von Sarah Flieshardt

"Wer in einem Buch lebt, der hat ein Leben mehr", davon ist Konstantin fest überzeugt. Und so schreibt er sich in seine ganz eigene abenteuerliche Geschichte ein und begibt sich auf die Suche nach einer geheimnisvollen weißen Gestalt im Wörterwald. Doch wird es ihm gelingen, dieses Wesen zu finden und sein Stottern zu besiegen?

 

Heckmanns, Martin: Konstantin im Wörterwald
Mit Illustrationen von Stefanie Harjes
München, mixtvision Verlag, 2015
77 S., 17,90 €
ISBN 978-3-944572-11-6

Inhalt

Konstantin, der in der realen Welt eigentlich ganz anders heißt, lebt gemeinsam mit seiner Mutter in einem Haus am Rande einer Vorstadt, nicht weit von einem Wald. Er ist klein und schmächtig, hat große, abstehende Ohren und scheint in der Schule ein Außenseiter zu sein. Zu allem Überfluss stottert er auch noch. Eines Tages nimmt Konstantin durch das Fenster seines Zimmers einen mysteriösen Gesang einer ebenso geheimnisvollen Gestalt aus der Ferne wahr. Angezogen von der bezaubernden Melodie begibt er sich mit seinem weißen Buch auf die Suche nach der Gestalt und bricht in den Wald auf. Dort begegnet Konstantin den wundersamsten Wesen, die ihm bei seiner Suche mit Rat und Tat zur Seite stehen. Doch als er auf den kuriosen Wachhund Winfried und das ungnädige Ungeheuer trifft, ist er selbst zu handeln gezwungen.

Kritik

Für Konstantin hat seine Geschichte gleich zwei bedeutende Funktionen. Das Schreiben stellt einen Akt der Befreiung dar, denn Konstantins Stottern tritt währenddessen auf magische Weise in den Hintergrund. Zugleich ist seine Erzählung selbst aber auch eine Art Vermächtnis, denn es gelingt ihm, mit ihr, auch abseits seiner fiktiven Geschichtswelt, in der realen Welt Spuren zu hinterlassen.
Im Wörterwald trifft Konstantin auf eine Schlange, die im Angesicht der Angst plötzlich zu stottern beginnt, und steht unverhofft dem von einem Sprachfehler geplagten Wachhund Winfried gegenüber. Wenn Konstantin darüber hinaus einer nahezu stummen Gestalt die Gabe des Sprechens vermitteln möchte, dann wird deutlich, dass er mit seinem Stottern nicht allein und niemand perfekt ist. Durch die präzise Figurenzeichnung Konstantins sowie der fantastischen Figuren gelingt es Heckmanns gleichermaßen, selten beleuchtete Facetten der Sprache zu thematisieren und ein entlastendes Moment für Kinder zu schaffen, die selbst unter Sprachfehlern leiden.

Auf beeindruckende Weise situiert Heckmanns seinen Protagonisten zudem in einer märchenhaften Welt, bedient er doch zugleich mehrere Motive des traditionellen Märchens. So bricht der anfänglich defizitär gezeichnete Konstantin als Auserwählter von seinem Zuhause in den Wald auf, wo er wundersamen Tieren begegnet, die ihm als Wegbegleiter zur Seite stehen. Auf seiner Reise gewinnt er zusehends an Größe und Selbstvertrauen, bis er auf das ungeheuerliche Ungetüm trifft, vor dem er sich letztlich bewähren muss, um das Stottern hinter sich lassen zu können.
Mit poetischem Geschick thematisiert Heckmanns quasi auf einer Metaebene konstitutive Merkmale des Erzählens. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte scheint sich für Konstantin das Geheimnis von Erzählzeit und erzählter Zeit ("Er schrieb schneller als er gegangen war", S. 21) zu offenbaren. Reale und fiktive Welt vermögen zudem förmlich zu verschwimmen ("Er schrieb einen Schritt und tat einen Satz.", S. 16). Und auch das Wundersam-Fantastische erscheint Konstantin völlig normal ("Er wunderte sich, dass er sich gar nicht wunderte, mit einer Fliege zu sprechen", S. 28).

Reflexiv und sensibel zugleich beleuchtet Heckmannsdarüber hinaus die Sprache in ihren vielfältigen Facetten auf eine für Kinder verständliche Weise, indem Konstantin den Leser auf seine sprachliche Entdeckungsreise in den Wörterwald mitnimmt. Thematische wie sprachgestalterische Ähnlichkeiten mit Ryans Der Träumer, dem Gewinner des Jugendliteraturpreises 2015 in der Kategorie Jugendbuch, lassen sich unweigerlich feststellen, denn auch der stotternde Neftalí wird darin zu einem poetischen Schriftsteller. Allerdings gelingt es Heckmanns in seinem ebenfalls für den Preis in der Sparte Kinderbuch nominierten Band auf eine explizitere Weise, das weite Feld der Sprache zu thematisieren. Im Wörterwald beginnt Konstantin, mit der Sprache zu spielen, sie im Schutzraum der Fiktion seiner eigenen Geschichte auszuprobieren, denn "[d]as Wort Wasser macht nicht nass" (S. 34). Er "plündert[..] seinen Wortschatz" (S. 64) regelrecht und erfindet nicht nur neue Wörter, sondern verpasst bestehenden Begriffen ungeniert einen neuen Sinn: "Ein Schriftsteller stellt Schrift. Er jagt Worte und fängt Einfälle auf" (S. 21).
Konstantins unbeschwertes Spiel mit der Sprache, seine kreativen Wortneuschöpfungen und -interpretationen spiegeln sich förmlich in den collagen- und skizzenartig gestalteten Illustrationen von Stefanie Harjes. Bild- und Textebene werden damit eins. Denn trotz des anfänglich eher düster wirkenden, kontinuierlichen Schwarz-Rot-Kontrastes erscheinen die Illustrationen durch Wischtechnik, unterschiedlich starke Linienführung sowie die Integration von Fotografie-Elementen kindlich und kunstvoll zugleich. Das Pappdesign des Bucheinbandes wirkt visuell wie auch haptisch besonders und ist typisch für die 2011 vom Verlag mixtvision ins Leben gerufene Reihe Dramatiker erzählen für Kinder. Von der speziellen äußeren Gestalt des Buches werden das kindliche Leserpublikum und das kaufende Erwachsenenpublikum gleichermaßen angesprochen.  
Im angstfreien Raum des Wörterwaldes scheut sich Konstantin zudem keinesfalls davor, sich Lücken in seinem Wortschatz einzugestehen oder offen zuzugeben, "den Unterschied […] zwischen Fluss und Bach" (S. 23) nicht zu kennen. Vielmehr gelingt es ihm, seine Eindrücke sprachlich souverän zu umschreiben, wann immer ihm die Worte fehlen. Mächtig stolz macht es ihn nicht zuletzt, wenn er die Bedeutung bestimmter Fremdwörter kennt.
Selbst das metaphorisch aufgeladene und für Kinder nicht immer leicht verständliche Feld der Redewendungen und Zitate lässt Heckmanns nicht unangetastet. So dichtet Konstantin bekannte sprachliche Wendungen kurzerhand um und sieht plötzlich "den Wald vor lauter Einzelheiten" (S. 36) nicht oder stellt philosophierend fest, dass man "nicht zweimal in denselben Fluss" (S. 34) taucht. Wann immer Heckmanns seinem Protagonisten Raum für dessen Reflexionen über die Anschaulichkeit von Bildsprache lässt, offenbart sich dem Leser nicht zuletzt Konstantins Liebe zur Sprache: "Zeit fließt, sagt man, und Zeit flieht, wenn alles schnell geht" (S. 24).

Fazit

Zu fliehen scheint die Zeit auch während des Eintauchens in Konstantins märchenhafte Geschichte über seine Reise durch den Wörterwald. Heckmanns versteht es auf beeindruckende Weise, Konstantins Wertschätzung gegenüber der Sprache in ihren vielfältigen Facetten unmittelbar auf den Leser zu übertragen. Konstantin im Wörterwald wird damit zu einem sprachsensiblen Werk für Jung und Alt. Die vom Verlag herausgegebene Altersempfehlung von 10 Jahren erscheint mit Blick auf die inhaltliche Gestaltung des Buches angemessen. Allerdings ist anzunehmen, dass Kinder ab 12 Jahren einen leichteren und besseren Zugang zu den zahlreich vertretenen sprachreflexiven und -philosophischen Elementen finden werden.

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