von Sabine Planka

Leon wird im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme aus dem Gefängnis entlassen und soll in einer Gärtnerei arbeiten. Dumm nur, dass er dort statt des Besitzers eine tote Frau findet. Auf ihrer Brust liegt eine schwarze Tulpe – und damit fängt die Mörderjagd an. Ein logisch konstruierter Detektivroman für jugendliche Leser, dessen Figurenkonzeption und sprachlischer Ausdruck jedoch nicht immer überzeugen.

Konecny, Jaromir: Tote Tulpen
dtv, München, 2014.
238 Seiten. 12,95€
ISBN 978-3-423-74004-3

Inhalt

Frisch aus dem Gefängnis entlassen, will Leon seine neue Lehrstelle in einer Gärtnerei antreten, als er beim Betreten des Ladens eine tote Frau mit einer schwarzen Tulpe und einem Gedicht von Christian Morgenstern auf der Brust auf einem Verkaufstisch liegen sieht. Als er die Mordwaffe aufhebt – einen Unkrautstecher –, wird er hinterrücks von Laura, der Tochter des Besitzers des Blumenladens mit zugehöriger Gärtnerei, 'gestellt' und mit einer Waffe bedroht, mit der sie vor Leon herumfuchtelt (vgl. S. 10ff.). Damit Leon nicht in Schwierigkeiten kommt, verabreden beide, dass Leon noch einmal verschwinden soll, während Laura die Leiche dann offiziell findet und die Polizei alarmiert.

Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf, doch parallel starten auch Leon und Laura ihre Nachforschungen und finden über das Facebook-Profil der Toten namens Friederike heraus, dass sie zum einen Tulpenzüchterin, zum anderen die dritte Schwester von Drillingsschwestern war. Als Leon und Laura die zweite der verbliebenen Schwestern, Berta, aufsuchen wollen, ist die Polizei bereits vor Ort. Bei der dritten Schwester Karla haben sie jedoch Glück: Sie können noch vor der Polizei mit Karla sprechen und erfahren von Misshandlungen und Missbrauch der Schwestern in der Kindheit und dem daraus resultierenden Männerhass der beiden übrigen Schwestern. Friederike und Berta haben den Männern erst schöne Augen gemacht und sie dann einfach fallengelassen.

Die Handlung nimmt ihren Lauf und schon bald wird Berta umgebracht, ebenfalls mit einem Unkrautstecher. Leon und Laura wird klar, dass der Mörder aus dem Gärtnermilieu kommen muss. Sie forschen weiter und finden heraus, dass der Mörder seine schwarzen Tulpen, mit der der Täter seine Opfer schmückt, aus dem Garten von Lauras Onkel, der ebenfalls Gärtner ist, stiehlt. Auch die Zahl 3 erregt ihre Aufmerksamkeit – im Gedicht von Christian Morgenstern, dessen Ende der Mörder umgedichtet hat, ist von drei Spatzen die Rede, die schlussendlich umgebracht werden sollen – und sie schließen daraus, dass es noch ein drittes Opfer geben muss. Laura und Leon wollen den Täter überraschen, während er eine weitere Tulpe abschneidet, doch der Versuch schlägt fehl und der Verdächtige entkommt. Die beiden versuchen nun, über das Facebook-Profil der Toten an weitere Hinweise zu gelangen und widmen sich einem Zeitraum vor drei Jahren, in dem die erste Tote keinen Eintrag mehr gepostet hat. Leon und Laura recherchieren in der Staatsbibliothek und stoßen auf einen Selbstmord, der vor drei Jahren geschehen ist und wissen nun, wer der Mörder ist, der schließlich auch Lauras Mutter nach dem Leben trachtet...

Kritik

Story und Plot von Konecnys Roman überzeugen: Logisch fügen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen – auch wenn sie stellenweise ein wenig zu konstruiert erscheinen – und zeigen schließlich in einem klar konstruierten Spannungsbogen ein stimmiges Bild eines Mörders, der sich für die Demütigungen der beiden Schwestern Friederike und Berta an seinem besten Freund und dessen Selbstmord rächen will.

Positiv überraschen auch die literarischen Querverweise. Zentraler Dreh- und Angelpunkt ist das Gedicht "In einem leeren Haselstrauch" von Christian Morgenstern, das vom Mörder umgedichtet und mit einem tödlichen Ende versehen wird. Für Leon und Laura bieten sich – ebenso wie für die Polizei – Ansatzpunkte bei der Suche nach dem Mörder. Auch andere Verweise, etwa auf Agatha Christies Roman Mord im Orientexpress und Stephenie Meyers Twilight-Trilogie lassen Leon und Laura als literaturinteressierte Teenager erscheinen.

Leider wird dieser Eindruck jedoch wieder gebrochen durch die Konzeption der Figuren, die nicht immer konsistent erscheint. So wird Lauras intellektuellen Fähigkeiten, die richtigen Schlüsse in Bezug auf die Mordopfer zu ziehen, neben Naivität eine unmotiviert erscheinende Aggressivität entgegengestellt, die sich wohlwollend als ungelenke Annäherungsversuche interpretieren ließen. Sie schlägt Leon mehr als einmal ("Zu allem Überfluss klatscht sie mir auf den Arsch." (S. 61); "Plötzlich bricht sie eine Weidenrute vom Busch am Feldwegrand und schlägt mir damit voll auf den Rücken." (S. 109); "Plötzlich hält sie mich aber mit dem rechten Arm im Schwitzkasten […]." (S. 119); "Sie kichert und boxt mich aus voller Kraft in den Magen." (S. 180)) und verhält sich bei einer zufälligen Begegnung mit drei Jungen ziemlich naiv: Die drei wollen Laura und Leon anscheinend überfallen und laufen ihnen nach. Als sie Geld verlangen, fordert Laura Leon auf, er möge ihnen doch die vierhundert Euro zu geben, die er in seiner Socke versteckt habe (vgl. S. 66). Derlei Szenen sind weder lustig noch unterhaltsam, sondern irgendwann einfach langweilig.

Auch die Polizisten, die sich so gar nicht als Autoritätspersonen präsentieren, überzeugen stellenweise nicht, wenn sie sich bsp.-weise über den Hauptkommissar Hauptmeister (alias HaHa) lustig machen: "Haha streckt ihr die Hand hin und stellt sich vor. Blitzschnell dreht sich einer der Uniformierten zum Auto. Trotz der traurigen Frau hat ihn ein Lachanfall gepackt. Der Bulle läuft ums Auto herum, kniet sich hinter den Wagen hin und lässt sich dort in lautlosen Lachkrämpfen durchschütteln." (S. 74f.) Die Gestaltung des Hauptkommissars selbst wirkt ebenfalls an einigen Stellen überzogen. Ständig am Kreischen (vgl. S. 83) oder Kichern (vgl. S. 85) – was übrigens auch Laura dauernd macht –, zieht er vorschnelle Schlüsse und Urteile und diskreditiert Leon, von dem sich später sogar herausstellt, dass er unschuldig im Gefängnis gesessen hat, um einem Freund beizustehen. Unverständlich und nur eingeschränkt komisch oder lustig ist es, wenn er Leon zehn Punkte zubilligt, nach deren Verbrauch Leon wieder im Gefängnis landen soll, einzig und allein, weil er im Knast gesessen hat: "'[…] Hör mir gut zu, Junge. Du hast bei mir zehn Punkte frei. Wie in Flensburg. Du verbrauchst sie und schwuppepuppe … äh …' 'Schwuppdiwupp!' 'Jawohl! Schwuppipuppi … äh … egal! Du verbrauchst die Punkte und schwupp! Der Führerschein ist weg!'" (S. 41) Das ist stellenweise wenig überzeugend – und ein Blick auf die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur zeigt genügend Beispiele von Polizisten, die so ihre Eigenheiten haben, aber konzeptuell und im Rahmen des Handlungsgefüges und des gewählten Genres absolut überzeugen. Prominentestes Beispiel ist wohl Wachtmeister Alois Dimpfelmoser in Otfried Preußlers Der Räuber Hotzenplotz, dem Kasperl und Seppel nicht zutrauen, den Räuber Hotzenplotz zu fangen.

Auch sprachlich kann der Roman nicht vollends überzeugen. Aus der Sicht des 16-jährigen, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Leons erzählt, macht es natürlich Sinn, den Roman sprachlich einzufärben, damit dessen soziale Hintergründe deutlich werden. Allerdings wirkt Leon für diese Sprache, die teilweise in ihrer Derbheit übrigens nicht nur er, sondern auch andere Figuren nutzen (z.B. "Der eine sagt 'Arschloch', der andere 'blöde Sau', und schon boxen sie sich in die Rippen", S. 135), viel zu gebildet, auch wenn er zunächst geschickt seine Intelligenz im Umgang mit Computern und sein literarisches Wissen verbirgt. Auch nutzen sich einige Ausdrücke, die er wiederholt benutzt, schnell ab, z.B. wenn er Laura andauernd "Sherlocka" nennt in Anlehnung an Sherlock Holmes und ihre Vorliebe für Kriminalromane und Detektivgeschichten, wie dem Leser permanent unter die Nase gerieben wird. Dass jugendliche Sprache und Slang überzeugender gelingen können, zeigen z.B. Sophie D. Crockett (Nach dem Schnee) oder auch Stefanie de Velasco (Tigermilch) in ihren Romanen.
Überhaupt entpuppt sich Leon als ein unzuverlässiger Erzähler, dem man seine Geschichte nicht so recht glauben mag, wenn er z.B. sagt: "Ich lache. 'Du Schuft!', brüllt sie. 'Du machst dich lustig über mich?' Sie packt einen großen Stein … nee, macht sie nicht, den Stein habe ich mir nur ausgedacht. Sie geht mit leeren Händen auf mich los." (S. 120) Auch Formulierungen wie: "Klar konnte ich Lauras Mutter sehen, als sie zu Fritz wankte, habe mir aber nichts anmerken lassen. Damit Fritz davon nichts mitbekam. Deswegen habe ich auch vorhin nichts gesagt, um Fritz nicht aufzuscheuchen, und berichte erst jetzt davon." (S. 224), passen nicht zum benutzen Tempus (Präsens) der Erzählung. Dem Leser wird im Verlauf der Handlung suggeriert, dass er das Geschehen parallel zu den beiden Protagonisten erlebt, bis dieser Eindruck gebrochen wird und Leon plötzlich einen Wissensvorsprung aufweist.
Eine mögliche 'Lösung' böte sich an, wenn man Leon als Ich-Erzähler im Sinne eines Live-Kommentators auffasst, der dem Leser am literarischen Radio von den Geschehnissen berichtet und sich dabei (spielerisch) des Öfteren selbst korrigiert. In dem Fall erschiene die Tempusverwendung kohärent.

Fazit

Insgesamt überzeugt Konecnys Roman nicht vollständig: Die Handlung wirkt stellenweise zu konstruiert, als dass ein Leser vollständig in die Handlung, der ein spannender und schlüssiger Plot zugrunde liegt, eintauchen könnte. Die Figuren erscheinen in sich nicht konsistent und auch die Sprache durchbricht stellenweise den Lesefluss durch Kraftausdrücke und einen immer wieder erkennbaren Grad an Unzuverlässigkeit hinsichtlich der inhaltlichen Aussagen.

Insgesamt – v.a. bedingt durch die Sprache und die erkennbare Aggressivität – erscheint der Roman für Leser ab 15 Jahren geeignet.


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