von Alexandra Fietz und Sabine Planka

"Zwei Jungen schildern die Welt auf ihre eigene Weise. Der eine laufend. Der andere erzählend. […] Es waren einmal zwei Jungen. Spürsinn und Ahnung. Der Läufer und der Geschichtenerzähler." (S. 147) Zwei Brüder, wie sie nicht unterschiedlicher sein können: Dimitri, genannt Mitja, der rastlose Abenteurer, und Wladimir, der in sich gekehrte Denker, der Filmfan, der große Bruder. Zwei Jungen, die ein Geheimnis verbindet, das sie auflösen müssen: Mitja, um seine Erinnerung wiederzugewinnen, und Wladimir, weil er sich sonst selbst verlieren könnte.

Vuorela, Seita: Wir fallen nicht
Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann
Ravensburger Buchverlag, Ravensburg, 2014.
351 S., 16,99€
ISBN 978-3-473-40117-8

Inhalt
Der 14-jährige Mitja und sein 15-jähriger Bruder Wladimir verbringen den Sommerurlaub mit der Mutter im Wohnmobil auf einem Campingplatz, den Mitja 'Land's End' nennt. Was ursprünglich nur für eine Nacht sein sollte, entwickelt sich zu einem mehrwöchigen Aufenthalt, bei dem jeder der Brüder seine eigenen Wege geht. Mitja versucht, den vermeintlichen Tod eines Freundes zu verarbeiten, den er selbst nur nebelhaft in Erinnerung hat, indem er sich am Strand mit einer Gruppe von scheinbar elternlosen Jungen anfreundet, die sich selbst Wracks nennen. Sie geben sich abenteuerliche Namen, die Schiffen, der Seefahrt und der Mythologie entlehnt sind, und haben am Strand ein Dorf errichtet, in dem sie leben. Zudem fühlt sich Mitja hingezogen zu dem namenlosen Mädchen, vor dem ihn seine neuen Freunde warnen: sie wollen ihn von ihr fernhalten und erzählen ihm, dass einmal ein Junge in ihr Versteck, das heruntergekommene 'Hotel Horizont', gegangen und danach verschwunden sei.

Während sich Mitja, getrieben von seiner Abenteuerlust, immer stärker von seiner Familie entfernt und sich mehr und mehr den Jungen zuwendet, um mit ihnen Abenteuer zu erleben, verlässt sein Bruder Wladimir zu Beginn des Aufenthalts das Wohnmobil kaum, startet allerdings später seine eigenen Streifzüge durch die Umgebung. Er beginnt Mitja zu folgen und trifft ebenfalls auf das namenlose Mädchen in deren Versteckt, in das er später eindringt.
In diesem Hotel kommt es schließlich auch zum Höhepunkt der Handlung. Mitja erfährt, das die Wracks verbunden werden durch ihr gemeinsames Schicksal: Alle Jungen sind bei Unfällen gestorben und warten nun darauf, die Welt der Lebenden zu verlassen, während das Mädchen sie auf ihre Reise vorbereiten und sie mit dem Nötigsten ausstatten will. Wladimir hingegen entpuppt sich als der eigentlich Betroffene: Aus den sich nun zusammenfügenden Einzelteilen seiner Erinnerung wird deutlich, dass er seinen Bruder und dessen Freund bei einem nächtlichen Streifzug zum Silo verfolgt und beobachtet hat. Dabei hat er seinen Bruder versehentlich erschreckt, so dass Mitja vom Dach gefallen und verstorben ist. Somit schließt sich der Kreis und die Aufnahme Mitjas in den Kreis der 'Strandjungen' wird erklärbar.

Kritik
Der Roman Wir fallen nicht ist abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt, die kapitelweise variieren und in anderen Schrifttypen wiedergegeben werden, was dem Leser die Orientierung in der Handlung und die Unterscheidung von gegenwärtigen Schilderungen und Rückblenden erleichtert. Zunächst folgt der Leser der Sichtweise Mitjas, der als homodiegetischer Erzähler in Rückblenden vom Tod des Freundes, vom Campingplatz und schließlich von seinen Streifzügen am Strand, der Begegnung mit den Wracks und dem Mädchen berichtet. Seine Gedanken äußern sich sehr umgangssprachlich, was es dem jugendlichen Leser jedoch erleichtert, sich mit ihm zu identifizieren. Zudem wendet sich Mitja immer wieder direkt an den Leser und bezieht ihn so in seine Gedanken und Eindrücke unmittelbar ein. Diese Schilderungen, gepaart mit vielen Abschweifungen und den Hinweisen, dass er sich nicht genau an die vergangenen Geschehnisse erinnern kann, zeigen einerseits zwar Mitjas sprunghafte Erinnerungen und verdeutlichen, dass hinter Mitja mehr stecken muss, als er selbst aktiv präsentieren kann, lassen aber auch mitunter beim Lesen den Eindruck von Langatmigkeit entstehen.

Eine zweite Perspektive ist die von Wladimir, die sich als heterodiegetisch mit interner Fokalisierung identifizieren lässt. Das Geschehen wird zwar in Rückblenden, gleichzeitig aber im Präsens erzählt, was die Ereignisse, von denen berichtet wird, näher an den Leser heranrücken lässt und die Dramatik zuspitzt. Berichtet wird von den Geschehnissen vor den Sommerferien, die chronologisch erfolgen. Im Gegensatz zu Mitjas Schilderungen sind diese vergangenen Erlebnisse Wladimirs mit der Überschrift Silo versehen und fortlaufend nummeriert. Verschränkt mit den Berichten von Mitjas Erlebnissen am Strand und den Schilderungen des Mädchen, werden die Informationen über das Geschehen vor den Sommerferien, bei denen Mitja gestorben ist, nur schrittweise preisgegeben, so dass sich der Leser diesen Geschehnisse schrittweise nähert ebenso wie es Wladimir tut, der langsam wieder Gedanken an die Vergangenheit zulässt und lernt, seinen Bruder loszulassen ohne ihn zu vergessen.

Die dritte Perspektive ist die des Mädchens. Diese Kapitel sind schlicht mit Das Mädchen betitelt, was zusätzlich deutlich macht, aus wessen Sichtweise der Leser die Handlung verfolgt. Ihre Schilderungen sind im Gegensatz zu denen Mitjas und Wladimirs geheimnisvoll und deuten an, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hat, die die Wracks betrifft. Gerade ihre Schilderungen bilden den Gegenpol zu Mitjas Berichten, die anfänglich sehr gegenwarts- und realitätsbezogen anmuten, später jedoch den geheimnisvollen Ton des Mädchens aufnehmen und zu einer Vermischung von Realität und Phantasie bzw. mythischen Schilderungen führen.

Seite Vuorela greift in ihrem Roman auf Mythenelemente zurück, wie beispielsweise auf den Fährmann – in der griechischen Mythologie ist es Charon –, der in vielen Mythen und Kulturen den Übergang von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten ermöglicht und mit Geld bezahlt werden muss. Gleichzeitig reichert Vuorela ihren Roman sowohl mit Verweisen auf kinematografische und literarische Werke an – so verweist sie z.B. auf Batman Begins (vgl. S. 16) oder Requiem for a Dream (vgl. S. 203), aber auch auf Shakespeares Hamlet (vgl. S. 12) – als auch mit Elementen unterschiedlicher anderer literarischer Genres. So greift sie Aspekte der Robinsonade mit ihren Strandjungen auf, die sich aus Treibgut eine neue Heimat fernab der Erwachsenen gebaut haben und am Strand abgeschieden und unabhängig von der Zivilisation leben. Hier vermischen sich auch Realität und mythische Welt: Die Welt der Kinder scheint eine Zwischenwelt zu sein, die Jungen sind weder ganz im Diesseits, noch ganz im Jenseits verankert. Nicht mehr der diesseitigen Welt zugehörig, scheinen sie sich aber noch nicht von der Welt lösen zu können, wie am kleinen Joshua deutlich wird, der zusammen mit Mitja seinem Vater, der noch immer auf dem Campingplatz lebt, einen Besuch abstattet. Dass er dabei nicht entdeckt wird, wird erklärbar durch den Tod des Jungen, der nunmehr als Geist durch die Welt der noch Lebenden zu streifen scheint.

Daneben steht der Tod im Zentrum von Vuorelas Erzählung. Mitja, zunächst scheinbar aus der Bahn geworfen vom vermeintlichen Tod des Freundes, kapselt sich ab von der Familie und lässt seinem Abenteuerdrang freien Lauf, scheint den Tod damit komplett zu verdrängen. Wladimir hingegen verkriecht sich in sich selbst und folgt später seinem Bruder, was dazu führt, dass er die Erinnerungen an dessen Tod zulassen und wieder zu sich selbst finden und mit dem Tod des Bruders, dessen Erlebnisse er schlussendlich imaginiert zu haben scheint, umgehen kann. Das geheimnisvolle und namenlos bleibende Mädchen bereitet die Jungen für die Reise in die andere Welt vor, indem sie ihnen Kleider näht und Münzen mit auf den Weg geben will. Und die Jungen selbst als Verstorbene nehmen Mitja in ihre Mitte auf und ermöglichen auch ihm ein Loslassen von der Welt der Lebenden.

Fazit
Mit Wir fallen nicht legt Seita Vuorela einen einfühlsamen und poetischen, gleichzeitig aber auch komplexen Roman vor, der oszilliert zwischen der realen und einer geheimnisvollen Welt, zwischen denen der Leser zusammen mit den Protagonisten hin- und her springt, und bei dem die Grenzen zwischen Realität und Imagination zusehends verschwimmen. Nicht immer lässt sich die Beziehung zwischen den Welten klar in Worte fassen, so dass eine Verbindung und gleichzeitig Trennung der Welten auf emotionaler Ebene erfolgt. Der Tod erweist sich hier als faktische Verbindung, da alle Akteure irgendwie mit ihm verbunden sind und den Umgang mit ihm erlernen müssen. In den vielen Andeutungen Mitjas, des Mädchens und auch Wladimirs, die bis zum Ende des Romans mitunter wenig Sinn machen wollen, fühlt der Leser sich bisweilen verloren, bis sich auf den letzten Seiten des Romans die einzelnen Handlungsstränge verknüpfen und zu einem großen Ganzen verschmelzen.

Der Verlagsangabe, dass Wir fallen nicht geeignet ist für Leser ab 12 Jahren, kann aufgrund der Komplexität des Romans nicht ganz zugestimmt werden. Eher scheint eine Empfehlung ab 14 Jahren sinnvoll zu sein. Die Themen, die aufgegriffen werden –  Freundschaft, das Heranwachsen und die Liebe zwischen Geschwistern –, lassen den Roman eventuell auch für ältere Leser interessant werden.

 

 

 

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