von Mirijam Steinhauser

In den Sommerferien von einer wilden Räuberbande entführt werden? Das ist das Beste, was Vilja seit langem passiert ist! Statt einer langweiligen Reise zur Oma mit nervösen Eltern und einer unausstehlichen Schwester gibt es nun jede Menge Spaß und Abenteuer für das zehnjährige Mädchen. Eine lustige Roadstory aus Finnland voller Überfälle, warmherziger Figuren und Lakritzbonbons.

Kolu, Siri: Vilja und die Räuber
Aus dem Finnischen von Antje Mortzfeld
Heine, München 2012
256 S., 12,99 €
ISBN: 978-3-4532-6762-6

Inhalt
"In der zweiten Juniwoche wurde ich geklaut. Das war auch gut so." (S. 11) Mit diesen Worten beginnt die abenteuerliche Geschichte, die aus der Perspektive der zehnjährigen Vilja erzählt wird. Auf dem Weg in die Sommerferien wird das Auto ihrer Familie von den wilden Räuberbergs geentert. Diese Räuberfamilie, die sich auf Landstraßenüberfälle spezialisiert hat, stiehlt zum ersten Mal nicht nur Gegenstände – vorwiegend Essbares – sondern auch einen Menschen: Vilja. Damit beginnt für Vilja, die sich als Gefangene schnell in die warmherzige Räuberfamilie integriert, das wilde Räuberleben. Sie wird in die Kunst der Überfälle eingewiesen, lernt die ausgiebigen Räuberfrühstücke und Badetage kennen, und darf sogar mit den Räuberbergs das alljährliche Räubersommerfest besuchen. Bald schon hat sie die ganze Familie liebgewonnen und mit ihrem wachen Verstand um den Finger gewickelt. Dieser kommt der ungewöhnlichen Reisegesellschaft vor allem dann zugute, wenn es in verschiedener Hinsicht brenzlig wird, vor allem wenn Polizei, andere Räuberbanden oder Viljas Papa hinter ihnen her sind. Am Ende der Sommerferien bringen die Räuber Vilja wieder zu ihrer Familie, aber alle sehnen sich schon die nächsten Sommerferien herbei. Schließlich haben die Räuberbergs Vilja versprochen, sie dann erneut zu rauben und sie ist zu der Erkenntnis gelangt: "Sie brauchen mich nämlich." (S. 255)

Kritik
Vilja und die Räuber ist der erste Band einer Kinderbuchserie der finnischen Autorin Siri Kolu, der 2010 mit dem Finlandia Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde. Die Protagonistin der komischen Räubergeschichte bietet dem kindlichen Leser die Möglichkeit zur Identifikation und die Möglichkeit, in ein turbulentes Familienleben mit harmlosen Gesetzesübertretungen einzutauchen. Vilja ist ein starkes Mädchen, das den Räuberalltag schnell durchschaut und mit Hilfe ihres Notizbuches analysiert. So gewinnt sie den Respekt der bisweilen chaotischen Familie. Die Räuberbergs passen gut in das kinderliterarische Räuberbild, das durch Klassiker wie Der Räuber Hotzenplotz und Ronja Räubertochter auf je unterschiedliche Weise repräsentiert wird. Ähnlich wie Ronjas Vater Mattis ist auch der "Wilde Karlo" ein aufbrausender und dominanter, aber letztlich gutmütiger und weicher Familienvater, wohingegen die Frauen der Familie vernünftiger erscheinen. Die Taten der Räuber beschränken sich vorwiegend auf den Raub von Lebensmitteln und Gütern für den täglichen Bedarf, Geld interessiert die Räuberbergs nicht.

Hinter der harmlos-lustigen Fassade der Räuberfamilie verbirgt sich jedoch der traurige Ursprung ihres Vagabundenlebens: Vilja erfährt, dass Vater Räuberberg früher in einer Autofabrik arbeitete. Als diese ihre Produktion ins Ausland verlegte, wollte der "Wilde Karlo" keine Kompromisse eingehen und stürzte sich mit der ganzen Familie ins Räuberdasein, das vor allem im Sommer sehr unterhaltsam ist, aber auch seine Schwierigkeiten mit sich bringt: Der achtjährige Sohn Kalle wünscht sich etwa, wie jeder normale Junge in die Schule gehen zu dürfen, und im Winter ist das Leben in Bus und gekaperten Sommerhäusern bisweilen sehr hart. So enthält das fröhliche Kinderbuch in Ansätzen auch gesellschaftskritische Momente, indem die negativen Aspekte der Globalisierung wie der Verlust der identitätsstiftenden Arbeitsstelle thematisiert werden. Diese Momente zeigen sich gleichfalls in Hinblick auf die zweite Familie, um die es indirekt immer wieder geht, nämlich Viljas eigene Familie. Ihre Eltern sind zwar sehr reich, aber dabei wenig an ihren Kindern interessiert.

Hier bringt die Geschichte aber auch einige Ungereimtheiten und Oberflächlichkeiten mit sich: So wirkt es recht unglaubwürdig, wenn Vilja den Räuberbergs, die bis vor sechs Jahren ein ganz normales Leben in einem Wohnblock führten, beibringt, wie man in einem Supermarkt einkauft oder mit Geld umgeht, auch wenn das Raum für spannungsreiche und höchst komische Episoden bietet. Auch die Schilderungen von Viljas Familie, die als Negativ-Folie für das Leben der Räuberbergs dient, bleiben letztlich flach.

Die illustratorischen Elemente – der verspielte Bucheinband im Retro-Stil und die hübsch gestalteten Vignetten, die die Kapitelüberschriften rahmen – passen sich in das freundliche Gesamtkonzept des Buches ein und werden vor allem auch die Eltern als Käufer des Buches mit ihrer Nostalgie verführen. Motivisch fokussieren sie den genussorientierten Aspekt des Räuberlebens, in dem das Essen – vor allem von Süßigkeiten – eine große Rolle spielt. Durch die anschauliche Beschreibung der Lebensmittel und die flankierende Darstellung der finnischen Landschaft erhält der Leser nebenbei auch einige Einblicke in das Leben in Viljas Herkunftsland.

Fazit
Mit Vilja und die Räuber hat Siri Kolu den ersten Band einer vielversprechenden Kinderbuchserie vorgelegt, zu der bereits eine filmische Adaption in Arbeit. Kinder ab ca. zehn Jahren werden darin eine äußerst unterhaltsame Lektüre finden, die ihnen nicht nur die Sommerferien versüßen kann. Für jüngere Kinder eignet sich das Buch als Vorlesebuch, bei dem der erwachsene Leser aufgrund der zahlreichen hintersinnig-humorvollen Anspielungen und des recht anspruchsvollen Wortschatzes allerdings deutlich unterstützen muss, dabei selbst aber auch viel Lesefreude hat.


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