von Sabine Planka

Gibt es den Weihnachtsmann? Oder gibt es den Weihnachtsmann nicht? Die Frage spaltet Jos Mitschüler in zwei Lager. Jo fasst den Entschluss, der Sache auf den Grund zu gehen – und stellt fest: Der Weihnachtsmann ähnelt Onkel Sascha…

Thorsten Nesch: Die Weihnachtsmannfalle
Ill. v. Dirk Hennig
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015
48 S., 7,99 €
ISBN 978-3-499-21734-0

Inhalt
Der sechs Jahre alte Jo muss in der Vorweihnachtszeit feststellen, dass ihm auf die Frage, ob der Weihnachtsmann existiert, keiner eine eindeutige Antwort gibt: Seine Mutter schaut bedeutungsschwanger in die Luft, seine Klassenlehrerin schweigt mit vielsagendem Gesicht und selbst seine Klasse spaltet sich auf in "die Weihnachtsmanngläubigen und die Nichtweihnachtsmanngläubigen" (S. 13). Jo beschließt auf eigene Faust herausbekommen zu wollen, ob es den Weihnachtsmann gibt und schmiedet einen Plan, um den Weihnachtsmann bei sich zu Hause zu fangen. Nach vielen Überlegungen – ein Gorillakäfig im Haus scheidet ebenso aus wie eine in den Wohnzimmerboden gesägte Falltür – hat Jo die zündende Idee: das ganze Haus wird zur Falle! Jos Plan nimmt Formen an: Die Haustür wird er abschließen und den Kamin mit seinem Fußball verstopfen, sobald er den Weihnachtsmann im Haus sieht.

Der große Tag rückt immer näher und Jos Planungen schreiten voran: Die Astgabel im Kirschbaum zurückbiegend und festbindend, platziert er den Fußball so, dass er ihn in den Kamin katapultieren kann, um dem Weihnachtsmann den Weg nach draußen abzuschneiden

An Heiligabend sind Jo und seine Eltern schließlich bei seiner Tante Anne eingeladen, die praktischerweise nur zwei Häuser weiter wohnt. Jo schleicht aus dem Haus und durch die beiden Nachbargärten, bis er schließlich den eigenen Garten erreicht. Den Fußball katapultiert er in den Kamin – zumindest hofft Jo das (vgl. S. 23) – und schleicht sich ins Haus, wo er tatsächlich auf den Weihnachtsmann trifft. Dieser erinnert ihn nicht nur an Onkel Sascha, sondern muss mit ihm schließlich auch noch um Papas Weihnachtsgeschenk ringen…

Kritik
Thorsten Nesch ist mit Die Weihnachtsmannfalle ein kurzweiliges Buch gelungen, das die Vorweihnachtszeit für kleine Leser perfekt zu verkürzen vermag und dessen Titel an das gleichnamige Buch von Christamaria Fiedler und Konrad Golz erinnert, das 1976 in der DDR erschienen ist und den Untertitel Ein musikalischer Weihnachtskalender in Liedern, Bildern und Geschichten trägt. Handelt es sich bei letzterem Buch um einen Buchkalender, der über 24 Tage hinweg fortgeführt wird und damit an aktuell boomende Weihnachtsbuchkalender erinnert, wie zum Beispiel an Schnauze, es ist Weihnachten! Eine Adventsgeschichte in 24 Kapiteln, so dreht sich Neschs Geschichte um den sechsjährigen Jo. Dieser ärgert mit Vorliebe seinen Bruder und ist um keinen Blödsinn verlegen. Während in Fiedlers und Golz' Buch jedoch die Frage im Vordergrund steht, ob der Weihnachtsmann Kinder in der großen Stadt findet, wird Neschs Geschichte von der Frage bestimmt, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt.

Allein hierdurch zeigt sich im Kleinen die Mannigfaltigkeit der Weihnachtsgeschichten, die pünktlich zu Weihnachten erscheinen und sowohl Bilder- als auch Kinderbücher bestimmen. Dabei greifen vor allem Kinderbücher die - mitunter kritischen und nachdenklichen - Fragen der Kinder auf, ob es den Weihnachtsmann gibt, wie es sein kann, dass er alle Kinder gleichzeitig beschenkt oder ob er gar Helfer hat, die an seiner Stelle die Geschenke bringen. Derartige Geschichten greifen bestehende Gedanken ihrer Leser auf und binden sie in immer wieder variierenden narrativen Konstruktionen ein.

Die Abenteuerlichkeiten, von denen Jo in 'seiner' Geschichte berichtet, um dem Weihnachtsmann auf die Spur zu kommen und die die kindliche Blickweise auf eine wirklich wichtige Frage im Leben eines Kindes verdeutlichen, lassen zudem speziell Anklänge zu an Astrid Lindgrens Streiche ausheckenden Michel aus Lönneberga, der seine Eltern ebenfalls in den Wahnsinn treibt – und nicht selten in den Schuppen gesperrt wird, wo er kleine Männchen schnitzt. Wird hier jedoch das Geschehen um Michel aus der Perspektive seiner Mutter berichtet, so ist es in Neschs Geschichte der Protagonist selbst, der den Leser in lebendiger – und manchmal etwas vorlaut wirkender – Ich-Erzählperspektive an seinen Plänen und Taten teilhaben und die daraus entstehende Situationskomik genießen lässt. Leider nutzen sich Jos doch sehr aneinander gereihte Streiche im Laufe der Geschichte ein wenig ab, zudem wirkt die Geschichte stellenweise ein wenig ‚hölzern‘ und konstruiert. Weniger Komik wäre vielleicht in diesem Fall doch mehr gewesen, für Erstleser mag dies jedoch vernachlässigbar sein zugunsten der stetig voranschreitenden Handlung.

Aus Jos Sicht und damit aus dem Blickwinkel eines sechsjährigen Jungen gewinnen auch die anderen Figuren, respektive seine Eltern, an Kontur und bringen so manchen erwachsenen Leser zum Schmunzeln, etwa, wenn sie Jo das Verbot erteilen, nicht mehr im Keller mit dem Werkzeug zu spielen, nachdem er ausprobiert hat, ob Ohrringe stabiler als ein Autoschlüssel sind und beides in den Schraubstock gesteckt hat. Derartige Situationen werden wohl manche Eltern kennen – und Kinder auch die entsprechenden Verbote, die hier zugunsten der bereits erwähnten Situationskomik abgemildert werden.

Die von Dirk Hennig gestalteten detailverliebten kolorierten Illustrationen begleiten und ergänzen die Geschichte wunderbar – schon das Buchcover in warmen Farbtönen erinnert an die Weihnachtszeit – und gehen mitunter über den Inhalt der Geschichte hinaus und liefern eigene Interpretationen der Akteure, etwa des Weihnachtsmannes, der in den Bildern wie das in den Medien immer wieder inszenierte Idealbild des rundlichen Weihnachtsmannes erscheint.

Fazit
Mit Die Weihnachtsmannfalle ist Nesch, trotz kleiner Einschränkungen, ein wunderbares Buch für die (Vor-)Weihnachtszeit gelungen, das besonders kleine Leser erfreuen und die Vorfreude auf Weihnachten steigern wird – und vielleicht die Frage aufwirft, welches Familienmitglied sich unter dem roten Mantel verbirgt. Aufgrund der Identifikationsmöglichkeit mit dem Protagonisten und dessen mitunter verrückten Ideen und Einfällen ist das Buch für Leser ab 6 Jahren geeignet.

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