von Dr. Anna Stemmann

Ligas Welt von Margo Langan greift lose den Grimm'schen Märchenstoff von Schneeweißchen und Rosenrot auf, ergänzt eine umfangreiche Vor- und Nachgeschichte der Protagonistin und spinnt daraus einen 500 Seiten starken Roman im Fantasygewand, der jedoch einige Längen und Schwächen zeigt.

Margo Lanagan: Ligas Welt
A.d. Englischen von Mayela Gerhardt
Rowohlt Rotfuchs: Reinbek, 2015
16,99€, 528 S.
ISBN: 978-3499211669

Inhalt
Verortet ist die Handlung in einer vormodernen und archaischen Gesellschaft, in dessen Zentrum die dörflichen Macht- und Familienstrukturen stehen. Erzählt wird in diesem sozialen Rahmen die Geschichte des jungen Mädchens Liga, die allein mit ihrem Vater in einem maroden Haus am Rande des Waldes lebt. Nach dem frühen Tod der Mutter versinkt der Vater in Gram und zeigt sich seiner Tochter gegenüber von seiner gewalttätigen Seite, unterdrückt Liga tagsüber und missbraucht sie nachts regelmäßig. Die daraus resultierenden Schwangerschaften unterbricht er mit der Hilfe geheimnisvoller Tränke einer Kräuterhexe. Liga kann sich erst aus ihrer hoffnungslosen Lage befreien, als der Vater nicht von einem seiner Ausflüge zurückkehrt und sie ihn tot – von einer Kutsche überfahren – auf der Straße findet. Sie beerdigt den Vater und bringt ihr erstes Kind Branza allein zur Welt, mit dem sie eine Weile in der Hütte lebt. Ohne den Schutz des Vaters wird sie jedoch nun Zielscheibe der Dorfjugend und von einer Horde Männer überfallen, die sie ebenfalls brutal vergewaltigen. Mit ihrer Tochter und dem noch ungeborenen zweiten Kind flüchtet sie in den Wald und gelangt auf magische Weise in eine Parallelwelt. Diese gleicht in ihrer Topographie und den Bewohnern zunächst ihrer Heimat, sie wird dort aber freundlich behandelt und lebt in Frieden und Einklang mit sich und ihren Töchtern in einer einsamen Hütte im Wald. Ihre beiden Töchter Branza und Urdda könnten in ihrem Wesen und ihrem Aussehen kaum unterschiedlicher sein und lassen sich als deutliche Reminiszenz an Schneeweißchen und Rosenrot lesen.

Gemeinsam leben die drei im Wald, wo die Töchter unbehelligt und fernab jeder Repression in einer überhüteten Schutzblase aufwachsen. Besuch erhalten sie regelmäßig von zutraulichen Bären, die sie in ihrer Hütte aufnehmen. Diese Idylle zerfällt jedoch, als Urdda danach strebt, die Welt außerhalb dieses Gefüges kennenzulernen und in die (innerdiegetisch) reale Welt zurückkehrt. Auch Liga wird schließlich gezwungen, ihre Wunschtraumwelt mit Branza zu verlassen und sich der Realität zu stellen – in dieser lebt sie sich überraschend schnell ein.

Kritik
Die Idee, das Märchen Schneeweißchen und Rosenrot in einen umfangreichen Fantasy-Plot einzubetten, mit einer Vor- und Nachgeschichte zu untermauern und die Hintergründe der Figuren zu beleuchten, scheint zunächst einen spannenden Zugriff zu versprechen. Der Roman scheitert jedoch in seiner tatsächlichen Umsetzung auf verschiedenen Ebenen: Sowohl sprachlich und stilistisch, als auch in der narrativen Konstruktion zeigen sich Unstimmigkeiten. Erzählt wird nicht nur die Geschichte Ligas, sondern auch andere Figuren rücken in den Fokus. Dieser multiperspektivische Blick auf das Geschehen könnte einen facettenreichen Einblick in die Figurenpsychologie geben, bleibt aber in der Ausgestaltung sehr oberflächlich und klischeehaft. Dies ist auch der jeweiligen Erzählperspektive geschuldet, die darüber gleichzeitig ein fragwürdiges Geschlechterbild etabliert: die Sichtweisen der weiblichen Figuren werden von einer heterodiegetischen Erzählinstanz mit einer internen Fokalisierung geschildert, während die männlichen Figuren als homodiegetische Ich-Erzähler auftreten. Die Frauen werden so nicht nur auf der Ebene der histoire zum Objekt von Gewalterfahrungen und Unterdrückungen durch die Männer der erzählten Welt, sondern erfahren auch über diese Anlage des discours eine Ohnmacht, die ständig mitschwingt. Dies ist insbesondere problematisch, da Missbrauch und Vergewaltigungen Gewaltakte sind, die eng mit spezifischen Geschlechterbildern verknüpft sind und die deutlich männlich vorcodierte Gewalt hier nicht ausreichend kritisch reflektiert wird.

Begleitet ist diese Anlage von einem blumigen – und oft unbeholfenem – Sprachstil, der absurde Sprachbilder aneinanderreiht: "Jetzt war es an ihrer Pforte angelangt – wie eine überreife Beere würde sie zerplatzen und alles aus ihr herausschießen: das Baby, ihre Eingeweide und der ganze Rest." (S. 26). Zudem werden floskelhaft rhetorische Fragen angehäuft.

Die tatsächlichen Bezüge zu Schneeweißchen und Rosenrot bleiben so oft an der Oberfläche, betten zwar immer wieder kleine Hinweise ein – etwa wenn Urdda und Branza zweimal im Wald einen Zwerg aus misslichen Situationen retten und seinen Bart beschneiden oder sie einen verzauberten Mann in Bärengestalt aufnehmen –, diese Verweise tragen jedoch keine erzähllogische Funktion und verbleiben als bloße intertextuelle Spielerei. So mäandert die Geschichte lange Zeit zwischen Verweisen hin und her, ohne einen wirklichen Erzählfaden zu etablieren, dem man gespannt folgen könnte. Die Doppelbödigkeit und krisenhafte Erfahrung des Heranwachsens und der Adoleszenz, die den Erzählkern der Märchenvorlage ausmacht, wird auch hier aufgenommen.

Wirklich fragwürdig ist der Roman jedoch im Hinblick auf die permanente sexualisierte, männlich konnotierte Gewaltdarstellung, die zu wenig kritisch reflektiert wird und am Schluss auch noch die erlittenen Verbrechen Ligas mit Gegengewalt im gleichen Umfang sühnt – ohne diese Problematik in irgendeiner Form zu diskutieren.

Fazit
Ligas Welt zeigt sich als langatmige und bemühte Märchenadaption, die dem Ursprungsstoff wenig neue Perspektiven abgewinnen kann und sich an Leser ab 15 Jahren richtet. Vor allem die stark sexualisierte Gewaltdarstellung und das darüber vermittelte Geschlechterbild lassen von dem Roman abraten.

Erstveröffentlichung: 09.03.2015


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