von Sabine Planka

Was passiert, wenn 'Mann' als Mädchen verkleidet in einem Club den heimlichen Schwarm aus der Schule trifft und herausfindet, dass sie mit einem Sexfilmchen vom Ex-Freund erpresst wird? Nils Mohl zeigt mit seinem herrlich locker geschriebenen neuen Jugendroman Mogel einen Protagonisten, der sich diesen Fragen stellen muss und über sich selbst hinauswächst.

Mohl, Nils: Mogel
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014
208 S., 9,99 €
ISBN 978-3-499-21537-7

Inhalt
Miguel und Silvester aus dem Südturm der Wohnsiedlung am Stadtrand und Flo Da Ho und Dimi aus dem Nordturm sind Freunde und unternehmen alles gemeinsam. Auch als Miguel mit seinen Eltern nach dem Tod der Tante in ein vom Erbe gekauftes Haus in der Vorstadt ziehen, bricht der Kontakt der vier nicht ab. Eines Abends, Miguels Eltern sind zu einer Party aufgebrochen und haben ihrem Sohn und seinen Freunden den Partykeller überlassen, treffen sich die vier bei Miguel. Das Trinkspiel Bierpong, das sie sich noch in der gemeinsamen Zeit in der Siedlung ausgedacht haben und auch an diesem Abend spielen, endet allerdings ganz anders, als Miguel sich das vorgestellt hat: Flo findet heraus, dass das Bier, das sie den ganzen Abend getrunken haben, alkoholfrei war. Die Erklärung Miguels, dass dessen Mutter nach dem Tod der Schwester immer mehr Alkohol getrunken und nur mühsam den Absprung schaffte, reicht Flo nicht: Miguel wird dazu verdonnert, als Frau verkleidet Bier an der Tankstelle kaufen zu gehen. Silvesters Schwester Kitty und deren Freundin Domino rücken an mit Schminkkoffer und Kleidertrollie – und Miguel wird zu Miguela, ausstaffiert mit ausgestopftem BH, Netzstrumpfhose und Hotpants.
 So verkleidet und kaum mehr als Junge zu erkennen, machen sich 'Miguela', Silvester, Flo und Dimi auf zur Tankstelle, wo 'Miguela' das Bier kauft – und das erste Mal an diesem Abend dem Schwarm der Schule Candy begegnet, in die auch er heimlich verliebt ist. Nach dieser Begegnung hofft Miguel, dass sein Abenteuer als Frau vorbei ist. Doch er hat sich in Flo getäuscht: Der will noch ins ChackaBum!, eine Bar am Rande der Stadt…

Für Miguel alias Miguela beginnt ein irrsinniges Abenteuer: Im Club freundet er sich mit Candy an, er sieht zum ersten Mal ein Mädchenklo von innen und wird in eine Erpressung hineingezogen, denn Candy wird von ihrem fast Ex-Freund mit dem bezeichnenden Namen Hengst mit einem selbstgedrehten Sexfilmchen erpresst. Und Miguel will Candy helfen…

Kritik
Nils Mohl ist mit Mogel ein unglaublich komischer Vorstadttrip gelungen, der gespickt mit Humor ernsthafte Themen anschneidet und gleichzeitig wie schon in Es war einmal Indianerland und Stadtrandritter gekonnt eine Milieustudie über das Leben am Rande der Stadt und in der Vorstadt darstellt. So wird die Wohnsiedlung, aus der Miguel weggezogen ist, als trister und 'ungastlicher' Ort beschrieben: "In der Gegend hängt eine Menge Pack ab, muss man schon sagen. Die Bänke dort sind zum Beispiel Treffpunkt für die Muttis mit Kinderwagen, die es in ihren verlotterten Waben wohl nicht mehr aushalten und lieber neue Graffitis an den Müllcontainern studieren und eine Zippe nach der anderen löten. Die ganze Zeit blasen die den Qualm ihren Würmchen unter die Baldachine. Die Kleinen schreien in einer Tour, die Muttis sind genervt und barzen die nächste" (S. 40f.). 

Ist die Siedlung am Stadtrand als asozialer Ort gebrandmarkt, so gewinnt demgegenüber die Vorstadtsiedlung an Spießigkeit, nicht zuletzt durch den Partykeller im Haus von Miguels Eltern, einem Relikt aus den 1960er und 1970er Jahren, in dem geschwoft und gefeiert wurde und der mit Holztäfelung, Bar und Fototapete mit Palmenstrand diese Zeit wieder aufleben lässt. Die Schilderungen des Geschehens im Allgemeinen und der Orte und des Geschehens im Besonderen überzeugen vor allem dadurch, dass sie aus Miguels Perspektive erfolgen. Als autodiegetischer Erzähler etabliert, schildert er mit der ihm eigenen Jugendsprache die Ereignisse der einen Nacht. Dabei klingt seine Sprache keineswegs gekünstelt oder konstruiert, sondern erscheint normal und fügt sich konsistent in die Geschichte ein.

Die Protagonisten erscheinen allesamt glaubhaft, trotz oder gerade wegen ihrer Eigenheiten: Der 16-jährige Dimi teilt sich seinen Freunden immer nur per SMS mit, da er das Sprechen – zumindest glauben das seine Freunde – aufgrund seines Stotterns eingestellt hat. Der gleichaltrige Flo Da Ho mit Glatze und Kinnbärtchen hat gleich mehrere Probleme: Neben seiner Lernschwäche lebt er mit seiner in seinen Augen spießigen Mutter zusammen, der Vater ist entweder verschollen oder verkleidet sich als Transvestit (vgl. S. 63). Zudem trägt er permanent eine Waffenattrappe bei sich, mit der er manchmal wild herumzufuchteln beginnt. Der 14-jährige Silvester ist der jüngste der Jungs. Ebenfalls wie Miguel einen Migrationshintergrund habend, wird er aufgrund seines guten Aussehens und seines Verhaltens sofort von allen gemocht. Und dann ist da ebenso noch der fast 15-jährige Miguel, der mit seinen Eltern in die Vorstadt gezogen ist, seine Freunde aber nicht vergessen hat und sich gemeinsam mit ihnen in das Abenteuer stürzt.

Bei all den Skurrilitäten driftet der Roman aber nicht ins Lächerliche ab, sondern bewahrt sich eine wunderbare Leichtigkeit, die gespickt ist mit Humor, der sehr zur Unterhaltung der Leser beiträgt. So lässt Mohl seine Protagonisten auch das "Täschchen mit den poppigen Motiven" (S. 181) nicht vergessen, dessen Henkel sich Flo über die Schultern schiebt (vgl. S. 182), als sie Miguel und Candy in der Schrebergartenlaube von Hengst aufspüren und beide davor bewahren, die Stars in Hengsts nächstem Sexvideo zu werden. Der Kontrast zwischen dem Täschchen und der bedrohlichen Situation sorgt für situationsbedingte Komik, bei der es Mohl jedoch immer gelingt, den Ernst der Lage im Blick zu behalten. Ernsthafte Passagen werden verwoben mit humoristischen und skurrilen Einlagen, die aus der Verkleidung Miguels herrühren. So wird er von Candy, die ihn für ein Mädchen hält, mit aufs Mädchenklo genommen, wo er nicht nur geschockt auf die Direktheit der Mädchen reagiert (vgl. S. 118f.), sondern sich angesichts der Lage zu pragmatischen Lösungen hinreißen lässt: "Eine Kabine wird für mich frei und ich drehe hinter mir blitzschnell die Verriegelung zu. […] Ich rätsle, ob ich mich hinsetzen soll. Von wegen der Akustik und der Tarnung. Spinne ich? Alles hat Grenzen. Ich klappe die siffige Klobrille doch lieber mit dem Fuß hoch – und pinkle im Stehen" (S. 119).

Die Sprache, in der Mohl seinen Roman schildert, lässt Bilder im Kopf des Lesers entstehen, die an großartige Filme wie Tootsie (1982) mit Dustin Hoffman, Mrs. Doubtfire (1993) mit Robin Williams oder auch The Birdcage (1996), ebenfalls mit Robin Williams, erinnern, in denen männliche Charaktere praktische und/oder psychologische Probleme mit der Rollenverwandlung haben. Den daraus resultierenden Lösungsansätzen und dem damit einhergehenden Humor steht Mohls Roman in nichts nach und bringt den Leser mehr als einmal zum Lachen.

Konzeptionell ist es interessant, dass der Roman zeitlich vor Stadtrandritter angesiedelt ist und damit – um filmische Begrifflichkeiten zu benutzen – als flashback gelesen werden kann: Silvester ist noch nicht mit Domino zusammen, deren mögliche Beziehung sich in Mogel andeutet. Und auch Silvesters Schwester Kitty lebt noch und plant voller Elan ihr künftiges Leben, von dem der Leser der Mohl'schen Bücher längst weiß, dass sie ihre Zukunft nicht mehr erleben wird. Mit diesem Kniff gelingt es Mohl einerseits, liebgewonnene Figuren aus vergangenen Romanen kurzzeitig wiederaufleben zu lassen und deren Lebensfreude und Neugier auf das Leben zu zeigen. Gleichzeitig verdeutlicht sich die Tragik des Lebens, das man doch nicht planen kann und das unerwartete Wendungen nimmt und zum schnellen Erwachsenwerden zwingt. So zeigt der Roman die noch kindliche Unbekümmertheit, mit der die Protagonisten durch die nächtliche Vorstadt treiben und in ihrem Spiel verweilen, das aber schnell in Ernst umschlägt, als sie mit der ernüchternden Welt der Erwachsenen und deren Abgründen konfrontiert werden.

Der Titel des Romans selbst – Mogel – eröffnet dementsprechend eine doppelte Lesart: Sowohl die Aufforderung an den Leser, zu mogeln, ist ihm eingeschrieben ebenso wie der Hinweis auf den Protagonisten Miguel selbst, dessen Name abgeändert wird zu Mogel, als Flo entdeckt, dass es beim Trinkspiel nur alkoholfreies Bier gegeben hat.

Fazit
Wie in den beiden Bänden Es war einmal Indianerland und Stadtrandritter beweist Nils Mohl auch in seinem Jugendroman Mogel sein Können: Seine Protagonisten gibt er keinen Lächerlichkeiten preis, sondern lässt sie sich bei allem Humor ernsthafte Gedanken um ihr Leben machen und ist für LeserInnen ab ca. 14 Jahren geeignet.


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