von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Leben in einer durch eine unpassierbare Mauer geteilten Stadt: Doch was passiert hinter der Mauer? Joshua entdeckt einen Tunnel, gelangt auf die andere Seite – welches ist die richtige Seite? Der Brite William Sutcliffe hat einen berührenden Roman über den Nahostkonflikt geschrieben, der für den "Deutschen Jugendliteraturpreis 2015" (Kategorie: Preis der Jugendjury)  und den "Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2015" nominiert wurde.

William Sutcliffe: Auf der richtigen Seite
A.d. Englischen von Christiane Steen
Rowohlt: Hamburg 2014
346 Seiten, 16,99 €

ISBN 978-3-499-21231-4

Inhalt

Alles beginnt mit einem harmlosen Ballspiel, das der 13jährige israelische Junge Joshua mit seinem Freund David spielt. Die Handlung ist im fiktiven Ort Amarias angesiedelt, der durch eine Mauer geteilt ist, die streng von Soldaten bewacht wird, vorgeblich, um die israelische Bevölkerung vor den feindlichen Palästinensern zu schützen. Beim Spiel entdeckt der Junge einen Tunnel, der ihn auf die andere Seite hinter der Mauer bringt. Neugierig kriecht Joshua hindurch und lernt Leila kennen, zu der er sich spontan hingezogen fühlt. Sie hilft ihm, zurück nach Hause zu kommen, als er von palästinensischen Jugendlichen verfolgt wird – aber zu Hause: Was ist das? Nach und nach erschließt sich dem Leser, aus welch schwierigen Familienverhältnissen der Protagonist stammt: Seit sein Vater bei einem Grenzgefecht erschossen wurde, lebt seine Mutter mit dem israelischen Siedler Liev zusammen. Wie belastet das Verhältnis des Jungen zu seinem radikal-orthodoxen Stiefvater ist, erfährt der Leser in Rückblenden. Die Mutter steht ihrem Sohn nicht bei, solidarisiert sich in Konfliktsituationen mit dem neuen Ehemann, ist überwiegend schwach und depressiv und spricht nur von ihrem "schlimmen Rücken". Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wie sehr sich der Junge nach liebevollen Bezugspersonen sehnt, die er nun in Leila und ihrer palästinensischen Familie findet. Joshua passiert die Mauer ein zweites Mal, um sich bei Leila für ihre Hilfe zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit lernt er ihren Vater kennen und verspricht diesem, sich um seinen Olivenhain und die Zitronenbäume zu kümmern, die auf der israelischen Seite liegen und die dieser nur einmal im Monat besuchen darf. Joshua widmet sich der neuen Aufgabe mit Hingabe und entzieht sich auf diese Weise immer mehr der Mutter und dem Stiefvater. Die Situation eskaliert, als Liev dem Jungen auf die Schliche kommt, Leilas Vater am Olivenhain mit einer Waffe bedroht und die Zitronenbäume zerschießt. Joshua verlässt seine Familie und flüchtet in einer waghalsigen Aktion erneut über die Mauer. Der Zugang durch den Tunnel ist ihm nun verwehrt, da er auf Drängen und Druck von Mutter und Stiefvater über dessen Existenz gesprochen hat. Er will Leilas Vater Aspirintabletten bringen, die der kranke Mann dringend benötigt. Dass er nicht bei den Palästinensern leben kann, weil es für diese viel zu gefährlich wird, begreift er erst, als er bei diesen ankommt. Auf dem Rückweg gerät er ins Visier der israelischen Grenzsoldaten, wird angeschossen und muss von nun an im Rollstuhl sitzen. Das drastische Ereignis aber erweckt endlich Joshuas Mutter aus ihrer Lethargie: Sie verlässt Liev und geht gemeinsam mit Joshua an einen anderen Ort, der nicht mitten im Kriegsgebiet liegt.

Kritik

Spannend, mitreißend, zu Tränen rührend… Der britische Autor William Sutcliffe, der selbst Jude ist, hat einen beeindruckenden Roman über den Nahostkonflikt und das Leben im Westjordanland geschrieben, den man kaum aus der Hand legen kann. Das gilt sicher sowohl für jugendliche als auch für erwachsene Leser. Besonders ist der Text durch die poetische Sprache, mit der Sutcliffe seinen Ich-Erzähler sprechen lässt, dessen Namen man erst spät erfährt. Durch die homodiegetische Erzählweise ist der Rezipient ganz nah am jugendlichen Protagonisten, fühlt sich förmlich in die Geschichte hineingesogen und nimmt das Geschehen mit dessen Augen wahr:

Ich wohne in Amarias, seit ich neun bin, und in diesen vier Jahren bin ich niemals auf der anderen Seite gewesen. Die Mauer ist höher als das höchste Haus in der Stadt. Wenn ich über sie hinwegsehen wollte, müsste ich auf den Schultern eines Mannes stehen, der auf einem anderen Mann steht, der wieder auf einem Mann steht. Je nach Größe ist vielleicht noch ein weiterer Mann nötig. Diese Gelegenheit hat sich für mich noch nicht ergeben.
Die Mauer wurde errichtet, um die Leute auf der anderen Seite davon abzuhalten, Bomben zu zünden, und jeder sagt, dass sie ihren Zweck hervorragend erfüllt. (S.23)

Man fiebert mit dem Protagonisten, versteht ihn, kann sein Innenleben gut nachvollziehen, was dazu führt, dass man die in Lethargie verfallene Mutter an mancher Stelle am liebsten schütteln möchte, weil sie ihrem Sohn nicht beisteht. Doch gerade an diesen Kontext lässt sich auch vorsichtige Kritik an der Darstellung anbringen: Vielleicht sind die Figuren ein wenig zu schwarz-weiß konzipiert, insbesondere der Stiefvater Liev erscheint als reine Negativfigur, was evtl. dazu führt, dass bei jugendlichen Lesern ein Zerrbild orthodoxer Israelis evoziert wird. Stimmig ist diese Figurenkonzeption jedoch im Sinne der Erzählperspektive. Es ist Joshua, der hier erzählt und somit wird auch das Bild unterbreitet, das der Teenager von seinem Stiefvater hat. In der Konsequenz führt das dazu, dass man das Ende als erlösenden Befreiungsschlag empfindet, weil die Mutter endlich aktiv wird und ihren Mann verlässt, obwohl es kein Happyend gibt. Joshua ist verwundet und muss für immer im Rollstuhl sitzen, der Krieg im Westjordanland tobt erbarmungslos weiter. Leila und ihrer Familie konnte der Junge nicht helfen. Und doch eröffnet der Schluss einen positiven Ausblick:

Der Wind bläst immer noch in meinen Rücken, als ich nach Hause fahre, und einen Moment lang möchte ich mich beinahe umdrehen, um nachzusehen, ob es wirklich nur der Wind ist, der mich schiebt, aber ich weiß, dass es nichts zu sehen gibt, also tue ich es nicht und hoffe, dass ich damit das Gefühl noch ein wenig länger bewahren kann, das Gefühl, dass jemand hinter mir ist, eine väterliche Präsenz, die mir auf meinem Weg hilft. (S. 346f.)

An diesem Ende wird auch die Symbolkraft transparent, die den gesamten Text durchzieht. Ihretwegen und aufgrund der vielen Analepsen, die vor allem von Joshuas Problemen mit dem Stiefvater handeln, ist der Jugendroman als anspruchsvoll zu bezeichnen, da er durchaus Anforderungen an die literarische Rezeptionskompetenz jugendlicher Leser stellt. Für die Lektüre günstig ist zudem, wenn die Rezipienten ein wenig Hintergrundwissen zum Nahostkonflikt mitbringen, denn hier geht es vor allem um das Innenleben der zentralen literarischen Figur, während kaum Fakten erklärt werden. Das ist insofern positiv hervorzuheben, als der Text dadurch an keiner Stelle belehrend wirkt, wie man es vielfach von geschichtserzählender und zeitgeschichtlicher Kinder- und Jugendliteratur kennt. Empfohlen sei das Buch vor diesem Hintergrund Lesern ab 14 Jahren.

Fazit

Ein tief berührender, spannender Roman, der für den Nahostkonflikt sensibilisiert, aufrüttelt und erschüttert. Dem Buch sind viele Leser zu wünschen, denn es kann sicherlich erreichen, dass sich auch deutsche Jugendliche diesem brisanten Thema zuwenden, das in der alltäglichen Lebenswelt doch oft weit weg erscheint.


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