von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Spätsommer 1944: Der im Krieg verwundete Briefträger Johann überbringt schwarze Briefe: Todesnachrichten der an der Front gefallenen Soldaten. Hart, schonungslos und nüchtern beleuchtet Gudrun Pausewang ein dunkles Kapitel der deutschen Kriegsgeschichte und bleibt sich und der Intention ihrer politisch motivierten Kinder- und Jugendliteratur damit treu…

Pausewang, Gudrun: Der einhändige Briefträger.
Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2015.
ISBN 978-3-473-40121-5
190 Seiten, 14,99€

Inhalt
Die Handlung von Gudrun Pausewangs neuestem Roman ist in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs in Böhmen angesiedelt. Im Mittelpunkt steht der 17jährige Johann Portner, der einhändige Briefträger. An der Front hat er seine linke Hand verloren, darum kann er nun wieder in seinem ursprünglichen Beruf als Briefträger arbeiten. Der Protagonist fühlt sich mit seiner Arbeit sehr verbunden, zumal er schon als kleines Kind den Wunsch hatte, Briefträger zu werden. Doch im Jahr 1944 sind es die sogenannten "schwarzen Briefe", die Johann schwer zu schaffen machen. Sie verkünden den Daheimgebliebenen den Tod der Soldaten an der Front. Als Zusteller der verhängnisvollen Nachrichten gerät Johann in die Rolle eines Seelsorgers. Er fühlt sich oft verantwortlich für die Botschaften in den Briefen und versucht, die Menschen in seinem Bezirk zu trösten und sie zu schonen. So verheimlicht er beispielsweise einer schwangeren Frau bis zur Geburt ihrer Zwillinge den Tod des Ehemanns. Einer senilen alten Frau sagt er jeden Tag wieder, ihr schon lange gefallener Enkel werde bald wiederkommen, weil sie seinen Tod einfach nicht begreifen kann.

Das Ende des Krieges scheint schließlich zum Greifen nah, doch die düsteren Nachrichten häufen sich:

Köln verloren, der Rhein bei Remagen von den Amerikanern überschritten, Breslau eingeschlossen, die Russen bereits tief in Pommern, Kolberg umzingelt. Und die deutsche Offensive in Ungarn kam nicht mehr voran. Der Jahrgang  1929 war eingezogen worden: Fünfzehn- und Sechzehnjährige, denen der erste Flaum am Kinn wuchs (S.135).

Für Johann ist dies auch die Zeit der ersten (und letzten) großen Liebe. Er verliebt sich in die junge Hebamme Irmela, mit der er sich auch deshalb verbunden fühlt, weil seine verstorbene Mutter ebenfalls Hebamme war. Der Frühling 1945 ist für den Jungen in vielfacher Hinsicht eine extrem bewegte Zeit. Zu allen Aufregungen um die schwarzen Briefe und die Liebesgefühle kommt der Umstand, dass Johann nun endlich erfährt, wer sein ihm bislang unbekannter Vater ist: Es ist der Briefträger Georg Stoll aus "Himmlisch-Haag gegenüber"(S.116).

Fast wirkt es, als könnte mit dem Kriegsende auf den jungen Johann eine hoffnungsvolle Zeit zukommen. Doch dann wird ihm zum Verhängnis, dass ihn die senile Frau Kiesewetter vor den Russen für ihren Enkel hält, der ein glühender Nationalsozialist war. Dem armen Johann hilft kein Protest, die Russen machen kurzen Prozess mit dem einhändigen Briefträger und hängen ihn an einem Baum auf. Der Roman schließt mit den Worten: "Der Strick straffte sich" (S.188).

Kritik
Gerade dieses drastische Ende ist typisch für die 1928 geborene Autorin Gudrun Pausewang, deren erklärtes Anliegen es immer wieder ist, offen und ehrlich von ihren Kriegserfahrungen zu erzählen und ihre jugendlichen Leser dabei nicht zu schonen. In ihrem neuesten Roman Der einhändige Briefträger akzentuiert sie ihre Intentionen explizit im Vorwort:

Bald wird es keine Zeugen des Zweiten Weltkriegs mehr geben. Ich, 1928 geboren, habe ihn  noch erlebt. Nicht an der Front, denn ich bin ja kein Mann. Ich war elf Jahre alt, als er begann,  und siebzehn Jahre alt, als er endete. Mit diesem Buch will ich euch zeigen, wie bitter man ihn auch in der Heimat spürte (S.5).

Kritisch vorhalten mag man der Autorin den moralisch erhobenen Zeigefinger, der sich hier zeigt, ihre bewusste Absicht, die jugendlichen Leser zu belehren, die quasi als Folie hinter dem ganzen Erzähltext liegt, der in literarischer Hinsicht keine besonderen Innovationen bietet. Die Handlung ist einsträngig erzählt, es überwiegen kurze, parataktische Sätze. Die kurzen Kapitel handeln vom Alltag des einhändigen Briefträgers Johann, den der Leser auf seinen täglichen Botengängen begleitet. Er folgt Johann gewissermaßen von Station zu Station und erlebt die Geschichte aus seiner Perspektive. Eine Besonderheit stellt somit nicht der Erzählstil dar, sondern es ist das Thema, mit dem Gudrun Pausewang neues jugendliterarisches Terrain absteckt. Indem sie die schwarzen Briefe ins Zentrum der Romanhandlung stellt, eröffnet sie einen Blick auf ein bislang wenig beleuchtetes Moment der deutschen Kriegsgeschichte. Mit ihrer konsequenten Haltung, den jugendlichen Leser ohne jede Beschönigung aufklären zu wollen und dabei auch eigene Verantwortlichkeiten nicht zu verschweigen, trägt sie einer von Hans-Heino Ewers 2005 formulierten Forderung Rechnung, die Zeitzeugen-Autorengeneration möge "das Versteckspiel hinter den Fiktionen aufgeben und offen und ehrlich von der eigenen persönlichen oder Familienverstrickung reden" (Ewers (2005), S. 124). Vor diesem Hintergrund lässt sich Der einhändige Briefträger als wichtiger Text der neueren zeitgeschichtlichen Kinder- und Jugendliteratur betrachten, gerade, weil er seine jugendlichen Leser mit diesem bitteren Ende allein lässt:

Die Männer zerrten ihn unter eine der drei großen Kastanien vor dem Zaun. „Aber was machen Sie denn mit ihm?“, hörte er Frau Kiesewetter hinter sich wimmern. „Er hat doch niemandem etwas Böses getan!“ Es dauerte eine kleine Weile, bis sie den Strick über den Ast gezogen und an einem anderen Ast befestigt hatten. Johann blieben zwei oder drei Minuten, um noch einmal die erbarmungslose, wunderbare Welt zu riechen, die Brise auf seiner schweißnassen Stirn zu fühlen, die Bienen summen zu hören, die Bitternis verhängnisvoller Zufälle zu schmecken. Noch einmal einer großen blauen Libelle nachzuschauen, die vorübersegelte, und an Irmela zu denken. Sie zerrten ihn auf den Stuhl und legten ihm die Schlinge um. Ganz nah vor sich sah er das frühlingsgrüne Kastanienlaub. Er spürte, wie der Stuhl weggetreten wurde und damit der letzte feste Halt unter seinen Füßen wich. Der Strick straffte sich (S.187-188).

Inwieweit man diese Art des offenen Erzählens als geeignet für jugendliche Leser ansieht, sei dahingestellt. Berührt ist damit eine Debatte, welche die Bücher von Gudrun Pausewang schon immer ausgelöst haben. Fest steht, dass Jugendliche (ab 14 Jahren) bei der Lektüre des Buches Begleitung, Unterstützung und Gespräch durch Erwachsene benötigen. Sie sollten die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Stoff mitbringen, aufzwingen sollte man ihnen die Textrezeption nicht, weshalb das Buch auch nur bedingt für den schulischen Einsatz zu empfehlen ist.

Fazit
Gudrun Pausewang leistet mit diesem zeitgeschichtlichen Text ein wichtiges Stück Aufklärung und Verarbeitung deutscher Geschichte. Ihr politisches Engagement, das hinter dieser Art des Erzählens liegt, ist ihr immer wieder hoch anzurechnen. Erzähltechnisch rekurriert der Roman auf bewährte Erzählmuster und bietet in dieser Hinsicht wenig Innovatives.

Literatur
Ewers, Hans-Heino: Zwischen geschichtlicher Belehrung und autobiographischer Erinnerungsarbeit, Zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur von Autorinnen und Autoren der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder“. – In: Geschichte und Geschichten. Die Kinder- und Jugendliteratur und das kulturelle und politische Gedächtnis. Hrsg. v. Gabriele von Glasenapp und Gisela Wilkending. Frankfurt am Main u. a.: Lang, 2005 (Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien; Bd. 41).


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