von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Ein Kriminalfall, eine Liebesgeschichte, homosexuelle Selbstfindung …und das alles vor der historischen Kulisse des nahenden Ersten Weltkriegs: Ein fulminanter, geschichtserzählender Wälzer – für jugendliche Leser?

Seidel, Jürgen: Der Krieg und das Mädchen.
Cbj Verlag: München 2014.
ISBN 978-3-570-15763-3
473 Seiten, 16,99 €

Inhalt
Mila und Fritz sind ein Paar. Ihre Geschichte spielt im Sommer 1914, die in Künstlerkreisen verkehrenden Jugendlichen sind Zeitzeugen des beginnenden Ersten Weltkriegs. Die Menschen befinden sich in euphorischer kriegsbegeisterter Stimmung, manche sind jedoch auch voller Skepsis und Ängste. Fritz und Mila bewegt aber noch viel mehr: Im Zentrum der Handlung steht einerseits eine Kriminalgeschichte, denn Mila wird Zeugin des Herzinfarkts eines als Franzosenhasser bekannten Lehrers, in dessen Folge sie Opfer einer Verleumdung und samt ihrer Mutter verhaftet wird. Pikant an der Sache: Mila ist die Tochter eines Franzosen und trägt dessen Namen Pigeon, was sie zu Zeiten des nahenden Kriegs mit dem Erbfeind Frankreich zu einer Geächteten macht. Dazu kommt, dass ihre politische Gesinnung als zweifelhaft eingestuft wird. Sie ist gegen den Krieg und schließt sich mit Sheena Gilges zusammen, einer jungen, emanzipierten Frau, die Kontakte zur Frauenbewegung unterhält und kürzlich dem vom Vater ausgesuchten Bräutigam den Laufpass gegeben hat. Das wiederum führt zu massiven familiären Spannungen in der Familie von Sheena.

Der zweite Haupthandlungsstrang dreht sich um Fritz und seine Emotionen, denn er kämpft verzweifelt gegen homosexuelle Neigungen an, die er als Krankheit aburteilt. Von Selbstekel gepeinigt, hofft er, an der Front von der vermeintlichen „Krankheit der Uranier“ geheilt zu werden. In Folge all dieser Entwicklungen und komplizierten Verstrickungen distanzieren sich Fritz und Mila voneinander und trennen sich schließlich: Mila verliebt sich in Wieland Hassel, dessen Vater Advokat ist und die Freilassung der inhaftierten Mutter erwirken kann. Fritz verliebt sich zunächst in den Freund Rasmus Bloemacher, der ihn jedoch auslacht, als er ihm seine Liebe gesteht, und nähert sich schließlich dem gleichgesinnten Titus Engel an.

Am Ende fällt Fritz an der Front, und auch Wieland Hassel zieht in den Krieg. Was aus ihm und Mila wird, bleibt offen.

Kritik
Sollte diese Inhaltsangabe verwirrend und kompliziert klingen, so ist dies der überladenen, weitschweifigen Handlung des 473 Seiten starken Romans geschuldet, die zuweilen zwar spannend ist, aber in großen Teilen schwer nachvollziehbar und unglaubwürdig erscheint. "Worum geht es hier eigentlich?", mag man sich bei der Lektüre fragen und: "Was soll nun eigentlich erzählt werden?" Das liegt an der wenig gelungenen Konstruktion unterschiedlicher Verwirrungen und Verwicklungen der Figuren untereinander, der man nur schwer folgen kann. Es ist zu viel, was Jürgen Seidel hier einbringt: Kriminalfall, Ängste und Zweifel eines Jungen, der die Homosexualität entdeckt, amouröse Verstrickungen, politische Gesinnungskämpfe – der Erste Weltkrieg ist hier nur Kulisse, vor dem die Handlung aufgezogen wird. Das Zentrum der Geschichte bildet er nicht, auch wenn sich viele Dialoge um den nahenden Krieg drehen und die Figuren klar in Kriegsbefürworter und Kriegsgegner eingeteilt sind. Das verleiht der Handlung wiederum offensichtlichen Konstruktcharakter, z.B. in Milas Gespräch mit dem Lehrer:

"Aber die leichtsinnige Erwartung des großen Kriegs ist überall spürbar," warf sie ein und  erschreckte sich selbst. "Dagegen muss man doch etwas tun." Sie war aufgeregt, aber  zugleich erleichtert, dass sie die Kraft gefunden hatte, doch etwas zu sagen. "Ich bin selbst  eine der Leidtragenden mit meinem französischen Namen, obwohl ich keine Französin bin.  Überall schürt man Ressentiments. Oder wenn Sie an die Regelung denken, dass sich junge  Männer, die sich freiwillig zum Kriegsdienst melden, Wünsche äußern dürfen, wohin man sie  sendet. Sie freuen sich darauf, zusammen mit ihren Freunden oder Klassenkameraden ein  Abenteuer zu bestehen. Das ist doch sträflich!" (S. 132).

Hier – und auch an vielen anderen Stellen - wirkt die Figur der Mila allzu mustergültig. Sie hat einen Künstlerkreis gegründet, scheut keinen Konflikt und scheint kaum Ängste zu kennen, etwa, wenn sie anfangs dem kriegstreiberischen Lehrer Janota im offenen Streit begegnet, woraufhin der dann tot umfällt, oder als sie sich später dem Hausmeister widersetzt, der sie und ihre Mutter wegen des französischen Namens diffamiert.

Auch die spontane Freundschaft zwischen Sheena und Mila wirkt unglaubwürdig, da sie nicht wächst und sich nicht entwickelt, sondern einfach plötzlich da ist mit der schlichten Begründung: "Wir haben uns vom ersten Wort an gut verstanden" (S.145). Das reicht in dieser Konstellation dafür, dass Mila und Sheena sofort zu Freundinnen werden und Intimitäten austauschen, nachdem sie sich am Bahnhof kennengelernt haben.

In sprachlich-literarischer Hinsicht ist der Roman leider auch nicht als innovativ zu bezeichnen. Der heterodiegetische Erzähler gibt in einigen der (sehr langen) Kapitel Einblick in die Perspektive Milas, in anderen in die von Fritz. Dominant sind Figurenreden und langatmige Dialoge, im Hinblick besonders auf die Zielgruppe jugendlicher Leser stört auch die Länge der Kapitel. Man braucht wahrhaftig einen langen Leseatem und viel Geduld, um durch diesen Wälzer durchzukommen. Straffungen hätten dem Roman gut getan, beispielsweise in der Konzentration auf die Gefühle des homosexuellen Fritz zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Allein dieses Thema bietet wahrlich genug Stoff für einen Roman. So bleibt neben dem Eindruck der Langatmigkeit das Fazit, dass weniger mehr gewesen wäre.

Fazit
Es steht zu befürchten, dass Seidel mit diesem Kriegs-Epos, das pünktlich zum 100jährigen Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschienen ist, seine Zielgruppe verfehlt. Zu empfehlen sind jugendlichen Lesern, die mehr über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfahren wollen, eher andere Titel, z.B. Zeit der großen Worte von Herbert Günther oder das Sachbuch Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg von Nikolaus Nützel, um nur zwei Beispiele unter zahlreichen Neuerscheinungen im Jahr 2014 zu nennen.


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