von Christian Vooren

Fast 40 Jahre ist es her, dass Astrid Lindgren 1973 die Geschichte der Brüder Löwenherz schrieb. An Aktualität hat die Erzählung, die um die Themen Tod, Trauer und Geschwisterliebe kreist, nicht verloren.

Inhalt

Die Brüder Löwenherz erzählt aus der Perspektive des kleinen Karl Löwe von den Abenteuern, die er mit seinem älteren Bruder Jonathan in einem fantastischen Land namens Nangijala erlebt.

Karl ist todkrank und wird bald sterben. Um seinem kleinen Bruder die Angst vor dem Unvermeidlichen zu nehmen und ihm zu helfen, sein Schicksal anzunehmen, erzählt ihm Jonathan Geschichten aus Nangijala, einem Land, in das man nach seinem Tod gelangt. Als Jonathan bei einem Feuer zwar Karl rettet, selbst aber stirbt, bleibt Karl mit der alleinerziehenden Mutter zurück, gelangt aber selbst ebenfalls bald nach Nangijala, wo er seinen Bruder wiedertrifft. Dort erleben die beiden Abenteuer und helfen den Einwohnern dieser Welt, sich gegen den gefürchteten Herrscher Tengil zur Wehr zu setzen. Am Ende der Geschichte ist Jonathan durch eine Waffenwunde zu schwach, um weiterzuleben. Karl beschließt, mit ihm in das Land Nangilima weiterzureisen, in das man nach dem Tod in Nangijala gelangt.

 

Kritik

Lindgren, Astrid: Die Brüder Löwenherz
Aus dem Schwedischen von Anna L. Kornitzky.
Oetinger Verlag, Hamburg 1974.
236 S., 14,90 €
ISBN 978-3789129414

Es ist nur schwer vorstellbar, wie man Kinder mit einem Thema wie dem Tod vertraut macht, ohne ihnen Angst zu machen oder das Sterben zu verharmlosen. Astrid Lindgren schafft den Drahtseilakt auf wunderbare Weise. Sicher vermag die Geschichte nicht die Angst vor dem Tod zu nehmen, aber sie ermutigt zu einer rationalen Beschäftigung mit dem Thema und kann dadurch auch ängstliche Kinder beruhigen. Man lernt bei der Lektüre genau das, was Karl und Jonathan längst wissen: Es gibt Dinge, die man nicht ändern kann. Aber man kann mit ihnen leben. Das heißt nicht, dass der Tod hier verharmlost wird. Das Schicksal der Brüder stimmt die Leser von Die Brüder Löwenherz wohl vor allem traurig, und deshalb bewahrt Lindgrens Umgang mit dem Thema seine Ernsthaftigkeit.

Als das Buch 1973 erschien, löste es eine kontroverse Debatte aus, weil Kritiker Lindgren vorwarfen, den Tod zu verharmlosen und sogar Selbstmord zu befürworten. Letzterer Vorwurf speist sich vor allem aus der Interpretation, dass Karl und Jonathan am Ende der Geschichte, deren letzter Satz "Ich sehe das Licht" ist, vorsätzlich und bewusst in den Tod gehen. Mittlerweile ist der Roman als eine ernsthafte, für kindliche Leser angemessene Auseinandersetzung mit dem Tod anerkannt.

Dennoch stellt sich die Frage, ob Kinder nicht Wichtigeres zu lernen haben als den Umgang mit dem Tod. Angesichts der Tatsache, dass auch Kinder durch Krankheit oder Unfälle mit der Aussicht auf den eigenen Tod, oder mit dem Sterben ihnen Nahestehender konfrontiert werden, lässt sich diese Frage verneinen.

Doch kindliche Leser können noch viel mehr von der Geschichte lernen, denn sie wird nicht nur aus der Perspektive eines Sterbenden erzählt – sie ist auch die Sicht des Trauernden, denn Karl trauert aufrichtig um seinen Bruder und nutzt die Abenteuer in Nangijala, um seine Trauer zu verarbeiten. Diese literarische Begegnung mit Verlust und Trauer ist (nicht nur) für kindliche Leser wertvoll.

Aus literaturwissenschaftlicher Sicht interessant ist Lindgrens Umgang mit den Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit: Die Erzählung der Abenteuer von Karl und Jonathan lassen sich auf mindestens zwei Weisen deuten: Einer realistischen Interpretation zufolge lassen sie sich als Nahtoderfahrungen eines im Sterben liegenden Jungen auffassen. Liest man Die Brüder Löwenherz als fantastische Erzählung, so gelangen die Geschwister (im Rahmen der literarischen Fiktion) tatsächlich in das Land Nangijala, in dem sie ihre Abenteuer erleben.

Fazit

Selbst wenn man all diese Aspekte nicht für relevant erachtet, so bleibt die Geschichte von den Brüdern Löwenherz trotzdem lesenswert. Denn sie ist vor allem eins: eine wunderbar schöne Geschichte, eine Geschichte voller Hoffnung, selbst wenn ihr Ende traurig stimmt. Vielleicht werden aber auch nur die Menschen traurig, die noch nicht so viel gelernt haben wie Karl und Jonathan...

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