Fforde, Jasper: Die letzte Drachentöterin

von Anna Stemmann M.A.

Jasper Fforde hat sich bisher vor allem mit seinen Fantastik-Romanen für Erwachsene – in denen er virtuos aus dem Fundus der Literaturgeschichte sowie der Populärkultur schöpft und ein dichtes intertextuelles Verweissystem etabliert – einen Namen gemacht. Mit Die letzte Drachentöterin legt er nun seinen ersten ausdrücklichen jugendliterarischen Roman vor, der sich im selben Genre verortet und nahtlos in seine Fabulierlust und den Ideenreichtum einreiht.

Jasper Fforde: Die letzte Drachentöterin
Köln: one (Bastei Lübbe), 2015
14,99 €, 252 S.
ISBN 978-3-8466-0005-4

Inhalt
Die Ich-Erzählerin und Protagonistin des Romans ist die fast 16-jährige Jennifer Strange, die in medias res in ihre Geschichte einführt, sich als rückblickende Erzählstimme zu erkennen gibt und grob die folgenden Ereignisse umreißt: "Ich war mal berühmt. […] Zwei Menschen haben versucht mich umzubringen, man drohte mir eine Haftstrafe an, ich habe sechzehn Heiratsanträge bekommen und wurde von Kind Snodd für vogelfrei erklärt. All das und noch mehr in weniger als einer Woche" (S. 7). Diese Woche steht dann im darauffolgenden Zentrum der erzählten Zeit und chronologisch werden ihre Erlebnisse aufgerollt.

Das Findelkind Jennifer arbeitet in der Magier-Agentur Kazam und koordiniert als Mädchen für alles die Termine der Zauberer und kümmert sich um die damit verbundenen bürokratischen Aufgaben. Denn die Hochzeit der Magier im Ununited Kingdom ist lange vorbei, sie unterliegen einen geringen gesellschaftlichen Ansehen und plagen sich mit ihren zunehmend schwindenden Kräften herum. Ihre wenigen noch verbliebenen Aufträge beschränken sich auf Haushaltsreparaturen, Pizzalieferungen mit dem fliegenden Teppich und kleinere Vorhersehungen. Dieser Alltagstrott wird aufgebrochen, als von einem der Magier plötzlich orakelt wird, dass der letzte Drache am nächsten Sonntag sterben würde. Unverhofft wird ausgerechnet Jennifer zur letzten Drachentöterin ernannt, die Ereignisse überschlagen sich und sie gerät in einen Strudel aus Intrigen und Machtkämpfen. Denn sobald der letzte Drache gestorben ist, wird sein Lebensraum zur neuen Bebauung freigegeben und dieser verlockende Landgewinn ruft nicht nur diverse Immobilienhaie auf den Plan, sondern entfacht auch eine kriegerische Auseinandersetzung der angrenzenden Königreiche. Jennifer agiert als bedachte Vermittlerin zwischen den Welten und kann letztlich zwar nicht den Tod des Drachens verhindern, dafür aber zunächst den Frieden im Ununited Kingdom sichern.

Die letzte Drachentöterin - Jasper Fforde - Hardcover

Kritik
Die letzte Drachentöterin entwickelt eine regelrechte Sogwirkung beim Lesen: die Ereignisse nehmen zunehmend Fahrt auf, verdichten sich dramaturgisch immer mehr, betten skurrile Details ein und warten am Ende mit einem geschickten Plottwist auf, der bereits auf die zwei noch folgenden Bände einstimmt. Die Stärke des Romans manifestiert sich dabei in der glaubwürdigen Handlungsfolge, die zwar tradierte und bekannte phantastische Elemente aufgreift – wie beispielsweise in der Figur von Jennifer als ein Waisenkind, das sich bewähren muss oder einem sprechenden Drachen –, diese aber variiert und in überraschende neue Kontexte stellt. Denn insgesamt lässt sich der Roman in seinem Genre nur schwer verorten: gespielt wird mit Bausteinen der Urban Fantasy, der Phantastik aber vor allem auch der alternate history. So finden die Ereignisse in einem entzweiten Großbritannien – dem Ununited Kingdom – statt und sind unspezifisch in der nahen Zukunft verortet. Gegenstände unseres Alltags, wie ein VW-Käfer, stehen selbstverständlich neben magischen Apparaturen und Zaubersprüchen und schaffen ein  plastisches Spannungsfeld aus Analogie und Differenz. Aus diesem parodistischen Patchwork konstruiert sich ein facettenreiches Setting, das durch diverse intertextuelle Bezüge weiter ausgestaltet wird. Begleitet wird dies durch komisch absurde Einfälle – Jennifer hat beispielsweise ein Quarktier als Haustier –, und liebevolle Details, die einen spannenden Erzählkosmos auffächern. 

Neben dieser gelungenen Handlungsebene bietet der Roman aber noch zusätzliches Deutungspotential: Diverse subtile Anspielungen auf das außerdiegetische Zeitgeschehen verhandeln geschickt vorherrschende gesellschaftliche Strukturen, zeigen die Folgen von Korruption, der Gier nach Macht aber auch medienkritische Dimensionen auf der Folie des fantastischen Settings. Gleichzeitig verliert der Roman nie seinen humorvollen Duktus und sorgt für kluge Unterhaltung. Jennifer Strange ist – wie ihr Name bereits verspricht – eine herrlich erfrischende Mädchenfigur: sie handelt bedacht, selbstbewusst und kann sich ironisch schlagfertig zur Wehr setzen. Im Gegensatz zu vieler ihrer aktuellen Kolleginnen der Jugendliteratur kommt ihre Storyline ohne das obligatorische love interest aus, so dass Jennifer nicht aus vernebelten Liebesinteressen heraus handelt, sondern aus ihrer eigenen Überzeugung heraus. Dabei öffnet sich bereits subtil ein größerer Problemhorizont aus ihren persönlichen, aber auch den gesellschaftlichen Bedingungen. Vermutlich wird dies in den Folgebänden weiter verhandelt, da der erste Band seinen narrativen Bogen zwar abschließt, jedoch genügend Erzählfäden und Andeutungen offen lässt, die hoffentlich weiter ausgesponnen werden und die hinter den kleinen Ereignissen liegenden großen Zusammenhänge beleuchten.

Fazit
Insgesamt besticht der Roman neben seiner wohl konstruierten Erzähllogik durch die Verbindung aus komischen Einfällen und spannendem Verlauf. Dabei ist dieser auch klassisches Beispiel für eine Doppeladressierung, denn man kann die diversen Verweise decodieren und eine zusätzliche Ebene der Komik genießen. Folgt man diesen Hinweisen jedoch nicht, bleibt trotzdem eine spannende und gelungene Geschichte, so dass Die letzte Drachentöterin gelungene Unterhaltung für Erwachsene und Jugendliche aller Altersgruppen bietet.

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