von Sabine Planka

Als die Kröte in der Hexenküche ohne Erinnerung an vorangegangenes Geschehen erwacht und zumindest den beiden Hexenschwestern entkommen kann, die sie in ihren Hexenkessel werfen wollen, ahnt die Kröte nicht, dass in der Hexenküche noch mehr Gefahren drohen, denen sie sich stellen muss. Zusammen mit einer Fee und einem Gnom, denen sie begegnet und die in der Hexenküche gefangen sind, suchen sie einen Weg in die Freiheit. In großzügiger Anlehnung an das Märchen Der Froschkönig entwirft Allen Williams eine in einem spannenden Setting angesiedelte Geschichte, die sich jedoch dem Vorwurf der schnellen Vorhersehbarkeit stellen muss.

Allen Williams: Im Dunkel der Hexenküche
Mit Illustrationen von Bernd Lehmann.
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Carlsen, Hamburg 2014
287 S., 16,90 €
ISBN 978-3-551-55586-1

Inhalt
Als die Kröte zu sich kommt, muss sie feststellen, dass sie, von einer der Hexenschwestern festgehalten, über einem magischen Kessel schwebt und Zutat eines Zaubertrankes werden soll. Benommen und nicht wissend, woher sie kommt, gelingt ihr die Flucht. Bei der Suche nach einem Versteck in der Hexenküche, die ihr nicht geheuer ist, trifft sie alsbald den Gnom Natterjack und die Fee Stechfliege, die ihr bei der Suche nach dem Weg aus der Küche helfen.

Die nachfolgende Reise durch die Küche entpuppt sich als Queste durch ein verwunschenes Land: Die Küche lebt und verändert sich permanent, indem Möbel und Gegenstände umherziehen und einmal eingeschlagene Pfade unpassierbar machen, andere Wege jedoch eröffnen. Feinde, angestachelt und von den Hexenschwestern auf die Kröte angesetzt, verfolgen die ungleiche Zwangsgemeinschaft, die immer mehr zusammenwächst und sich ihrer Feinde erwehren kann. Dabei entpuppt sich die Kröte als gar nicht so hilflos, wie es zuerst den Anschein hatte: Auch sie verfügt über magische Kräfte, die plötzlich und unerklärlicherweise in der Küche immer stärker werden, und es wird immer klarer, dass sich die Hexenschwestern dieser Magie bedienen wollen und die Kröte darum für ihren Trank als Zutat benötigen.

Doch der Kröte gelingt es, einen Weg durch die Küche zu finden, so dass die Gemeinschaft, der sich inzwischen beiden kleinen Weidenleute Rußfuß und Klump angeschlossen haben, schließlich die große Standuhr erreicht. Deren Bewohner, die Witwen der Uhr, die sich als Spinnen entpuppen, helfen der Kröte nicht nur, einen Weg aus der Küche zu finden, sondern sorgen auch dafür, dass die Kröte sich wieder erinnern kann: Vor ihrer Verwandlung war sie ein Mädchen mit großer magischer Begabung, nach der die Hexen trachten und für die sie sogar den Vater des Mädchens umgebracht haben.

Bevor die Gruppe jedoch der Magie der Küche und damit den Hexenschwestern entkommen kann, wird einer der Gefährten als Verräter enttarnt…

Kritik
In 36 Kapiteln entwirft Allen Williams eine schnell vorhersehbar werdende Geschichte, in der sich die Kröte als ein verzaubertes und magisch begabtes Mädchen entpuppt, deren Fähigkeiten besonders für zwei böse Hexen von Interesse sind. Erinnerungen an das Märchen des Froschkönigs klingen an, erfahren hier aber mehrere Umdeutungen: Es ist zum einen ein Mädchen, das verzaubert wird, zum anderen sind ein Gnom und eine Fee sowie ein kleiner Vogel an der Umkehrung des Zaubers und der Zerstörung der Hexen beteiligt, die durch die Macht eines Zauberbuchs beherrscht wurden. Die Geschichte, rasant erzählt durch zahlreiche Stationen während des Abenteuers, die bezwungen werden müssen, entpuppt sich durch zahlreich eingestreute Hinweise auf die menschliche Vergangenheit der Kröte jedoch als vorausdeutbar.

Spannend erweist sich jedoch die Tatsache, dass mit der magischen Küche, die Assoziationen Johann Wolfgang von Goethes Zauberlehrling hervorruft, ein Schauplatz entworfen wurde, der es in sich hat. Möbel und Gegenstände leben, rücken umher und versperren Wege, der Raum selbst verändert sich und unterliegt eigenen Gesetzten, so dass der Eindruck einer Heterotopie entsteht:

Die Küche war durchtränkt von Magie, die durch sie hindurchsickerte, alles veränderte und sie dazu brachte, sich immer wieder zu bewegen und zu erheben wie ein lebendes Tier. Es war eine Welt des unendlichen Chaos, wo allein schon Wände und Böden sich ohne Vorwarnung verschoben. Nichts hatte seinen festen Platz, und es war durchaus möglich, einen Pulk von Schränken vorüberziehen zu sehen, die nichts sonst zu kümmern schien. Die Küche existierte nicht ganz in unserem Universum, stieß aber dagegen – lag parallel dazu, berührte es, überlagerte es aber nicht. […] Die Dinge in der Küche leben. Manche sind gut … die meisten sind es nicht. Es ist ein grausamer Ort, wo das Leben hart ist und allein das Überleben zählt. (S. 7/8)

Die Küche wird somit als eigener Ort, als Parallelwelt etabliert, den zumindest die Hexenschwestern betreten können, der jedoch, ist man einmal dort eingesperrt, aufgrund der magischen Qualitäten ein Entkommen unmöglich macht. Dabei ist das Konzept von Hexenküchen, in denen 'alternativ' gekocht wird, keineswegs neu. Bibi Blocksberg und ihre Mutter Barbara kochen in ihrer Hexenküche bzw. im Hexenlabor undefinierbare Speisen, die nicht wirklich schmecken wollen. Auch Küchengeräte entwickeln schon mal ein Eigenleben, wie in der 105. Hörspielfolge "Die Hexenküche" nachzuhören ist. Demzufolge unterliegen die Speisen, die hier gekocht werden, eigenen Regeln – und eigenen, sonderbaren Zutatenlisten. Somit mutet es zunächst nicht neuartig an, wenn Williams eine Küche als Schauplatz wählt. Neu ist hingegen die Abgeschlossenheit, die sich durch explizite Schwellen ergibt, die es zu überschreiten gilt, will man die Küche betreten oder verlassen. Hinzu kommt die Verlebendigung des Raumes, der sich aufgrund der ihm innewohnenden Magie permanent verändert und die Küche zu einer Heterotopie macht.

Die Protagonisten hingegen entsprechen dem klassischen Kanon phantastischer Literatur: Gnome, Feen, Hexen, Kröten, ein alter Mann und andere Ungeheuer, denen in Rückgriff auf Christopher Vogler eindeutig Funktionen im Rahmen der Narration zugewiesen werden können: Natterjack und Stechfliege sowie die Spinnen der Uhr fungieren als Helfer, Rußfuß als Verräter und die Hexen bilden klassischerweise den Part des Antagonisten, während die Kröte sich als verzauberte Heldin entpuppt, die sich dank ihrer wiedergefundenen Erinnerungen ihrer Kraft und Magie besinnen und die Hexen besiegen und dem magischen Hexenbuch – zumindest vorerst – Einhalt gebieten kann.

Fazit
Allen Williams hat mit Im Dunkel der Hexenküche einen kurzweilig erzählten, wenn auch vorhersehbaren Roman geschaffen, der besonders durch das Setting besticht, auf der Ebene der Protagonisten jedoch auf Altbewährtes zurückgreift. Beschrieben wird eine klassische Queste eines Helden, oder besser: einer Heldin, die sich allerlei Gefahren stellen muss, um zu sich selbst zurückzufinden und um sich so ihrer selbst und ihrer Kräfte bewusst zu werden. Der Roman erscheint für Leser ab ca. 12 Jahren geeignet, die sich im Bereich der Phantastischen Literatur bereits auskennen und sowohl mit dem Protagonistenensemble als auch mit den Genrekonventionen vertraut sind.

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