von Sabine Planka

Simon ist mit seinen Eltern aufs Land gezogen. Was als Idylle beginnt, entpuppt sich schnell als Alptraum: Er findet "Keiler", den Hund von Hubert Moos, mit durchgeschnittener Kehle tot in einem Feld. Als Simon später einen anonymen Anruf mit einer Warnung erhält, von Nachfragen abzulassen und niemandem etwas erzählen soll, und dann noch das Haus von Hubert abbrennt, bekommt Simon Angst – aber auch unerwartet Unterstützung. Ein Roman über falsches Schweigen und Angst, die nicht aufkommen müsste, wenn man sich anderen Menschen anvertraut.

Jungwirth, Andreas: Kein einziges Wort
Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2014
349 S., 14,99 €
ISBN 978-3-473-40114-7

Inhalt
Andreas Jungwirth hat mit Kein einziges Wort einen komplexen Roman vorgelegt, der mehrere Handlungsstränge um den Protagonisten Simon geschickt miteinander verzahnt. Der erste Handlungsstrang handelt vom Bau eines Einkaufszentrums am Rande des städtischen Vorortes. Der Bau verzögert sich, da Hubert Moos nicht aus dem Meiergut auszieht und dieses für den Bau entsprechend nicht abgerissen werden kann. Um Hubert zum Auszug zu bewegen, wird als Drohung erst Huberts Hund "Keiler" getötet, den Simon findet. Ein anonymer Anrufer droht ihm mit Gewalt, wenn er sich seinen Eltern oder der Polizei anvertraut. Schließlich wird Hubert selbst verprügelt und das Meiergut angezündet, so dass es schließlich in sich zusammenfällt und dem Bau des Einkaufszentrums nicht mehr im Wege steht. Hubert kann von Simon gerettet und von der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht werden.

Der zweite Handlungsstrang dreht sich um Simons Familie: Zu den Problemen, die sich für Simon aus dem Tod des Hundes ergeben, konfrontiert Simons Schwester Anne die Familie damit, dass sie ihr Studium abbrechen und mit der Band KRILL auf Tour gehen will. Den Kontakt zu ihrer Familie bricht sie komplett ab. Als Simon im Sommer eine Woche bei seiner Oma, deren zweiten Mann Friedolin und dessen Enkelin Silke verbringt, spielt die Band KRILL ein Konzert in dem Ort – und alle sind begeistert von Anne, die am Ende der Geschichte wieder den Kontakt zu ihrer Familie sucht und ihren Entschluss mitteilt, Musik studieren zu wollen.

Ein weiterer Strang rückt Simons Freund Chris in den Fokus, der allen erzählt, sein Vater sei bei einem Bergunglück ums Leben gekommen. Hubert erzählt Simon jedoch, dass Chris' Vater unter Alkoholeinfluss einen Unfall gebaut hat, bei dem nicht nur Huberts Sohn Paul ums Leben kam, sondern auch Chris‘ Vater selbst. Simon konfrontiert Chris damit, was ihre Freundschaft einer harten Probe unterzieht.

Und mittendrin steht Simon, der vor allem belastet ist von dem toten Hund Keiler, den er im Feld gefunden hat und dem Zettel mit den Worten "Letzte Warnung", der neben dem Hund lag. Den zu erwähnen, verbietet ihm ein anonymer Anrufer. Simons Angst wächst und er traut sich nicht, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen. Nur Chris und schließlich auch Silke weiht er ein. Mit fatalen Folgen, denn schließlich wird Chris entführt …

Kritik
Andreas Jungwirth ist ein spannender und komplexer Roman gelungen, der das Thema Angst aufgreift und in unterschiedliche Kontexte einbettet. Als autodiegetischer Erzähler ist Simon direkt davon betroffen, seine Angst treibt ihn dazu, sich allen gegenüber zu verschließen und den Menschen um ihn herum zunehmend Lügen zu erzählen, die ihm helfen wollen oder könnten: Der Polizistin, die sich merklich bemüht, ihm eine Aussage und damit die Wahrheit zu entlocken, obwohl sie sich dabei den Anordnungen ihres Vorgesetzten widersetzt, und seinen Eltern, die ihm in ihrer Ahnungslosigkeit seine Lügen abkaufen und schließlich erschüttert sind, was sie alles nicht gemerkt haben. Angst hat er auch, dass er seine Schwester nie wieder sehen wird, als sie ihr Studium abbricht, um mit einer Band auf Tour zu gehen. Und Angst hat er schließlich auch um Hubert, der urplötzlich aus dem Krankenhaus verschwindet und unauffindbar bleibt – bis Simon am Ende des Romans eine anonyme Postkarte aus Neuseeland erhält, die nur von Hubert stammen kann.

Der Roman zeigt jedoch auch die Erlösung Simons, als er endlich beginnt, das Geschehen der Polizei zu erzählen, nachdem er sich schon Chris und Silke anvertraut hat. In seiner Struktur folgt der Roman dabei partiell dem Muster eines Detektivromans, etwa wenn Simon herausfindet, dass Hubert und das Meiergut dem Bau des Einkaufszentrum im Weg stehen und die Drohungen gegen ihn dazu dienen sollen, dessen Widerstand zu brechen. Aber auch Anklänge an den Adoleszenzroman werden deutlich, wenn man sich die – zugegeben altersmäßig etwas spät stattfindende – Rebellion und Abnabelung von Simons Schwester Anne anschaut, die ihren eigenen Wünschen folgen will.

Alle Figuren überzeugen in ihrer Konzeption, was nicht zuletzt auch an deren glaubhaften Biografien liegt. Simon, der durch den Umzug seinem gewohnten Umfeld entrissen wurde und an der neuen Schule keine Freunde hat, wird vom Einzelgänger Chris gerettet, dessen Vater tot ist. Anne, die nicht derselben Spießigkeit der Eltern anheimfallen will und rebelliert, indem sie ihr Studium abbricht und singen will – bis sie sich entschließt, Musik zu studieren. Silke, deren Eltern sich haben scheiden lassen, und die darüber ebenfalls zunächst kein Wort verlieren will, bis sie Simon davon erzählt und sich wie befreit fühlt. Und die schließlich zusammen mit Simon und Chris die Täter stellen will, die das Meiergut angezündet haben, und die dann beherzt die Polizei einschaltet, als die Situation fast eskaliert. Und auch Simons Eltern, die Simons Verzweiflung aufgrund ihrer Sorgen um Anne und ihrer eigenen alltäglichen Probleme nicht wahrnehmen und bestürzt reagieren, als sie das Ausmaß des Geschehens begreifen.

Sprachlich fällt auf, dass sich der Roman jugendsprachlicher Elemente bedient, die völlig glaubhaft und keineswegs gekünstelt klingen. Darüber hinaus wird auch auf 'optischer' Ebene mit entsprechender Typografie gearbeitet, um sprachliche Phänomene zum Ausdruck zu bringen: Wenn Simon partout nicht reden will, symbolisieren Gedankenstriche sein Schweigen.

Zu Missverständnissen führt lediglich der typografische Kniff, einzelne Wörter, ganze Sätze oder auch ganze Textpassagen ausschließlich in Großbuchstaben zu schreiben. Im Normalfall stehen Großbuchstaben für Schreie, sowohl im WWW – in Chatforen und im eMail-Verkehr – als auch in SMS, können aber auch Wut ausdrücken. Im Buch werden mal Simons Gedanken oder das, was er sagt, groß geschrieben. Aber auch Worte und Sätze seiner Gegenüber werden so markiert und so ist manchmal nicht klar, was damit bezweckt werden soll und ob es evtl. Passagen sind, die besonders betont werden sollen oder einfach nur für Simon wichtig sind, die er versteht oder nicht versteht etc.

Fazit
Andreas Jungwirth hat mit Kein einziges Wort einen gelungenen Erstling, der das Thema Angst in den Mittelpunkt stellt, gleichzeitig aber Strukturen und Merkmale eines Detektivromans zitiert, um beim Leser Spannung zu erzeugen. Dabei wird gleichermaßen deutlich, dass Angst selbst beherrschbar ist, wenn man sich dagegen zur Wehr setzt und mit Erwachsenen, zumindest aber mit anderen Menschen reden kann. Der Einschätzung des Verlages folgend, ist der Roman für Leser ab 12 Jahren geschrieben.


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