von Sabine Planka

Der kleine Vampir ist zurück – und mit ihm die Frage, ob Anton zum Vampir werden will oder nicht. Angela Sommer-Bodenburg liefert mit Der kleine Vampir und die Fragen aller Fragen den Abschluss der geradezu als legendär zu bezeichnenden Vampirreihe über Anton Bohnsack und seine vampirischen Freunde Rüdiger und Anna von Schlotterstein.

Sommer-Bodenburg, Angela: Der kleine Vampir und die Frage aller Fragen
Mit Illustrationen von Amelie Glienke.
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015.
232 S., 12,- €
ISBN 978-3-499-21725-8

Inhalt
Angela Sommer-Bodenburg knüpft mit dem Abschlussband ihrer Vampirreihe nahtlos an den 2008 erschienenen Band Der kleine Vampir und die letzte Verwandlung. Anton, immer noch gezeichnet durch den Biss, den ihm Olga Fräulein von Seifenschwein bei der Vampirzeremonie verpasst hat, um ihn in einen Vampir zu verwandeln – elektromagnetische Impulse bereiten ihm Kopfschmerzen, allzu grelles Licht meidet er, da seine die Augen mitunter schmerzen –, lebt inzwischen abwechselnd mal bei seinem Vater, mal bei seiner Mutter: Seine Eltern haben sich getrennt, sowohl Antons Vater als auch seine Mutter haben mit ihrem neuen Lebensgefährten jeweils neue Beziehungen. Zudem hat Anton seit 343 Nächten nichts von Rüdiger und Anna gehört – da sitzt Anna plötzlich nachts auf seinem Fensterbrett und bittet ihn, seine Sommerferien mit ihr zu verbringen. Ein Angebot, über das Anton nicht lange nachdenken muss, ist seine Mutter doch mit ihrem neuen Freund in die Berge gefahren und sein Vater arbeitet bis spät in die Nacht. Da erscheint es verlockend, die Ferien mit Anna zu verbringen. Als seine Eltern diesen Vorschlag jedoch ablehnen, macht sich Anton heimlich aus dem Staub und fliegt zu Anna, die inzwischen im Gewölbekeller in der Villa von Professor Brunner wohnt. Dessen Tochter Klara leidet unter einer besonderen Form der Lichtempfindlichkeit, die – zufälligerweise – nur durch ein Vampirmädchen, das vor Eintritt der Pubertät gebissen worden ist, kuriert werden kann.

Um Anton vor den anderen Vampiren zu schützen, malt Anna ihm ein Schutzzeichen der Vampirin Olivia von Ohnegleichen auf die Stirn, das vom Professor zunächst als Gefahr für die Vampire interpretiert wird – nicht ganz uneigennützig, sieht er doch die Hilfe für seine Tochter, die ihm Anna bietet, in Gefahr. Schließlich erkennt er, dass Anton keine Gefahr für die Vampire und besonders für Anna ist, sondern dass das Zeichen Antons eigenem Schutz dienen soll.

Im Zentrum steht jedoch die für Anton alles und damit lebensverändernde Frage, die Anna ihm drei Mal stellen kann, bevor er sich endgültig entscheiden muss: Will Anton ein Vampir werden oder nicht?

Kritik
In Der kleine Vampir und die Fragen aller Fragen versammelt Angela Sommer-Bodenburg final die Akteure, die dem Leser schon im ersten Band um den kleinen Vampir begegnet sind: Anna von Schlotterstein, Rüdiger, Anton, Tante Dorothee – und selbst Olga Fräulein von Seifenschwein gibt sich ein Stell-dich-ein. Vor dem Hintergrund der Trennung von Antons Eltern entwickelt sich der Vampirclan, besonders dessen jüngere Mitglieder, für Anton dementsprechend zu einer Ersatzfamilie, die ihn aufnimmt, als er sich seiner biologischen Familie nicht mehr zugehörig fühlt, sondern miterleben muss, dass er in den Lebensplanungen seiner Eltern immer weniger eine Rolle zu spielen scheint. Was – hinsichtlich der Realisierung von Familienstrukturen und -planungen – nur schwer vorstellbar erscheint, macht aus narrativer Perspektive Sinn und lässt Antons Entscheidung, Vampir werden zu wollen, überzeugend werden und wirken. Für den Leser wird ohnehin die Vampirgeschichte im Fokus stehen: Er wird wissen wollen, wie Antons Entscheidung ausfällt und ob sich jemand zwischen ihn und 'seine' Vampire stellen wird.

Die Figuren, die Sommer-Bodenburg dem Leser präsentiert, überzeugen auch in diesem Band in ihrer Konzeption und treiben die von einem heterodiegetischen Erzähler erzählte Geschichte voran, die narrativ in mehrerer Hinsicht anschlussfähig ist: Zum einen führt Sommer-Bodenburg die Erzählungen um Anton, Rüdiger und Anna nahtlos fort und bringt somit nicht nur die hier erzählte Geschichte, sondern die ganze Reihe zu einem logischen Ende. Zum anderen knüpft Sommer-Bodenburg an andere Vampirerzählungen an: Das Thema des Blutsaugens als medizinische Therapie findet sich bereits in Renate Welshs Das Vamperl, wo das kleine Vamperl bösartigen Menschen Gallensaft absaugt und zu umgänglichen Zeitgenossen macht, und wird somit verbunden mit dem Aderlass – den Sommer-Bodenburg hier auch direkt als Referenz einbaut – und die Humoralpathologie (auch als Vier-Säfte-Lehre bezeichnet), die bis ins 19. Jahrhundert hinein wirksam für die Medizin bleib, um einen Ausgleich der Sätze im menschlichen Körper und somit auch einen Ausgleich des menschlichen Gemüts zu erzielen.

Besonders mit ihrer Figur Anna von Schlotterstein hat Angela Sommer-Bodenburg eine Protagonistin entworfen, die sich im Laufe der gesamten Buchreihe zu einer selbstbewussten Persönlichkeit entwickelt, wie der Leser im abschließenden Werk erkennen kann. Hatte Anna früher noch ihre Milchzähne und hat daher auch nur Milch getrunken, ist sie inzwischen zu einem echten Blutsauger mutiert, der zudem den Vampirclan leitet. Sich ihrer Leitungsposition bewusst, ist sie immer unterwegs, schlichtet Unstimmigkeiten zwischen einzelnen Familienmitgliedern und kümmert sich zusätzlich um Anton, den sie in ihre Familie integrieren will. Für Leserinnen wird hier deutlich eine Identifikationsfigur geschaffen, die sich zu behaupten weiß und die ihr übertragenen Aufgaben gewissenhaft ausführt, ohne dabei altbacken oder unmodern zu wirken.

Im Zentrum aller Erzählungen – und das macht sie zu besten Abenteuergeschichten – stehen jedoch natürlich Anton und Rüdiger und ihre Erlebnisse, sei es auf dem Bauernhof, im Jammertal, an Weihnachten oder gar mit Rüdigers 'Vampirsippe', die die Geschichten gleichzeitig zu einer Freundschaftsgeschichte zwischen einem Menschen und einem Vampir werden und den Leser wohlig gruseln und mitfiebern lassen.

Daher erscheint es nur konsequent, dass sich um den kleinen Vampir ein ganzer Medienverbund entwickelt hat, aus dessen literarischem Kern sich Hörspiele, Musicals, Theaterstücke und Verfilmungen sowie Fernsehserien – bekannt dürfte wohl besonders Gert Fröbe als Friedhofswärter Geiermeier sein – entwickelt haben, die ebenfalls populär geworden sind. Es ist zu erwarten, dass sich auch der letzte Band in diesem Medienverbund wiederfinden und von Leser, Zuschauern und Hörer rezipiert werden wird.

Fazit
Angela Sommer-Bodenburg liefert mit Der kleine Vampir und die Fragen aller Fragen einen schönen und würdigen Abschluss für eine Buchreihe, von der sich Leser aller Altersstufen, die wahrscheinlich mit den Geschichten mitgewachsen sind, wünschen, dass sie ewig weitergeht.

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