doch einfach nur wieder zu ihnen nach Hause ...

Kritik
Genau das ist es, was die Menschen, die Barnaby treffen, so an ihm mögen: Er ist offen und liebenswürdig, und scheinbar nicht nachtragend. Er möchte verzeihen, und doch kann man es nicht so recht glauben, dass der Junge keinen Groll hegt. Möchte er wirklich wieder nach Hause? Auch die Figuren des Romans sind über Barnabys Verhalten erstaunt. Und obwohl diese teils etwas überzeichnet und stereotyp erscheinen, gelingt es dem Autor, diese so liebevoll und  außergewöhnlich zu gestalten, dass man die Reise des Achtjährigen Schritt für Schritt gerne begleitet, ohne dass Langeweile aufkommt. Im Gegenteil: Schnell ist man in der Geschichte gefangen und fiebert mit Barnaby mit. Wird er wieder nach Australien gelangen? Und wie werden seine Eltern reagieren, wenn sie ihn wiedersehen? Barnabys Reise durch die Welt ist gleichzeitig eine Reise zu sich selbst, ist dabei amüsant, unterhaltsam und  lehrreich zugleich. Dank des auktorialen Erzählers wird dabei dem Leser vermittelt, warum die Figuren bestimmte Handlungen vollziehen oder wie ihr Charakter sich herausgebildet hat. So lernt der Leser etwa, dass für die beiden älteren Damen Ethel und Marjorie, die Barnaby mit nach Brasilien nehmen, Toleranz besonders wichtig ist. Daher helfen sie Barnaby auch, wieder nach Sydney zurückzukehren (doch auf dem Weg zum Flughafen schläft er im Zug ein und landet in New York), auch wenn sie nicht verstehen, warum er zurück zu seiner Familie möchte. Sie akzeptieren aber seinen Wunsch, auch wenn sie anders handeln würden.

John Boynes fantastische Abenteuerreise vermittelt, dass man anderen Menschen gegenüber offen sein sollte. Letztendlich muss sich der Leser die Frage stellen, was es überhaupt bedeutet, normal zu sein. Wann ist man normal und was liegt außerhalb der Norm? Ist es überhaupt schlimm, wenn man anders als andere ist? Einige unterscheiden sich vielleicht durch einen physischen Makel von anderen und wieder andere durch ihr Verhalten. Doch letzten Endes sind wir alle normal. "Ihre Vorstellung, was normal ist, unterscheidet sich nur von der Vorstellung, die andere Leute von 'normal' haben. Aber so ist die Welt, in der wir leben. Manche Menschen können einfach nichts akzeptieren, was außerhalb ihrer Erfahrung liegt" (S. 112).

Barnabys Begegnungen mit anderen Menschen lehren ihn, dass man stolz auf das sein sollte, was man ist. Und so wird ihm letzten Endes klar: Seine angebliche Schwäche ist gar keine, sondern eine Stärke. Der Leser lernt so, dass man sich mit seiner Rolle, vor allem die des Außenseiters, nicht zufriedengeben und dieser verharren muss, sondern auch aktiv etwas verändern und bewirken kann.

Es verwundert daher nicht, dass Boynes Roman für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 nominiert wurde. Denn der "Roman sprüht vor Phantasie und Witz. Überall lassen sich Anspielungen auf das Weltgeschehen finden. Die Erzählweise ist sehr bildhaft und so leichtfüßig, dass man ganz schnell in Barnabys Sicht auf die Welt eintauchen kann und erst wieder auftaucht, wenn die letzte gelungene Illustration von Oliver Jeffers das Buch abschließt", so die Begründung der Jury.

Fazit
Boynes Parabel über Toleranz, Akzeptanz und Menschlichkeit wird junge Leser ab 10 Jahren von der ersten Seite an mit dieser phantasievollen Geschichte unterhalten, doch rücken die Werte und die Aufforderung an den Leser, sich mit diesen auseinanderzusetzen, dabei nie in den Hintergrund. Jeder sollte den Mut haben, so zu sein, wie er ist. Und so lernen wir auf leichte, ja beinahe schwerelose Weise, dass jeder einzigartig und etwas Besonderes ist, man muss nur sich selbst und auch andere Menschen akzeptieren. Bereits in Der Junge mit dem gestreiften Pyjama – wie auch in diesem Roman – konnte der Autor zeigen, dass er schwierige Themen für junge Leser verständlich aufbereiten kann, sodass sie sich in die Geschichte und Figuren einfühlen und selbstständig weitere gedankliche Schritte zu den Texten machen können. Oliver Jeffers' schwarz-weiße Illustrationen geben dabei prägnante Szenen des Buches wieder und sorgen durch ihre herrlich schräge, komische Art für weiteren Spaß, den Leser bei der Lektüre haben werden. 

Literatur
http://www.djlp.jugendliteratur.org/preis_der_jugendjury-5/artikel-die_unglaublichen_abenteu-3886.html

Newsletter


Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

September 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 31 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 1