von Anna Stemmann M.A.

Das pulsierende Leben im New York der 1920er Jahre steht im Zentrum des Romans The Diviners von Libba Bray. Frei nach dem Untertitel Aller Anfang ist böse markiert dieser Band den Auftakt einer Serie, die sich zwischen Urban Fantasy, Horror und Krimi bewegt. Protagonistin ist die 17jährige Evie O'Neill, die aus einer Kleinstadt Ohios stammt und nach einem mysteriösen Zwischenfall zu ihrem Onkel nach New York verbannt wird. Dort taucht sie in das wilde Partyleben ein, bis eine grausame Serie von Ritualmorden die Stadt erschüttert und sie sich auf die Spur des geisterhaften Mörders begibt.

Libba Bray: The Diviners. Aller Anfang ist böse
dtv: München 2014
704 S., 19,95 €
ISBN 978-3423760966

Inhalt
Als vermeintliche Strafe für ihr Fehlverhalten wird Evie von ihren Eltern nach New York geschickt. Nicht ahnend, dass sie ihr damit den größten Gefallen tun, denn ohne zögern tauscht Evie ihr behütetes Leben in Ohio gegen das lebendige Treiben der Roaring Twenties. Sie wohnt bei ihrem alleinstehenden Onkel, der Leiter des Museums für Amerikanisches Volkstum, Aberglauben und Okkultes ist. Kurz nach Evies Ankunft wird er als polizeilicher Berater bei einem brutalen Ritualmord hinzugezogen: dem Opfer wurden die Augen entfernt, es ist mit verschiedenen Symbolen gebrandmarkt und wurde auf spezifische Weise drapiert. Bald folgen weitere Opfer, die in ähnlicher Manier getötet und einem Serienmörder zugeschrieben werden.

Evie kommt dabei vor allen anderen auf die Spur des Täters, denn sie hat eine geheime Gabe, von der niemand wissen darf. Berührt sie einen Gegenstand, verrät ihr dieser die intimsten Geheimnisse seines Besitzers. Am Tatort findet sie eine Brosche des Opfers und erkennt in ihrer Vision ein entscheidendes Detail des Täters. Sie nimmt auf eigene Faust die Verfolgung von 'Naughty John' auf, nur wurde dieser bereits vor über 50 Jahren wegen Mordes erhängt. Die Jagd auf seinen Geist beginnt.

Parallel zum Erzählstrang um Evie und ihren Onkel werden weitere Figuren eingeführt, deren Erlebnisse früher oder später alle zusammenlaufen. Wie sich zeigt, ist Evie nicht die einzige Person mit übernatürlichen Fähigkeiten, denn die sogenannten und titelgebenden 'Diviners' leben im Verborgenen und versuchen ihre übersinnlichen Kräfte zu vertuschen. Dabei eröffnet sich ein breites Spektrum an verschiedenen Personen unterschiedlichen Geschlechts, Klasse und Hautfarbe, die die Diversität des Melting Pots New York exemplarisch herausstellen. Im Zentrum des Romans steht jedoch die Jagd nach dem Ritualmörder, während die Geheimnisse der Diviners vorerst nur angedeutet werden und am Ende den Ausblick auf weitere Fortsetzungen eröffnen. Die Folgebände lassen Einblicke in die Hintergründe und weiteren Verstrickungen der mysteriösen Fähigkeiten erwarten. Das Narrativ des Kriminalfalls wird in diesem ersten Band hingegen aufgelöst. Dessen Ende soll nicht verraten werden, aber Evie muss sich in einen finalen Kampf dem Geist 'Naughty Johns' stellen.

Kritik
The Diviners ist mit seinen 700 Seiten nicht nur im äußeren Umfang schwere Kost, sondern mutet dem Leser auch einige unappetitliche Schockmomente zu: Okkultismus, Geisterbeschwörungen, brutale Rituale, mystische Orte, Grabschändungen, künstliche Menschen und Sektenkult sind nur einige der Themen, die der Roman aufgreift und dabei trotzdem nur wenig Spannung aufbaut. Der narrative Fluss stockt durch die hohe Anzahl paralleler Erzählstränge, die zwar umfangreiche Einsichten in die einzelnen Figuren geben, den Plot jedoch kaum voranbringen. Die gedehnte Erzählzeit sorgt so leider auch für gedehnte Lesezeit.

Die verschiedenen Elemente des Horror- und Krimigenres verbinden sich dabei zu einer Urban Fantasy, d.h. in das weitestgehend realistische Setting brechen immer wieder fantastische Elemente ein, es gehen Geister um und Figuren entwickeln übersinnliche Fähigkeiten. An das narrative Grundmuster des Krimis lagern sich so verschiedene Aspekte anderer Genres, die sich im Gesamtbild jedoch nicht stimmig zusammenfügen. Der Aufbau gliedert sich in viele kurze Kapitel, die jeweils die Ereignisse um eine der vielen Figuren ausgestalten. Erzählt wird dabei in einer heterodiegetischen Stimme mit einer internen Fokalisierung auf die jeweiligen Figuren, woraus sich Distanz zu den mysteriösen Vorgängen ergibt. Die verschiedenen Handlungsstränge verlaufen zunächst nebeneinander und etablieren ein umfangreiches Figurenpersonal, in deren Zentrum Evie steht. In dieser Parallelführung verliert sich jedoch immer wieder der eigentliche Spannungsbogen und die komplexe Ausgangslage fächert immer weitere Verwicklungsebenen auf, die in ihrer Konstruiertheit eine wenig überzeugende Auflösung erfahren. So nimmt der Roman – trotz der gruseligen Mordserie – nie richtig Fahrt auf. Die einzelnen Haupt- und Nebenfiguren dürfen zwar ihre umfangreichen Hintergrundgeschichten in erinnerten Rückblenden und Dialogen entfalten, insgesamt wird damit aber zu viel gewollt, denn der Detailreichtum bremst die erzählte Zeit beständig aus. Positiv hervorzuheben ist jedoch der Versuch, die Figuren differenziert zu zeichnen und Einsichten in ihre Hinter- und Beweggründe zu geben. Evie ist dabei eine emanzipierte und starke Frauenfigur, die selbstbewusst ihren Interessen nachgeht, das Leben genießt und auch den Männern der erzählten Welt die Stirn bietet. Am Ende kann sich jedoch auch sie nicht des obligatorischen Liebesglücks des Happy Ends verwehren...

In den Nebenfiguren werden weitere interessante Blickwinkel auf unterschiedliche Schichten im New York der 1920er Jahre entwickelt, die dabei auch Milieustudien verschiedener Verhältnisse liefern. Erfreulicherweise sind homosexuelle Figuren dabei völlig selbstverständlich, ohne dass deren Orientierung als Problem thematisiert wird.

Die Inszenierung des Handlungsortes New York als eine lebendige Großstadt markiert eine Stärke des Romans und transportiert das urbane Lebensgefühl der Roaring Twenties in einem plastisch gezeichneten Stadtbild. New York ist dabei ein eigenständiger Protagonist und mehr als bloße Kulisse der Ereignisse. Die urbane Topographie und die ländlichere Umgebung etablieren diverse Schauplätze, die darüber soziale Hierarchien spiegeln und mit symbolischen Einschreibungen spielen. So wird das Haus des Serienmörders, das explizit topographisch isoliert in einem Vorort und damit außerhalb der normierten Ordnung liegt, zur Abweichungsheterotopie. Im finalen Showdown erwacht das Haus dann auch zum Leben und wendet sich gegen Evie. Die tatsächliche Auflösung der mysteriösen Geistererscheinung erfolgt dann jedoch relativ plötzlich und steht in deutlichem Ungleichgewicht zu den detaillierten Schilderungen im Vorfeld.

Fazit
Das Setting der Geschichte und die Inszenierung New Yorks in der Zeit der Roaring Twenties in der Verbindung mit fantastischen Elementen bietet zwar eine spannende Ausgangsidee, die aber im Verlauf des Romans nur selten Spannung aufbauen kann. Den 700 Seiten hätten Kürzungen gut getan. So bleibt The Diviners ein zwar solider Roman, der wegen der expliziten Schilderungen und Horrorelementen für Jugendliche ab 16 Jahren gedacht ist, der jedoch nicht vollends überzeugen kann.

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