von Alexandra Fietz

"...ihr steckt mitten in einem großen Abenteuer" (S. 67). Als Oliver, Iris und Rosa auf Colin treffen und mit ihm versehentlich in eine Parallelwelt reisen, ahnt noch keiner von den drei Kindern, dass mit dem Beginn ihrer atemlosen Reise durch die Zeit und in parallele Welten nichts Geringeres als die Rückkehr zu ihrem Zuhause und letztendlich ihr Leben auf dem Spiel steht.

Rahlens, Holly-Jane: Blätterrauschen
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015.
320 S., 14,99€
ISBN 978-3-499-21686-2

Inhalt
Als Oliver zum ersten Mal den Leseklub der Buchhandlung Blätterrauschen aufsucht, trifft er dort nur auf Iris, die sehr erwachsen und intelligent für ihr Alter auftritt, und Rosa, die ihren linken Unterarm verlor und nun eine Prothese trägt . Die drei Kinder wohnen im selben Häuserblock und kennen sich, allerdings sind sie keine Freunde und so ist die Stimmung zunächst angespannt. Das ändert sich schlagartig, als ein Junge an die Hintertür klopft, der sich als Colin vorstellt und ihnen eröffnet, sie seien lediglich Figuren in einem Computerspiel, das er gerade spiele. Doch dass ihre Welt nur ein Spiel sein könnte, ist nicht ihre einzige Sorge: Colin wird von einem zunächst unbekannten Trio verfolgt, das sich später als eine Gruppe 'Zeitwächter' herausstellt, die die Einhaltung der Regeln der Zeitreise überwachen. Auf der sich anschließenden gemeinsamen Flucht reisen die Kinder zunächst versehentlich in eine Parallelwelt und dann durch die Zeit, denn Colin stammt in Wirklichkeit aus der Zukunft. Eine Zukunft, in der die Menschheit eine schreckliche Seuche nur knapp überlebt hat. Trotz dieser düsteren Aussicht und mit dem Wissen, dass sie der Krankheit wahrscheinlich zum Opfer fallen werden, wollen die Kinder zurück in ihre Zeit, was sich allerdings als gar nicht so einfach entpuppt.

Kritik
Mit Blätterrauschen hat Holly-Jane Rahlens einen Science-Fiction-Roman für Jugendliche geschaffen, der leider sein durchaus vorhandenes Potenzial, die Leser für sich gewinnen und zu begeistern, verschenkt. Das beginnt bereits damit, dass der Leser zwar erfährt, dass die Menschen aus Colins Zukunft durch die Zeit reisen können, allerdings sei dies eine noch sehr ungenaue und nicht endgültige erforschte Wissenschaft. Um diese Behauptung zu untermauern, vermischt die Autorin bekannte literarische Theorien zur Zeitreise mit der Idee paralleler Welten. Da die Kinder zu beiden Arten der Zeitreise - einerseits linear durch die Zeit, andererseits auch noch in eine Parallelwelt (vgl. dazu Planka: "Einleitung" (2014)) - trotz beständiger Nachfragen selbst von ansonsten hilfreichen Erwachsenen keine Erklärungen erhalten, wirkt diese Vermischung unausgegoren.

Ein weiterer Punkt, der beim Leser zu Verwirrungen führen kann, ist der Gebrauch der englischen Sprache. Zu Beginn des Romans spricht Colin mit Oliver, Rosa und Iris nur Englisch, was nur teilweise von Iris übersetzt wird. Somit entgeht dem Leser ein Teil des Dialoges, wenn er des Englischen nicht mächtig ist. Diese fehlende Übersetzung findet sich auch im späteren Verlauf des Buches wieder, zudem kommt erschwerend hinzu, dass Dialoge, die von einer anderen Figur übersetzt wurden, nicht gekennzeichnet sind: Durch das Fehlen von Anführungszeichen oder einer anderweitigen Markierung ist dem Leser nicht immer klar, ob eine Figur deutsch spricht, eine andere Figur das Englische des Sprechers übersetzt oder ob die Kinder das gesprochene Englisch selbst verstehen. An dieser Stelle greift auch das Problem divergierender Altersempfehlungen. Zwar gibt die Autorin auf ihrer Homepage 11 Jahre als Richtwert ab, was vom Englischlernstand des Lesers her durchaus sinnvoll ist; allerdings empfehlen einige große Onlinehändler das Buch bereits ab 9 Jahren und zu diesem Zeitpunkt ist fraglich, ob der Leser bereits in der Lage ist, die nicht übersetzten Passagen zu verstehen.

Ein ähnliches Problem ist auch, dass die Wortschöpfungen der Menschen in der Zukunft nicht kontinuierlich erklärt werden: So bleibt die Autorin eine Erläuterung des Begriffs 'Spicer' (S.184) bis zum Ende schuldig, während andere Begriffe wie Moca-Mola (S.68), das das Äquivalent zur dem Leser bekannten Coca Cola ist, oder die Teakiteque (S.123), die sich aus dem Zusammensetzen von Teak(holz) und Boutique ergibt, ganz natürlich erklärt werden. Gleiches gilt für den Begriff 'jobsen' (S.302), die der Wischtechnik des iPad entlehnt ist, die Steve Jobs sich hat patentieren lassen. Als 'jobsen' bezeichnen die Menschen der Zukunft die Wischtechnik, mit der sie z.B. Türen öffnen. Die Bezeichnung 'jobsen' ist dabei gleichzeitig eine der Referenz auf das Leben im 21. Jahrhundert, da sie sich auf den Mitbegründer des inzwischen weltweit operierenden Apple-Konzerns Steve Jobs bezieht. Durch das Einflechten weiterer Referenzen  gelingt es der Autorin die Position von Oliver, Iris und Rosa gegenüber den Erwachsenen in der Zukunft zu verändern: Es sind  die Kinder, die ihrem Übersetzer Begriffe wie "all-inclusive" (S.214) und "Barbie und Ken" (S.195) erklären sollen oder ihnen das Konzept der "Pilzköpfe" (S.178), als eine Bezeichnung für die Band The Beatles, zu erläutern. Dies steht im starken Kontrast zur generellen Situation der Kinder in der Zukunft, in der es  die Erwachsenen sind, die den Kindern ihre neue Umgebung und die Zusammenhänge erklären müssen.

Leider weist Blätterrauschen nicht nur inhaltliche, sondern auch strukturelle Mängel auf, die es dem Leser schwer machen in die Geschichte einzutauchen. So erwähnt Oliver zum Beispiel immer wieder seinen älteren Bruder Thilo, mit dem irgendetwas vorgefallen ist, so dass die Brüder  nun keinen Kontakt mehr zueinander haben. Bereits auf Seite fünft wird angerissen, dass es sich um einen schwerwiegenden Einschnitt in Olivers Leben zu handeln scheint: "Nein! Oliver wollte nicht an seinen Bruder denken. Nicht jetzt. Das machte ihn nur wütend. Auf Thilo. Auf seinen Vater. Sogar auf seine Mutter. Und auch auf sich selbst." (S.13). Im Verlauf der Handlung wird an verschiedenen Stellen auf die Entfremdung bzw. das Verschwinden Thilos Bezug genommen, allerdings geschieht dies ausnahmslos in Andeutungen, die es dem Leser nicht ermöglichen zu erfassen was vorgefallen ist. Die Auflösung dieser Nebenhandlung erst am Ende des Romans und wirkt recht gehetzt.

Ein weiterer Handlungsstrang, der als strukturelle Schwäche des Romans gesehen werden kann, ist die arg konstruiert wirkende Nebenhandlung, dass eines der wenigen erhaltenen Artefakte über das Leben im 21. Jahrhundert von einer jungen Frau verfasst wurde, die sich als Iris' ehemaliges Kindermädchen herausstellt. Diese Verbindung zwischen der Verfasserin und Iris steigert das Interesse der Forscher an Iris nur noch, was letztendlich dazu führt, dass man sie überreden will, in der Zukunft zu bleiben. Diese allzu offensichtliche Konstruiertheit hinterlässt beim Leser allerdings einen faden Nachgeschmack, da es sich hier um einen schier unglaublichen Zufall handelt.

Des Weiteren ist auffällig, dass Themen wie Familie, Freundschaft, Verlust und Gesellschaftskritik nur am Rande angesprochen werden. Bei Ersterem wird dem Leser lediglich Olivers disfunktionale Familie mit dem alkoholabhängigen Vater und dem verschwundenen Bruder und Colins Patchworkfamilie mit seinem Vater sowie dessen Freundin Rouge-Marie und deren kleiner Tochter Lucia präsentiert, wobei beide Formate weder kommentiert werden noch von Bedeutung sind. Das Thema Freundschaft wird eher in seiner Abwesenheit aufgegriffen. Es wird angedeutet, dass die Mädchen in der Zeit vor Rosas Unfall Freundinnen gewesen seien, allerdings geht die Autorin darauf nie näher ein. Die Gruppe der Kinder entwickelt erst gegen Ende der Handlung eine Beziehung zueinander, die man als Freundschaft bezeichnen könnte. Auch die Thematik Verlust schneidet der Roman nur oberflächlich an, obwohl hier eine Menge Anknüpfungspunkte in der Handlung des Romans zu finden sind: Der Verlust von Rosas Unterarm wird eben so beiläufig abgehandelt wie Olivers Verlust seines Bruders Thilo und die Ungewissheit über dessen Verbleib. Die Gesellschaftskritik findet im Roman in Form einer offenen Konfrontation zwischen zwei extremen Lebensentwürfen statt: eine hochtechnisierte Gesellschaft auf der einen und eine Gruppe von Menschen auf der anderen Seite, die versuchen mit Rücksicht auf die Natur zu leben. Somit werden alle relevanten Themen des Romans nur oberflächlich behandelt.

Eine interessante Idee der Autorin ist es, dass die Kinder kurz vor ihrer Rückreise in ihre eigene Zeit in der Zukunft ein Buch mit dem Titel 'Blätterrauschen' finden, das Colin als Kind gelesen hat und wodurch sein wiederkehrendes Gefühl eines Déjà-vus erklärt wird. Bei dem Roman handelt es sich um die Geschichte von Oliver, Rosa und Iris, bevor sie auf Colin trafen. Die Handlung des Buches folgt dabei genau den Abläufen, wie sie die Kinder erlebt haben. Da eines der Gesetze des Zeitreisens laut Roman das ist, dass man sich nach der Rückkehr in die Vergangenheit an nichts mehr erinnern kann, handelt es sich bei dem gefundenen Roman nicht um einen Erfahrungsbericht, sondern um eine imaginierte Geschichte, die – so vermuten die Kinder - Iris oder Rosa geschrieben haben muss, da Oliver die Zeichnungen, die in Stil und Ausführung stark denen ähneln, die er während des Aufenthaltes in der Zukunft angefertigt hat, beisteuert.

Durch die Idee des Buches im Buch wird eine Parallele zu Michael Endes Roman Die unendliche Geschichte geschaffen, die sich bis in die Auflösung des Romans zieht, als Oliver, Iris und Rosa wieder am Ausgangspunkt ihrer Abenteuer, in der Buchhandlung Blätterrauschen, ankommen. Im Gegensatz zu Bastian Balthasar Bux, der sich in Endes Roman noch an seine Erlebnisse erinnern kann, wird den Dreien gesagt, dass sie sich nicht erinnern werden können und zunächst sieht es auch so aus als ob sie alle Erinnerungen an ihre Abenteuer verloren hätten. Allerdings haben sie kleine Hinweise hinterlassen, z.B. eine Kugelschreiberunterschrift von Colin auf Rosas Prothese, die die Zeitreise nicht auslöschen konnte, sowie den Durchdruck der Bilder, die Oliver in der Zukunft angefertigt hat, auf den leeren Seiten seines Skizzenblocks. Mit Hilfe dieser Hinweise gelingt es der Gruppe ihre Erinnerung zumindest fragmenthaft wieder zu aktivieren und sie beginnen am Ende des Romans zu versuchen, die Handlung zu rekonstruieren.

Ein strukturelles Problem des Romans wird bis zuletzt nicht gelöst, allerdings durch die Überlegung, dass eines der Mädchen den Roman aus Olivers Sicht geschrieben haben könnte, zumindest im Ansatz erklärbar: Der Roman weist keinen klar definierbaren Erzähler auf. Zwar wird ein Großteil der Handlung aus Olivers Sicht wiedergegeben, wodurch der Roman über weite Teile einen homodiegetischen Erzähler mit interner Fokalisierung  aufweist, allerdings wird diese Erzählperspektive immer wieder von Kommentaren, die an den Leser gerichtet zu sein scheinen - "Puh. Was auch immer passiert war, jetzt waren sie in Sicherheit. Oder etwa nicht?" - sowie der Innenwahrnehmung anderer Protagonisten unterbrochen, was wiederum auf einen heterodiegetischen Erzähler hinweist. Inhaltlich wird allerdings auch durch diese Überlegungen zur Erzählperspektive nicht schlüssig, woher Rosa oder Iris gewusst haben könnten, was genau Oliver in jedem Moment der Handlung gedacht hat, da er sich selbst nach der Rückkehr in seine Zeit an kein Detail erinnern wird. Beim Leser hinlässt dies den faden Beigeschmack einer Idee, die nicht zu Ende durchdacht worden ist.

Fazit
Blätterrauschen ist ein Roman, der hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt. Sowohl die inhaltlichen als auch die strukturellen Schwächen des Romans erschweren es dem Leser, in die Handlung einzutauchen, was für ältere Leser eventuell frustrierend sein kann. Zudem bleibt der Leser am Ende des Romans mit der Frage zurück, ob die Protagonisten es schaffen werden, ihre Erinnerungen zu aktivieren oder ob Blätterrauschen das Produkt von Rosas oder Iris' Phantasie ist.

Thematisch streift der Roman Themen wie Familie, Freundschaft, aber auch Verlust, und betrachtet verschiedene Gesellschaftsformen kritisch. Dies geschieht jedoch alles sehr oberflächlich. Für kindliche Leser mag das noch akzeptabel sein, jugendliche Leser könnte dies jedoch unterfordern.

Des Weiteren sind die divergierenden Altersempfehlungen, die von 9 bis 11 Jahren reichen, problematisch, die aber vermutlich auf Grund des Gebrauchs der englischen Sprache zustande gekommen sind. Eine eindeutige Empfehlung ist daher schwer zu geben, da es sehr von den individuellen Fähigkeiten des Kindes abhängt, ob es die Einflechtungen von englischen Worten und Phrasen als anregend oder frustrierend empfindet.

Literatur
Planka, Sabine: "Einleitung", in: ebd. (Hrsg.): Die Zeitreise. Ein Motiv in Literatur und Film für Kinder und Jugendliche. Würzburg: Königshausen & Neumann 2014 (Kinder- und Jugendliteratur Intermedial; Bd. 3), S. 9-27).


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