von Anna Stemmann M.A.

Der 18jährige Bastian hat keine Lust mehr auf die Schule und noch viel weniger auf die anstehende Lehre. Bevor er diese beginnen soll, schicken ihn seine Eltern auf eine Sprachreise nach Kanada. Die verläuft jedoch ganz anders als geplant und weit ab von zu Hause lernt er auf seinem Roadtrip entlang der kanadischen Sunshine Coast nicht nur skurrile Menschen und neue Orte kennen, sondern auch sich selbst. 

Nesch, Thorsten: Buster, König der Sunshine Coast
Reinbek: Rowohlt 2014
304 S., 8,99 €
ISBN 978-3-499-21499-8

Inhalt
Nachdem Bastian das Abitur nur mit viel Mühe bestanden hat, benimmt er sich bei der abschließenden Feier im Alkohol- und Drogenrausch völlig daneben. Am nächsten Morgen holt er entsprechend verkatert sein Zeugnis beim Direktor ab und demoliert unabsichtlich dessen Büro. Seine Eltern streichen ihm daraufhin die versprochene Abenteuerreise nach Thailand und organisieren stattdessen kurzerhand einen Sprachaufenthalt in Kanada, in der Hoffnung, er würde dort an 'Struktur' gewinnen und seine Englischkenntnisse aufpolieren. Ganz entgegen Bastians Vorstellung von einem gelungenen Urlaub, sollen statt Party nun täglich straffe sechs Stunden Englischunterricht auf dem Programm stehen. In Kanada angekommen stellt er jedoch fest, dass die Sprachschule nur eine Briefkastenfirma ist und seine Eltern auf einen Internetnepp hineingefallen sind. Die unerwartet gewonnene Freiheit nutzt er spontan, um das Land auf eigene Faust zu erkunden.

Es entspinnt sich daraufhin ein planloser Reiseverlauf, bei dem er sich ohne Hektik und Eile durch Kanada treiben lässt. Mit wenig Geld, noch weniger Gepäck und ohne konkreten Plan macht er sich auf den Weg, nutzt günstige Busse, trampt, übernachtet bei unbekannten Leuten im Wohnwagen oder schlägt sein Zelt am Strand auf. Er trifft dabei nicht nur auf wilde Tiere – ein Bär und Berglöwe lassen ihn nur knapp unbehelligt –, sondern auch andere Reisende und Einheimische. Mit viel Ruhe und Neugier begegnet er den fremden Orten und Menschen, zieht sich immer wieder für Tage alleine zurück, komponiert eigene Lieder auf seiner Gitarre und lässt sich unbeschwert durch das Leben tragen. Halt macht er dabei in abgelegenen Dörfern, erkundet Wälder und ist ganz bei sich selbst. Letzteres ändert sich bei einem Zwischenhalt in einer Kleinstadt. Hier trifft er auf Marleen, ein Mädchen, in das er sich direkt verliebt. Ihre Wege kreuzen sich daraufhin immer wieder zufällig und beim finalen Abschied entscheidet er sich, bald nach Kanada zurückkehren zu wollen, um immer bei Marleen zu sein.

Mit der Rückkehr nach Deutschland fühlt Bastian sich dann auch zunehmend eingeengt und verkündet seinen Eltern, die Lehre nicht antreten zu wollen. Das Ende verbleibt mit dieser gefassten Entscheidung und belässt Bastians tatsächlichen Lebensverlauf mit der unbestimmten Offenheit.

Kritik
Thorsten Neschs Roman ist eine klassische Road Novel, die an vielen Stellen an ein kanadisches Faserland denken lässt und den Entwicklungs- und Selbstfindungsprozess des jugendlichen Protagonisten ausgestaltet. Aus der Ich-Perspektive werden die Erlebnisse von Bastian plastisch und unterhaltsam geschildert; die lineare Chronologie des Zeitverlaufs wird dabei nur durch seine abschweifenden Tagträumereien unterbrochen. In diesen gibt er sich ausufernden Phantasien und Reflexionen des Erlebten hin oder imaginiert mögliche Zukunftsszenarien, die das Bild eines noch unentschlossenen und suchenden Heranwachsenden entwerfen.

Der Übergang von Jugend zum Erwachsensein wird zum zentralen Thema das Textes und die Suche nach dem – wortwörtlichen – eigenen Platz im gesellschaftlichen Gefüge verschachtelt sich eng mit spezifischen räumlichen Dimensionen. Die Topographie des Romans zeichnet nicht nur die landschaftlichen Bedingungen und Besonderheiten Kanadas nach, sondern gestaltet entlang der Bewegung im Raum die Selbstbildung des Protagonisten. Die suchenden und ziellosen Wege, das Herumirren im Wald und das Zurückgeworfensein auf sich selbst, weit ab vom elterlichen und einengenden Gefüge, werden zum zentralen Faktor, die die Entwicklung des Protagonisten symbolisieren. Nicht zufällig beschreibt Bastian die Straße einmal als sein Lebenselixier.

Als lose Rahmung des Kanadaaufenthalts fungieren zwei kurze Episoden in Deutschland, die insbesondere die angespannte Beziehung zu den Eltern und die Schwierigkeiten mit den vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen aufgreifen. Kontrastiert wird diese Einengung mit der unendlichen Freiheit in Kanada und lässt die Reise zum Selbstfindungsprozess werden, die folgerichtig mit einem offenen Schluss verbleibt und zeigt, dass diese Entwicklung auch mit dem symbolischen Übertritt von Jugend zum Erwachsensein nicht abgeschlossen ist. Besonders deutlich wird Bastians Entwicklungsschritt etwa dann, wenn ihn die Eltern vom Flughafen abholen und das aus ihrer Sicht behütete Gefüge des elterlichen Autos zum Störungsmoment für Bastian wird und bei ihm Unwohlsein hervorruft.

Die Figurengestaltung von Bastian entwirft zu Beginn des Romans allerdings noch einen recht holzschnittartigen Heranwachsenden, der sich lieber dem Feiern als seinen Pflichten hingibt und inszeniert ihn mit einem leicht überzeichneten und wenig glaubhaften jugendsprachlichen Duktus. Ebenso wartet die Beziehung zu den Eltern mit diversen Klischees auf: vom mürrischen Vater, der unzufrieden mit seinem faulen Sohn ist und der überfürsorglichen Mutter. Seine richtige Stärke entfaltet der Text erst im Verlauf, wenn von Bastians Zeit in Kanada erzählt wird. Die spannenden und differenzierten Facetten des Protagonisten fächern sich zunehmend auf und zeigen ihn als reflektierten Jungen mit Ängsten und Sorgen, aber auch viel Lebensfreude und Humor. Neben den topographischen Dimensionen und dem sorgenlosen Sichtreibenlassen durch den Raum nimmt das Gitarre spielen eine zentrale Funktion ein; dem Erzähltext werden zunehmend selbstgeschriebene Songtexte von Bastian zwischengeschaltet, die seine Erlebnisse auf einer weiteren Ebene reflektieren. Die musikalischen Referenzen werden außerdem um Bezüge auf verschiedene Filme ergänzt und lassen den Text zum populärkulturellen Fundus werden, der darüber hinaus in seiner erzählerischen Konstruktion die Tradition der Road Novel fortschreibt.

Fazit
Nach Joyride Ost (2010) legt Thorsten Nesch einen zweiten Roadmovie-Roman vor, der die klassischen Fragen der Adoleszenz und die Suche nach sich selbst verhandelt. Bastians Reise entlang der Sunshine Coast zeigt aber nicht nur den eventuell problembehaften Übergang zum Erwachsensein, sondern wird zur literarischen Feel-good Zeit, die die zentralen Entwicklungsprozesse der Adoleszenz auch humorvoll aufgreift. In leichtem und beschwingtem erzählerischen Duktus wird der Roadtrip des Protagonisten zur spannenden Suche nach sich selbst und reflektiert dabei immer wieder die Erwartungen Bastians an das eigene Leben. Buster, König der Sunshine Coast wird damit zum unterhaltsamen Text für jugendliche Leser ab 14 Jahren, die darin die Entwicklungsprozesse, mögliche Ängste, Störungen und Probleme, aber auch Freiheiten und Perspektiven des Erwachsenwerdens durchspielen können.


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