von Laura Betzler

"Als ich meinen zehnten Geburtstag feierte, war auch bei uns noch alles wie immer. Mutti nennt das 'unsere gute alte Zeit'. Aber schon einen Tag danach war die gute alte Zeit zu Ende. Futsch. Weggedampft." (S. 8). Die sozialkritische Autorin Gudrun Pausewang erzählt in ihrem Kinderbuch Hörst du den Fluss, Elin? die Geschichte zweier Geschwister, die, nachdem beide Eltern arbeitslos werden, voller Tatendrang aktiv einen Weg aus ihrer Lebenslage suchen. Auf einfühlsame Art bringt der Roman das gesellschaftlich relevante Thema der Arbeitslosigkeit Kindern gekonnt näher. Der Autorin gelingt es, Optimismus und Hoffnung durch die Familiengeschichte zu tragen und zeigt, was Solidarität und Zusammenhalt in schwierigen Abschnitten des Lebens vermögen.

Pausewang, Gudrun: Hörst du den Fluss, Elin?
Zürich, Nagel & Kimche, 1998.
154 S.
ISBN 3312008182

Inhalt

Als Elins Vater am Tag nach ihrem zehnten Geburtstag mit den Worten "In ein paar Tagen bin ich arbeitslos" (S. 36) nach Hause kommt, ändert sich für die Müllers plötzlich alles. Um ihr neues Haus mit dem großen Garten halten zu können, muss die Familie aufgrund ihrer neuen finanziellen Situation künftig sparen. Die Einschränkungen werden Elin immer bewusster: Zunächst fällt die geplante Italienreise aus und das Taschengeld von Elin und ihrem Bruder Mario wird gekürzt, dann wird ihre Kleidung fortan in Secondhand-Läden gekauft. Doch diese Veränderungen sind weniger schmerzhaft, findet Elin, als die Missachtung, die ihre Mitschüler ihr entgegenbringen sowie die zunehmende Stummheit und Verzweiflung ihres Vaters. Anfangs noch bemüht einen Buchhalterjob zu finden, wird jeder kleine Hoffnungsfunke aufs Neue erstickt, was Elins Vater immer trauriger werden lässt. Während Elins Mutter zweimal wöchentlich Gymnastikkurse gibt und zusätzlich ein paar Stunden in der Altenpflege tätig ist, geht ihr Vater lieber spazieren, am liebsten an den Fluss, um sich zurück zu ziehen und über seine "schwarzen Löcher" (S. 57) nachzudenken.

Um die Familienlage zu retten und ihre Eltern zu unterstützen, werden die Geschwister aktiv und versuchen zusätzlich Geld zu verdienen. Elin und Mario beginnen, Hunde der Nachbarn für ein kleines Taschengeld auszuführen und dann tritt Elin sogar ihr eigenes Zimmer ab, damit es eine Studentin zur Miete beziehen kann. Aber das reicht nicht als unterstützender Beitrag, finden die Geschwister und suchen nach Möglichkeiten, wie ihr Vater einen anderen Job finden kann. Heimlich setzen sie schließlich alles daran, ihre Idee zu realisieren: ein mobiler Kinderparty-Service, der das Unterhaltungstalent des Vaters nutzt und auch die Mitarbeit der Mutter braucht. Ob sich dieses "Hoffnungspaket" (S. 93) als realisierbare Marktlücke entpuppt und die Familie aus ihrer Situation retten kann?

Kritik

Die Autorin Gudrun Pausewang thematisiert in ihrem Roman Hörst du den Fluss, Elin?, der 1998 als 154 Seiten umfassende Ausgabe im Verlag Nagel & Klimche AG erschien, ein zu dieser Zeit besonders aktuelles gesellschaftliches Problem, die Arbeitslosigkeit, und beschreibt durch die Augen eines Kindes die Folgen dieser vor allem psychischen Belastung für eine Familie.

Gudrun Pausewang gilt als eine der sozialkritischsten Autorinnen Deutschlands. Über ihre Motivation sagte sie in einem Interview: "Ich will meinen Lesern, auch den jungen unter ihnen, keine heile Welt vorgaukeln, denn sie ist nicht heil." (Kriegel, 2012) In vielen ihrer Werke richtet sie sich speziell an ein junges Publikum und bereitet die Themen kindgerecht auf. Zu ihren zahlreichen erfolgreichen Kinder- und Jugendbüchern gehört auch der Jugendroman Die Wolke, für den sie 1988 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Im Jahr 2009 wurde schließlich ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Die Erzählstruktur des Romans Hörst du den Fluss, Elin? weist eine nicht chronologische Ordnung der Ereignisfolge auf, in der eine Analepse, also eine Rückblende, eingebettet ist. So gibt die Erzählung einen kurzen Einblick in die gegenwärtige Lage und beschreibt anschließend die Vorgeschichte, die den Großteil der Erzählung ausmacht. Zu Beginn schildert die diegetische Figur Elin in der gleichzeitig narrativen Erzählweise die aktuelle Situation der Familie und macht mit Bemerkungen wie "unsere gute alte Zeit" (S. 8) auf die zurückliegenden Ereignisse aufmerksam und den Leser neugierig. Anschließend wird die Rückblende mit Elins Aussage eingeleitet: "ich muss oft an die Zeit denken, als bei uns noch alles wie gewohnt ablief, an die Zeit von der ich glaubte, dass sie immer so weitergehen würde" (S. 8). Das Einbauen einer Analepse in die Geschichte wirkt dem einfachen chronologischen Erzählen entgegen und baut Spannung sowie Interesse für den Verlauf der Handlung auf.

Der Roman ist aus der Perspektive des Ich-Erzählers geschrieben, aus der Elin ihre subjektive Sicht auf die Geschehnisse schildert und den Leser an ihren Gedankengängen teilhaben lässt. Dadurch nimmt der Text eine kindliche Perspektive ein und spricht die Zielgruppe durch die angepasste Ausdrucksweise und Wortwahl verständlich und direkt an. Die im Kontext der Thematik Arbeitslosigkeit aufkommenden zentralen Fachausdrücke werden in den Text gezielt eingebettet und der noch jungen Zielgruppe nähergebracht. Wenn sich Elins Eltern mit anderen Erwachsenen unterhalten, schnappt Elin zum Beispiel Wörter wie "Sozialhilfe", "Konjunkturflaute" und "gegenwärtige Wirtschaftspolitik" (S. 59) auf und baut sie selbst in ihre Gedanken mit ein. Durch diesen Einsatz werden der Erwachsenenwelt zugeordnete Termini bereits Kindern geläufiger und ermöglicht diesen, einen realistischen Bezug zu sozialpolitischen Themen herzustellen.

Einerseits werden im Text soziale Werte wie Solidarität und Zusammenhalt stark thematisiert, die in der Familie einen hohen Stellenwert in ihrer ausweglosen Situation einnehmen. Andererseits wird im Text immer wieder deutlich dargestellt, dass die finanzielle Notlage viele negative Reaktionen hervorruft und eine starke Belastung für die Betroffenen ist. So spürt Elin in ihrem Umfeld recht schnell eine deutliche Abneigung der Mitschüler ihr gegenüber und erkennt, dass man mit einem arbeitslosen Vater "nicht mehr so viel Wert ist". Ihre Klassenkameradin Manuela, der Elin oft bei Mathe-Aufgaben geholfen hatte, stellt zum Beispiel klar: "Meine Mutti hat gesagt, Freundschaften mit Arbeitslosenkindern […], das wird nichts Rechtes. Das ist nicht der richtige Umgang. Such dir solche Freundinnen, die mithalten können…" (S. 47). Elin muss erst lernen, für ihre eigene Meinung einzustehen und die Aussagen anderer nicht so nah an sich ranzulassen.

Die Erwachsenen nehmen im Verlauf der Geschichte eine zunehmend passive und fast ohnmächtig wirkende Position ein, was den Tatendrang der Geschwister und ihre aktive Suche nach einer neuen Arbeit für den Vater noch deutlicher in den Vordergrund rücken lässt. Ihre Stellung als die eigentlichen Akteure der Geschichte unterstreicht etwa Marios Äußerung: "Wahnsinn […] Wir sind Unternehmer! Und Mutti und Vati sind arbeitslos…" (S. 79). Dies lässt die Situation an manchen Stellen bizarr und unrealistisch wirken. Gleichzeitig nehmen sie durch ihre aktive Stellung die Position der Hauptfiguren des Romans ein und helfen so dem jungen Leser, sich mit der Geschichte zu identifizieren und zielgruppengerecht anzusprechen. In den Schilderungen über die Verwandlung des Vaters, dessen anfängliche Hoffnung und Zuversicht auf einen neuen Job allmählich in Resignation und Verzweiflung umschwenkt, gelingt es der Autorin, die psychischen Auswirkungen und die Belastung für die Familie realistisch darzustellen. Die Erzählweise ohne aufgesetztes Verschönern verleiht dem Roman insgesamt eine sehr nachdenkliche Stimmung. Pausewang gelingt es zudem, den depressiven Gemütszustand des Vaters durch bildliche Beschreibungen – etwa wenn dieser als seine "schwarzen Löcher" (S. 57) beschrieben wird – anschaulich darzustellen sowie Verständnis und Mitgefühl aufzubauen. Die depressive Stimmung des Vaters, begründet in der Ausweglosigkeit der Situation, verstärkt sich im Laufe des Romans zunehmend und mündet schließlich in seinem Selbstmordversuch. Dieser dramatische Höhepunkt wird im Roman jedoch nur sehr indirekt angedeutet. Den Schwermut der Situation überlagern an dieser Stelle deutlich die Hoffnung sowie der Wille zum Neuanfang als zentrale Mittel, einen Weg aus der Aussichtslosigkeit zu finden.

Fazit

Durch die Kunst, ein schwermütiges Thema mit ausreichend Humor und Optimismus zu vermitteln, ohne dabei unglaubwürdig zu werden, ist der Roman ein gelungenes Kinderbuch mit dem Fokus auf Kindern als Protagonisten, die mit ungebremster Kreativität und persönlichem Engagement einen wesentlichen Teil zur Existenzsicherung der Familie beitragen. Pausewang schafft es, das Thema Arbeitslosigkeit durch eine geschickte Wortwahl zu veranschaulichen und ermöglicht eine frühe Konfrontation von Kindern mit diesem Thema. Das Buch ist aufgrund der kurzen Sätze und der bildlichen Sprache empfehlenswert für Kinder ab neun Jahren.


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