von Dr. Andreas Wicke

Zwischen kriminalistischer Spannung und psychologischer Analyse erzählt Andreas Steinhöfels Roman Anders die Geschichte eines Jungen, der sich nach einem mehrmonatigen Koma auf die Suche nach sich selbst begibt.

Steinhöfel, Andreas: Anders
Königskinder, Hamburg 2014.
236 S., 16,90 €
ISBN 978-3-551-56006-3

Inhalt
Felix Winter liegt nach einem mehr als skurrilen Unfall im Koma: An seinem 11. Geburtstag wird er von einer der beiden Einsen erschlagen, die sein Vater zur Feier des Tages am Haus anbringen will, anschließend rammt ihn seine Mutter mit der Geländelimousine. "Nach dem Unfall waren Zeit und Welt für eine Weile aus den Fugen. […] Zum Sommerende, knapp sieben Wochen nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, überraschte Felix seine Mutter im Wäschekeller, wo er ihr nüchtern, aber bestimmt ankündigte, sich ab jetzt anders zu nennen, nämlich Anders" (S. 9). Er leidet unter einer retrograden Amnesie und muss nun seine Familie, seine Mitschüler, seine Umwelt, aber auch sich selbst neu kennen lernen. Die beiden Schulkameraden Nisse und Ben hingegen hoffen, dass Anders sein Gedächtnis nicht wiederfindet. Kurz vor dem Unfall haben die drei nämlich bei Eckhard Stack, dem Mathenachhilfelehrer von (damals noch) Felix, einen Brand gelegt, der nicht aufgeklärt werden konnte. Nun haben Nisse und Ben Angst, dass ihr Mitschüler sie verraten könnte. Endlich gelingt es der Lehrerin zusammen mit Anders' Vater, das Passwort des Laptops zu knacken, um an jene Dateien zu gelangen, die die Informationen zur Brandstiftung enthalten. Auch Anders wird wieder zu Felix, erinnert sich nach und nach, geht schließlich zu Stack und gesteht ihm, was im vergangenen Sommer passiert ist.

Kritik
Anders ist anders, er ist die Titelfigur und gleichzeitig die große Leerstelle in Andreas Steinhöfels Roman: ein Junge mit Geheimnis, ein Junge, der nachts Ausflüge macht, der an Menschen riecht und ihre Krankheiten sieht, der beim Fernsehen auf Schwarz-Weiß schaltet, dafür aber Farb-Auren wahrnimmt, der ein Sensorium hat für Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann, der die Handschriften anderer Menschen imitiert und damit in ihr Schicksal eingreift. "Sie müssen sich darauf einstellen, dass er in mancherlei Hinsicht anders wird" (S. 44), hatte der Psychologe den Eltern gesagt.

Das macht ihn nicht nur für seine Umgebung schwierig und geheimnisvoll, auch den Leserinnen und Lesern bleibt Anders verschlossen und rätselhaft. Steinhöfel realisiert das, indem er den Erzähler aus ständig wechselnden Perspektiven – etwa des Vaters, der Lehrerin oder des Nachhilfelehrers – berichten lässt und Handlungsstränge immer wieder abrupt abbricht. Hinzu kommen kursiv gedruckte Gedankenrede, eingeschobene Polizeiberichte und ein Zeitungsartikel. So wie sich der Leser die Wahrheit des Romans aus vielen Puzzleteilen zusammensetzen muss, werden auch die einzelnen Figuren erst ganz allmählich zu einer komplexen Handlung verwoben. Informationen, die gerade von Interesse wären, werden bewusst vorenthalten, der Roman lebt von der Distanz – vom Wissenwollen und Nichterfahren.

Der neue Name verweist jedoch nicht nur auf die Andersartigkeit der Titelfigur, sondern auch auf den Dichter Hans Christian Andersen: "Der mit dem Märchen von der kleinen Seejungfrau. Jeden Tag in der wirklichen Welt geht sie mit ihren nackten Füßen wie auf Messern. Und sie kann keinem sagen, was sie denkt oder fühlt, weil sie keine Zunge mehr hat" (S. 82). Fremdheit wird also immer auch durch fremde Stimmen im Text, durch intertextuelle Verweise auf Parallelfiguren in der Literatur konstruiert. Man könnte sich etwa fragen, was die kursiv gesetzte Zeile "April und Mai und Julius sind ferne …" (S. 34) zu bedeuten hat, doch wer das Gedicht Hölderlins kennt, das er 1811, also nach der Diagnose einer psychischen Erkrankung sowie der klinischen Zwangsbehandlung in Tübingen schreibt, wird ergänzen: "Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!" Daseinsverdrossenheit findet man allerdings noch stärker bei dem ehemaligen Nachhilfelehrer Eckhard Stack. Wenn er von der Zeit nach dem Tod seiner Frau berichtet, flieht er in die Paraphrase eines Gedichts von Erich Mühsam: "Nach all den Nächten die voll Sternen hingen / nun diese dumpfe, trübe, nasse Nacht". Nur einen Hoffnungsschimmer vermittelt dieses Gedicht in der letzten Zeile: "wenn wir einander bei den Händen fassten". Und dieses Bild wird im Roman zum Symbol unausgesprochener Nähe zwischen Stack und Anders.

Vertrautheit stellt Steinhöfel her, indem er die Geschichte an einen altbekannten Ort verlegt. In Bergwald an der Lahn, genauer gesagt in der Ulmenstraße, spielte bereits der frühe Roman Paul Vier und die Schröders (1992). In das spießige Einerlei dieses Wohnviertels, in dem Normalität ein exakt definiertes Lebensziel ist, brach damals Familie Schröder ein, eine Mutter mit vier Kindern, die nicht nur ein bisschen anders waren. "Der Paul ist längst erwachsen inzwischen", sagt die Nachbarin jetzt zu Anders, er wohne mittlerweile in Berlin, und auf seine Nachfrage, ob er nett war, sagt sie: "Der war anders" (S. 71). Das Nachdenken über Andersartigkeit und Norm ist in Anders somit ein zentrales Thema geblieben. Das Leben der Eltern Winter ist von Spießigkeit und bürgerlicher Geltungssucht geprägt, vor allem Melanie, die Mutter von Anders, erfreut sich dadurch flächendeckender Unbeliebtheit: "Berechenbar und geradlinig. Verbissen. Langweilig" (S. 44), so wird sie eingangs vorgestellt. Ihre Küche ist eine "ästhetische Bankrotterklärung", die sie selbst jedoch zum "Lifestyle" (S. 166) hypt. "Auf einer Nerv-Skala von eins bis zehn erzielte sie locker acht oder neun" (S. 167).

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist ein zentrales Motiv des Romans. Während der Vater versucht, seinen Sohn nach dessen Unfall neu kennen zu lernen, gelingt es der Mutter nicht, ihre Rundum-Überwachung abzulegen und ihren Sohn so zu akzeptieren, wie er ist. Der Pädagoge und Kinderbuchautor Janusz Korczak postuliert bereits 1919 in Wie man ein Kind lieben soll: 1) Das Recht des Kindes auf seinen Tod, 2) das Recht des Kindes auf den heutigen Tag und 3) das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist. Alle drei Grundrechte werden von Melanie Winter ignoriert, sie möchte den Sohn nach ihren Wünschen, nach ihrem Ebenbild gestalten, bevorzugt die komplette Kontrolle und repräsentiert damit jene Helikopter-Eltern, über die sich Steinhöfel auch in Interviews zu Anders echauffiert. "Schatz, du hattest ihn elf Jahre lang bewacht wie die Kronjuwelen, und trotzdem gab es den Unfall", sagt Andersʼ Vater in einer Unterhaltung über dessen nächtliche Ausflüge, und er schlussfolgert, dass sie "ihn gehen lassen müssen, wenn er gehen will" (S. 78).

Anders bleibt aber nicht nur den Figuren des Romans sowie den Rezipienten verschlossen, auch er selbst kommt nicht an sich heran. Einerseits weil er sich nicht an sein früheres Ich erinnern kann, andererseits weil wichtige Teile seiner Vergangenheit passwortgeschützt auf seinem Computer verborgen sind und erst gegen Ende geknackt werden. Bevor jedoch der Showdown der äußeren Handlung einsetzt, kommt es zum entscheidenden inneren Wandel: Mit viel C. G. Jung'scher Psychologie, mit negativen Mutterarchetypen, einer Nixensage und Anders' Ausflug zum Erler Loch gelingt es Steinhöfel im Kapitel Fünf Faden tief, dem vielleicht am genialsten komponierten, sicher aber rätselhaftesten und dichtesten des Romans, Anders sowohl aus dem Wasser als auch aus seiner Amnesie wieder auftauchen zu lassen: "Nach oben, denkt Anders, nach oben, ich, ich heiße, ich heiße Felix, Felix Winter, ich bin Felix Winter" (S. 193).

Fazit
Der Roman macht es seinen Leserinnen und Lesern nicht leicht: Die Handlung ist gebrochen und komplex, die Figuren entziehen sich der Identifikation. Aber wer sich auf die faszinierende Anderswelt einlässt, möchte am Schluss sofort wieder von vorn anfangen. In seiner Poetizität und Symbolhaftigkeit, seiner raffinierten erzählerischen Faktur, seinen Themen und Motiven, seiner Parteinahme für das Recht des Kindes ist Anders ein typischer Steinhöfel und dennoch ist Steinhöfel hier völlig anders, als man ihn etwa von seinen Rico, Oskar…-Romanen kennt.


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