von Anna Stemmann M.A.

Der 16-jährige Luis lebt allein mit seiner Mutter in einem Hochhausviertel, seinen Vater hat er nie kennen gelernt und sein größter Halt ist die Clique seiner Jungs. Mit viel Einfühlungsvermögen und pointierter Sprache schildert Verena Güntner den Alltag des Teenagers, der geprägt ist von maßlosem Alkoholkonsum, unverbindlichem Sex, abstrusen Wetten in seinem Freundeskreis und der Frage, wer man eigentlich ist und was man mit seinem Leben anfängt.

Güntner, Verena: Es bringen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014
256 S., 18,99€
ISBN: 978-3462046922

Inhalt
Luis ist nach jahrelangem Training ein richtiger Bringer, d.h. er kommt gut bei den Mädchen in seiner Siedlung an und wickelt sie leicht um den Finger. Zusammen mit seiner Mutter, mit der er sich blendend versteht, lebt er in einer kleinen Wohnung im 15. Stock eines trostlosen Hochhauses. Ihr Verhältnis ist von viel Liebe, Humor und Zuneigung geprägt. Seinen Vater hat Luis hingegen nie kennen gelernt und musste sich stattdessen mit den häufig wechselnden Partnern seiner Mutter abfinden. Diese Beziehungen waren oft von Streit und körperlichen Auseinandersetzungen und Misshandlungen geprägt, wie der Leser in einigen Rückblenden erfährt.

Neben dem treuen Pony Nutella, das Luis nur heimlich ohne seine Clique kurz besuchen kann, ist der polnische Einwanderer Milan Luis' bester Freund. Mit seinen 20 Jahren ist er deutlich älter als die anderen Jungs – zumal er auch noch zweimal in der Schule sitzengeblieben ist – und daher unangefochtener Chef, Luis folgt in der strengen Ordnung direkt dahinter. Beide sind die Galionsfiguren einer Truppe pubertierender Jungs, die sich vor allem mit den sogenannten "Fickwetten" die Zeit vertreibt. Gewettet wird darauf, ob es Milan oder Luis – die anderen Jungs sind noch völlig unerfahren, was Frauen angeht – gelingt, eine Unbekannte zu verführen. Detailliert schildert der Roman diese Erlebnisse und Eskapaden der Clique, die ihnen während eines Sommers in den Ferien widerfahren. Zentraler Handlungsort ist das Gebiet der Hochhaussiedlung und des angrenzenden Freibads. In diesem werden Hierarchien ausgefochten, Liegeplätze und soziale Stellungen verteidigt und die "Kurzen" müssen den Älteren ihr Taschengeld abtreten; gleichzeitig ist das Freibad der wichtigste Ort, um neue Mädchen kennen zu lernen. Ihr ganzes Handeln und Tun richten die Jungs auf diese "Saison" aus und planen detailliert den perfekten Ablauf des ersten Tags im Freibad, den dieser entscheidet bereits, ob es ein guter Sommer wird oder nicht.

Milan und Luis sind unzertrennlich, bis ihre Freundschaft auf eine schwere Probe gestellt wird: Luis Mutter beginnt eine Affäre mit Milan. Luis' bisheriges Weltbild gerät komplett aus den Fugen. Er betrinkt sich maßlos, bricht unbekleidet in einer wilden Flucht nachts in die Schule ein, entführt am frühen Morgen seinen Sportlehrer und fährt mit ihm zu einem nahe gelegenen Berg. Barfuss erklimmt er das Gipfelkreuz und stellt sich auch den damit verbundenen Dämonen seiner Vergangenheit. Geläutert kehrt er zurück.

Es bringen - Coverbild

Kritik
Der Roman folgt keiner stringenten Erzähllogik oder einem Ziel auf das hin erzählt wird. Vielmehr geht es um das Moment des sich Treibenlassens, des Suchens und der Orientierungslosigkeit des Protagonisten, was sich auf der Ebene der histoire vor allem in seiner Flucht in unverbindlichen Sex mit wechselnden Partnerinnen und dem Alkoholrausch zeigt, aber auch in der Erzählweise des discours gespiegelt wird. Berichtet wird aus der strikt subjektiven Perspektive des 16jährigen Ich-Erzählers, verschiedene Episoden eines Sommers, die nur einer losen Chronologie folgen, werden aneinandergereiht. Immer wieder eingebettet sind dabei Rückblenden auf vergangene Ereignisse, die den Erzählfluss unterbrechen und Einblicke in Luis' Erinnerungen an seine nicht immer problemfreie Kindheit geben. Großes Konfliktpotential liefert vor allem die Auseinandersetzung mit seinen wechselnden Stiefvätern: im Zuge dieser hat Luis sich selbst ein strenges Training aufgelegt, um verschiedene Ängste zu besiegen. So kämpft er beispielsweise eisern gegen seine Höhenangst an, in dem er auf der Treppe des Hochhauses übt, diese auszuhalten. Immer wieder spricht Luis sich selber als 'der Trainer' an und führt innere Monologe mit sich selbst. Das zentrale Moment der Adoleszenz, das Aushandeln der eigenen Identität, wird zum konfliktbehafteten Reibungspunkt für Luis und stellt diesen Prozess in verschiedenen Facetten dar. Was zunächst nach vielen Klischees und den klassischen Themen des Adoleszenzromans klingt, wird von Güntner in roher und direkter Sprache in einer ungeschönten Offenheit präsentiert und reflektiert. In dem Roman gibt es kein schamhaftes Ausblenden einzelner Details, sondern einen intimen Einblick in die verworrene Welt eines Teenagers und explizite Schilderungen seiner Erfahrungen. Der Autorin gelingt es, mit einem leichten und flüssigen Sprachduktus, die Lebenswelt des Protagonisten plastisch auszugestalten und eine vielschichtige Milieustudie zu liefern, die keine eindimensionalen Lösungsangebote macht, sondern die Offenheit dieser Entwicklungsprozesse zeigt. Gelungen ist dabei auch die Darstellung des Lebensraumes, der nicht zur stereotypen Folie eines hoffnungslosen Wohnblocks wird, sondern auch positive Strukturen und Beziehungen zeigt. Dies betrifft sowohl den Freundeskreis der Jugendlichen als auch das Verhältnis von Mutter und Sohn, die sich trotz aller Widrigkeiten sehr nahe stehen. Der titelgebende Vorsatz Es bringen ist dabei Leitmotiv für Luis und seine Bestrebungen auf der Suche nach dem eigenen Platz im Leben und daher programmatisch als seine selbstgestellte Herausforderung zu lesen, es im Leben zu etwas zu bringen.

Fazit
Es bringen ist ein ungewöhnlicher jugendliterarischer Roman, der die Entwicklung des 16jährigen Protagonisten an der Periphere einer Hochhaussiedlung in das Zentrum stellt. Aufgrund der teilweise drastischen Sprache und expliziten Schilderungen, die sehr ehrliche Einsichten in und Reflexionen über das Leben des jugendlichen Protagonisten liefern, ist der Roman für Leser ab 16 Jahren geeignet.

 

 

 


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