von Simone Morgenstern

Philipp Kerr, zweifacher Preisträger des Deutschen Krimipreises  (1995 - Das Wittgenstein-Programm, 1997 – Game Over) und weiterer internationaler Auszeichnungen, behandelt in seinem neuen Roman den Kampf ums Überleben eines ukrainischen jüdischen Mädchens in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, gekonnt verwoben mit dem Schicksal einer seltenen Pferderasse, die ebenfalls auf Befehl der Deutschen vernichtet werden soll. 

Kerr, Philipp: Winterpferde
A.d. Engl. von Christiane Steen
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015.
288 S., 16,99 €
ISBN 978-3-499-21715-9

Inhalt
Sommer 1941: Der Zweite Weltkrieg und seine Schrecken erreichen nunmehr auch das ursprünglich von einem deutschen Baron errichtete, in der ukrainischen Steppe gelegene Naturschutzgebiet Askania-Nowa mit seinen seltenen Przewalski-Pferden.

Tierpfleger Max flieht als Einziger nicht vor den einrückenden deutschen Truppen, da er seine geliebten Tiere nicht im Stich lassen will. Eine SS-Spezialtruppe für "polizeiliche Sondereinsätze" unter der Führung von Hauptmann Grenzmann  erreicht als Vorhut der geplanten deutschen Invasion das Reservat. Max, der deutschen Sprache dank des ehemaligen Besitzers von Askania-Nowa, Baron Falz-Fein, mächtig, schafft es zunächst, die Deutschen ihm gegenüber milde zu stimmen. Er erfährt jedoch aus den umliegenden Dörfern von den schrecklichen Taten, die die deutschen Männer unter der ukrainischen Bevölkerung verüben.

Auch das jüdische Mädchen Kalinka hält sich im Reservat versteckt. Sie ist in ihrer 350 Kilometer entfernten Heimatstadt Dnipropetrowsk dem Massaker an der jüdischen Bevölkerung, das von den deutschen Sondereinsatz-Kommandos verübt wurde, entkommen und den weiten Weg bis nach Askania-Nowa geflohen. Eine geheimnisvolle Verbindung scheint zwischen ihr und den seit prähistorischer Zeit existierenden Przewalski-Pferden Askania-Nowas zu bestehen. Diese seltene Pferderasse hat sich nie zähmen lassen, weshalb sie in den Augen der Deutschen Zigeuner-Pferde sind, die endgültig ausgerottet werden müssen, um sich nicht mit dem „guten Blut“ anderer Pferderassen zu vermischen. In Kalinkas Augen sind die Pferde ebenso wie sie Ausgestoßene, ständig auf der Flucht und ums Überleben kämpfend.

Als Hauptmann Grenzmann schließlich in einer kalten Winternacht den Befehl gibt, alle Przewalski-Pferde töten zu lassen, wird auch Kalinkas Lieblings-Stute Börte von einer Kugel getroffen, kann jedoch mit dem Leithengst Temudschin fliehen. Kalinka will der Verletzten helfen und klopft schließlich an die Tür von Max, da sie weiß, dass er diese Pferde ebenso sehr liebt wie sie selbst. Erstmals nach dem Tode ihrer Eltern fühlt Kalinka sich willkommen, sowohl die Pferde als auch sie werden von Max versorgt. Doch dies währt nicht lange: Max weiß, dass sie nicht bei ihm bleiben können, ohne von den deutschen Truppen entdeckt zu werden. So beginnt die abenteuerliche Flucht Kalinkas, ihrer zwei Pferde und des Wolfhundes Taras über Hunderte von Kilometern Richtung Simferopol, immer die deutschen Verfolger und andere Gefahren, wie Wolfsrudel und Kannibalen, im Nacken.

Kritik
Philipp Kerr gelingt es mit diesem Roman, das stimmungsvolle Bild einer düsteren Zeit zu zeichnen, in der jedoch kleine Hoffnungsschimmer das Dunkel durchbrechen. Bereits im Vorwort weist der Autor darauf hin, dass er sein Werk als Roman und nicht als historisch korrekte Erzählung, die nachprüfbar ist, ansieht – und in diesem Sinne sollte der Roman auch gelesen werden.

Im Zentrum der linear erzählten Geschichte stehen zwei Schicksale: Jenes der 15-jährigen Kalinka und das der Przewalski-Pferde Temudschin und Börte. Darum herum gruppieren sich Charaktere, die sich sehr klar in gut oder böse einteilen lassen. Man trifft auf den gutherzigen Max, der sowohl das Mädchen als auch die Pferde retten will. Sein diabolischer Gegenspieler ist der deutsche Hauptmann Grenzmann, der auch nicht von seinen Überzeugungen abweicht, als sich das Scheitern der deutschen Armee bereits klar abzeichnet und nach wie vor dem deutschen Rassenwahn mit all seinen schrecklichen Auswüchsen anhängt. Sein Charakter ist durchaus zwiespältig: Auf der einen Seite ist Grenzmann ein Schöngeist, der reitet, malt und sich für Kunst interessiert, auf der anderen Seite ein unerbittlicher Verfolger und "Ausmerzer" dessen, was er für lebensunwert hält. Den Part des "guten Deutschen" (Kalinka wurde bereits von Max darauf hingewiesen, dass es auch diesen gäbe) nimmt zum Ende des Buches hin Joachim Stammer, Hauptmann der Zweiten Kompanie der Geheimen Feldpolizei, ein. Er ist freundlich zu Kalinka, erkennt die falsche NS-Ideologie und hilft Kalinka und ihren Pferden, den Krieg letztendlich zu überleben.

Die Geschichte, die Kerr erzählt, ist flüssig und ohne große Sprünge lesbar. Manchmal wirkt sie jedoch zu überladen, zu viel wird hineingepackt, wie etwa ein bronzezeitlicher Steinkreis mit einem prähistorischen Grab, einem Streitwagen und einer Kriegerprinzessin. Auch das Ende des Buches, in dem "die Luft des Schwarzen Meeres mit einem Crescendo männlicher Stimmen, die klangen wie ein himmlischer Chor" (S. 284) erfüllt ist, die das Lied Kalinka singen, wirkt doch sehr melodramatisch und etwas übertrieben.

Bei einigen Teilen stellt sich dem Leser darüber hinaus die Frage: Übertreibt hier Kerr nicht, um seiner Geschichte noch etwas mehr Dramatik zu verleihen oder könnte es wirklich so gewesen sein? Solche Fragen tauchen etwa in der Szene auf, in der ein hungriges ukrainisches Bauern-Ehepaar Kalinka als Eintopf verspeisen will.

„Pferdefleisch ist gut“, sagte der Mann. „Hundefleisch ist besser. Aber ein Mädchen ist das Beste. Schmeckt wie Schweinefleisch,“ Er begann sein Beil zu wetzen, wie die Frau ihm gesagt hatte […] „Wie willst du sie kochen?“ „Ich mache Würste aus dem Pferdefleisch, wie ich gesagt habe. Der Hund ergibt einen guten Braten. Mehrere gute Braten. Es ist ein großer Hund. Und das Mädchen – vielleicht ein leckerer Eintopf.“ (S. 238f.).

Trotz dieser kleinen kritischen Einwände überwiegt jedoch der positive Eindruck, den Philipp Kerrs Roman letztendlich beim Leser hinterlässt.

Fazit
Winterpferde ist ein nur bedingt als historisch zu bezeichnendes und dennoch lesenswertes Buch, das einen ersten Eindruck über das (Über-)Leben von Verfolgten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges vermittelt.

Das Buch ist aufgrund der darin behandelten Thematik für Jugendliche ab etwa 14 Jahren (8. Schulstufe) geeignet. Wahrscheinlich wäre es von Vorteil, wenn diese bereits etwas über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und des damit verbundenen Holocausts gehört hätten, um der Handlung problemlos folgen zu können, da das Buch kein Glossar enthält, in dem verschiedene im Roman verwendete Begriffe (Spezialtruppen, polizeiliche Sondereinsätze usw.) näher erklärt werden.

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