von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Eine Liebesgeschichte hinter der Mauer: Grit Poppe erzählt in ihrem neuen Roman Schuld von Jana und Jakob, deren Beziehung mit ihrer unterschiedlichen Herkunft zu kämpfen hat: Jana ist die Tochter eines SED-Funktionärs, Jakob demonstriert gegen das DDR-Regime – eine Liebe ohne Zukunft?

Grit Poppe: Schuld
Dressler: Hamburg 2014
365 Seiten. 9,99 €
ISBN 978-3-7915-1634-9

Inhalt
Ostberlin 1988: Die fünfzehnjährige Jana ist mit ihren systemtreuen Eltern hierher gezogen, doch die Eingewöhnung in der neuen Umgebung fällt ihr schwer. Sie vermisst ihre Freundinnen und ihr altes zu Hause. Doch dann lernt sie ihren Klassenkameraden Jakob kennen und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Dabei scheinen die beiden Jugendlichen vordergründig gar nicht zusammen zu passen. Jana wohnt mit ihren Eltern, die Mitglieder der SED sind, in einem schicken Haus, weshalb sie von Jakob als "Bonzentochter" bezeichnet wird. Denn Jakob selbst steht am Rande der DDR-Gesellschaft: Seine Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt und leben nun mit Repressalien des DDR-Regimes. Auch Jakob rebelliert gegen das System, verteilt Flugblätter und ruft zu Widerstand und Revolution auf. Aus diesem Grund muss er die Schule verlassen. Janas Eltern sind schockiert über den neuen Umgang ihrer Tochter, vor allem der Vater. Er verbietet Jana den Kontakt zu ihrem Freund. Doch daran hält sich die Protagonistin nicht. Sie trifft Jakob weiterhin heimlich und lernt durch ihn die Bürgerbewegung "Neues Forum" kennen, von der die legendären Montagsdemonstrationen ausgehen.

Als Jakob verhaftet wird, bricht für Jana eine Welt zusammen. Halt gibt ihr nun nur noch die Freundschaft mit Henriette, die sie ebenfalls über Jakob kennengelernt hat. Und Jakob? Der ist nun bis zum Mauerfall den grausamen Haftbedingungen des DDR-Jugendstrafvollzugs ausgesetzt, die Grit Poppe hier ebenso schonungslos und eindrucksvoll schildert wie schon in ihren Romanen Weggesperrt und Abgehauen. Für den inhaftierten Jugendlichen bricht eine Welt zusammen, als seine Freundin vermeintlich per Brief mit ihm Schluss macht. Der Leser ahnt schon an dieser Stelle, dass in Wahrheit Janas Vater der Verfasser des Briefes ist.  Jakob unternimmt einen Selbstmordversuch. Dieser scheitert und der Junge verfällt in Lethargie und Depression, kann aber auch positive Kontakte zu anderen aus politischen Gründen Inhaftierten knüpfen. Jakob ist fassungslos, als er schließlich im November 1989 von der Öffnung der Grenze erfährt, während Jana diese hautnah miterlebt und sich aktiv an den Montagsdemonstrationen beteiligt.

Erst im Jahr 1992 sehen Jana und Jakob sich wieder. Ihr Wiedersehen ist überschattet von einer bitteren Erkenntnis: Es war Janas Vater, der Jakob hat inhaftieren lassen und seine eigene Tochter bespitzelte.

Kritik
Eindrucksvoll, schonungslos, gut recherchiert – dies sind Schlagworte, die den Roman treffend beschreiben. Die Handlung ist spannend, aufgrund der komplexen Erzählstruktur aber auch als anspruchsvoll zu bezeichnen. Die Geschichte wird sowohl aus der Perspektive Janas als auch aus der Jakobs erzählt, die einander abwechseln. Eingeschoben sind zudem Zeitsprünge in das Jahr 1992, in denen Jana aus der Ich-Perspektive erzählt, sowie Tagebucheinträge des Mädchens aus den Jahren 1988 und 1989. Dadurch gelingt Poppe ein differenzierter Blick ins Innere ihrer Hauptfiguren: Jana, die hin und her gerissen ist zwischen Jakob und ihren Eltern, ihrem Schwanken zwischen Widerstand und Angepasstheit. Jakob, der massiv unter den grausamen Haftbedingungen leidet. Ihre Gefühle zueinander werden von beiden Seiten beleuchtet. So ist dem Leser gleich klar, dass es nicht Jana war, die den Brief geschrieben hat, der die Beziehung zu Jakob angeblich beendet. Doch Jakob nimmt in seiner verzweifelten, isolierten Situation alles für bare Münze:

"Jana hatte ihn verlassen. Kein Kuss mehr. Kein liebevolles Lächeln. Keine zärtliche Berührung. Keine Umarmung. Aus. Vorbei. Ende. Es kam ihm vor, als würde er durch einen dunklen, leeren Tunnel laufen. Ohne eine Ziel. Ohne einen Ausgang." (S.301)

Es sind auch diese parataktischen, kurzen Sätze, die die Figuren authentisch und somit die ganze Handlung glaubwürdig wirken lassen. Grit Poppe ist durch diesen Erzählstil ganz nah dran an ihren beiden Protagonisten und versteht es meisterhaft, deren innere Konflikte pointiert abzubilden, z.B. in den Tagebucheinträgen von Jana:

"Ich habe Eltern, die mich lieben und sich um mich sorgen. Deshalb sind sie auch gegen die Verbindung mit Jakob, das ist mir schon klar. Sie wollen nicht, dass ihre Tochter in Schwierigkeiten gerät. Ich kann das verstehen. Aber sie haben trotzdem nicht das Recht, sich einzumischen und alles kaputt zu machen, oder? Gib mir ein Zeichen, liebes Tagebuch, denn ich weiß nicht, mit wem ich sonst reden soll. Wieso muss alles so kompliziert sein? Warum kann ich nicht einfach einen 'ganz normalen' Freund haben und herumknutschen?
Bin ich verliebt in ihn?
Das Gefühl ist mal da und mal nicht. Ist das normal? Oder weiß ich nicht, was ich will?" (S. 132)

Durch die variantenreiche Erzählstruktur, die mit einem Blick ins Innere der Figuren korrespondiert, überwindet Grit Poppe die für die Wende-KJL oft so typische Stereotypisierung und schafft es in weiten Teilen, die sonst häufig vorzufindende Schwarz-Weiß-Malerei in Büchern über die DDR zu umgehen. Dieser Befund gilt jedoch nur mit Einschränkung, denn mit Janas Vater existiert auch in Schuld eine Negativfigur, "bei der schuldhaftes Verhalten konzentriert, um nicht zu sagen, bei denen es entsorgt wird", wie Gansel es für viele Titel der KJL zum Mauerfall herausgestellt hat (vgl. Carsten Gansel: Atlantiseffekte in der Literatur?  Zur Inszenierung von Erinnerung an die verschwundene DDR. In: Grenzenlos. Mauerfall und Wende in (Kinder-  und Jugend) Literatur und Medien. Hrsg. von Ute Dettmar und Mareile Oetken. Heidelberg: Winter, 2010, S. 39.)

Immer sind es die Väter, die negativ gezeichnet werden (vgl. Kirsten Kumschlies: Mauerfall und Wende. In:  Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon.Hrsg. von Kurt Franz, Günter Lange und Franz-Josef Payrhuber 53. Erg.-Lfg. Oktober 2014, S.26), diesem Klischee bleibt auch die Figurenkonzeption in Schuld verhaftet. Janas Mutter hingegen zeigt sich als gespaltene Persönlichkeit, die das DDR-Regime Jahre lang an der Seite ihres Mannes befürwortet hat, zu Wendezeiten aber unsicher wird und in der Nacht des Mauerfalls schließlich auch dabei sein will, um alles hautnah mitzuerleben.

Trotz dieser vorsichtigen kritischen Einwände lässt sich Schuld als ein Roman bezeichnen, der einen neuen Qualitätsschub in der Mauerfall-KJL anzeigt, wie bereits weitere im Jubiläumsjahr 2014 erschienene Texte, beispielsweise Tonspur von Olaf Hintze und Susanne Krones und Jenseits der blauen Grenze von Dorit Linke. Mit dem größeren zeitlichen Abstand zu den historischen Ereignissen steigert sich offenbar die literarische Qualität der Bücher, wofür sowohl Schuld als auch die beiden anderen genannten Titel repräsentative Beispiele sind.

Fazit
Ein lesenswerter, spannender Roman für jugendliche Leser ab 16 Jahren, die schon über historisches Wissen zur DDR verfügen und die Zeitsprünge und Wechsel in der Erzählperspektive nachvollziehen können.  Das Buch ist auch für den Einsatz in der Schule zu empfehlen, da die Geschichte von Jana und Jakob authentisch wirkt und wichtige Einblicke in die Zeit des Mauerfalls liefert. Dies geschieht in literarisch innovativer Weise. Aufgrund dessen eignet sich der Roman sowohl zur Beförderung des historischen als auch des literarischen Lernens.

Literatur
Carsten Gansel: Atlantiseffekte in der Literatur?  Zur Inszenierung von Erinnerung an die verschwundene DDR. In: Grenzenlos. Mauerfall und Wende in (Kinder-  und Jugend) Literatur und Medien. Hrsg. von Ute Dettmar und Mareile Oetken. Heidelberg: Winter, 2010.

Kirsten Kumschlies: Mauerfall und Wende. In:  Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Hrsg. von Kurt Franz/Günter Lange und Franz-Josef Payrhuber 53. Erg.-Lfg. Oktober 2014.

 

 

 


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