von Sebastian Koch M.A.

Cornelia Funke bedient sich in ihrer Reckless-Reihe zahlreicher vertrauter Märchenmotive. Kann ein Rezept, das sich bereits in den Tintenwelt-Romanen bewährt hat, erneut gelingen?

Funke, Cornelia: Reckless – Steinernes Fleisch
Dressler Cecilie, Hamburg 2010.
346 S., 19,95 €
ISBN 978-3791504858

Inhalt
Jacob Reckless entdeckt im Büro seines verschollenen Vaters einen Spiegel, der in eine verzauberte Parallelwelt führt. In diese übergetreten, wächst Jacob dort mit der Zeit zu einem erfolgreichen Schatzjäger heran. Rapunzelhaar, selbstdeckende Tische und geldproduzierende Taschentücher sind Gegenstände, die er bei seinen abenteuerlichen Schatzsuchen verwendet; Dornröschens Schloss und das Knusperhaus im dunklen Wald sind Orte, an denen er sich wiederfindet. Mehrere Jahre später entdeckt auch sein Bruder Will den Weg in die Märchenwelt und wird kurz darauf von einer Horde aggressiver Steinmenschen, den Goyles, angegriffen. Jacob versucht seinen Bruder Will zu retten, der sich nach dem Angriff durch seine Verletzung selbst in einen Goyle zu verwandeln beginnt. Zur Seite stehen Jacob ein formwandelnder Fuchs, ein kapitalistischer Zwerg und Wills Verlobte Clara. Doch nicht nur Goyles, sondern auch aggressive Einhörner, eifersüchtige Feen und nach Männern gierenden Meerjungfrauen lauern in jedem Winkel der Geschichte und erschweren Wills Rettung.

Kritik
Schon die Tintenwelt-Romane von Cornelia Funke griffen vielfach auf Motive traditioneller Märchen und alter Mythen zurück. Vorwürfe wurden laut, dass bekannte Geschichten einfach umgeschrieben wurden. Und auch bei Reckless bedient sich die Autorin wieder althergebrachten Materials. Jedoch schafft sie es, das ganze Sammelsurium unzusammenhängender Mythen, Legenden, Märchen und Sagen nicht wie einen geflickten Patchwork-Teppich erscheinen zu lassen: Ein frischer Hauch schwungvoller Ideen, gepaart mit erstaunlichem Realismus prägt die Geschichte der beiden verwaisten Brüder. Die Welt hinter dem Spiegel will nicht mehr nur von Magie und Zauber bestimmt werden, sondern entwickelt sich weiter: Elektronik, Schusswaffen und Dampflokomotiven lösen den Zauber der alten Tage ab und es beginnt ein Kampf sowohl zwischen Technik und Tradition als auch um Gleichberechtigung zwischen Menschen und Goyles. Neben dem Haupterzählstrang des mutigen Heranwachsenden, der sich den Gefahren einer fremden Welt stellt, werden immer wieder globale Geschehnisse der Spiegelwelt wie beispielsweise der Krieg zwischen den Goyles und den Menschen sowie der politischen Verbindungen zwischen den Königreichen geschildert. So steht dem Königreich Austrien bald die Zwangshochzeit der kaiserlichen Tochter und des Königs der Goyles bevor, die den Frieden zwischen den beiden Völkern sichern soll. Mit der Vermischung von Einzelschicksalen und gesellschaftlichen Umständen schafft Cornelia Funke es, die Kinder- und Hausmärchen auf eine neue Ebene zu heben und damit auch Jugendliche in fortgeschrittenem Alter anzusprechen. Schon der Einband vermischt Märchenelemente mit düsterer Stimmung: auf schwarzem Einband starrt eine steinerne Fratze durch einen verzierten, angelaufenen Silberrahmen. Der kryptische Klappentext verrät jedoch in lyrisch gehülltem Gewand nichts, was auf den Inhalt verweisen könnte. Zwischen den Buchdeckeln wird der Text mit grafischen Elementen illustriert. Am Anfang eines jeden Kapitels umrandet eine Bleistiftzeichnung den Text und unterstreicht dabei immer wieder die märchenhafte Atmosphäre à la Grimm.

Die Erzählweise, die die Autorin einsetzt, macht eine Identifikation mit dem Protagonisten unumgänglich. Die immer wieder auftauchenden inneren Monologe des Protagonisten ermöglichen es, sich so sehr in seine Situation zu versetzen, dass die Gedanken, die Reue und die Zweifel, die Jacob empfindet, schon fast die eigenen zu sein scheinen. Da die Hauptfigur jedoch nicht wie zu Anfang des Buchs 13 Jahre alt ist, sondern es sich um einen 25-jährigen jungen Mann handelt, stellt Reckless – Steinernes Fleisch eine Brücke zwischen dem Jugend- und Erwachsenenroman dar. Cornelia Funke verbindet gruselige Märchenhaftigkeit und graue Realität und präsentiert zudem eine Heldenfigur, mit dem sich Jugendliche sowie Heranwachsende gleichermaßen identifizieren können. Damit verwischt sie die Grenzen zwischen Kinder- und Allgemeinliteratur und macht ihr All-Age-Werk zu einem Lesevergnügen für ein breites Publikum. Dabei verzichtet sie auf kopierte Handlungsstränge und romantisierte Zauberwelten mit Glitzer und Regenbogeneinhörnern.

Fazit
Cornelia Funke verbindet klassische Märchen mit düsterer, mystischer Atmosphäre. Dabei schafft sie es, frische Ideen, die sich stark von bekannten Märchenmotiven unterscheiden, in ihre Geschichte einzufügen und sowohl reale als auch phantastische Welten authentisch miteinander zu verbinden. So wirkt Reckless nicht wie eine schlichte Adaption der Originalmärchen, sondern wie eine glaubwürdige Eigenkreation der Autorin. Das dunkle und bedrohliche Ambiente macht Reckless zugleich zu einem All-Age-Buch für Jugendliche und (junge) Erwachsene. Für allzu junge Kinder beinhaltet das Buch zu viele gruselige Momente. Empfehlenswert ist die Reckless-Reihe daher für Jugendliche ab 13 Jahren, die Freude beim Gruseln empfinden und spannende Unterhaltung suchen.

 

 

 


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