von Kirsten Kumschlies

"Ich habe mir als Kind geschworen: Elfriede, nie wieder! Nie wieder wirst du hungern! Nie wieder frieren! Nie wieder ohne eigene Wohnung sein!" (Elfriede Wippel) Oder: "Als ich meinen Vater fragte, warum sechs Millionen Juden ermordet wurden, hat er gesagt: 'Du sollst nicht glauben, dass wir etwas falsch gemacht haben. Wir haben nur einen anderen Glauben. Vergiss nie, dass du Jüdin bist.'" (Shoshana Lasowski). Dies sind Stimmen von Zeitzeugen, die Barbara Warning in ihrem Jugendsachbuch Kindheit in Trümmern zu Wort kommen lässt – ein eindrucksvolles Plädoyer gegen das Vergessen.

Warning, Barbara: Kindheit in Trümmern.
Ravensburg, Ravensburger 2015.
191 Seiten. 19,99 €
ISBN 978-3-473-55375-4.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

"Wir sind die Letzten. Fragt uns aus." Dieses Zitat von Hans Sahl stellt Barbara Warning ihrem Jugendsachbuch als Motto im Vorwort voran. Die Journalistin und Autorin lässt in diesem Band 22 Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs zu Wort kommen. Sie berichten von ihren Erinnerungen, die zugleich eine Mahnung sind, Kriege zu verhindern – so akzentuiert es die Herausgeberin in ihrem Vorwort (S. 7). Unterteilt ist das Buch in sieben thematische Abschnitte: Flucht und Vertreibung aus der Heimat, Verlorene Kinder, Leben in den Besatzungszonen, Überlebende im DP-Camp, Alltag in Schutt und Asche, Warten auf den Vater, Lernen in Ruinen. Der Struktur eines zeitgeschichtlichen Sachbuchs entsprechend ist ein geschichtlicher Überblick in Form einer Zeittafel vorangestellt.

In den einzelnen Abschnitten stehen die individuellen Zeitzeugen-Berichte im Zentrum, zudem gibt es ergänzende Passagen, die historische Hintergründe beleuchten, z. B. über die Gründung der SOS-Kinderdörfer für Kriegswaisen sowie Interviews mit Zeitzeugen, Auszüge aus Rezepten im Hungerwinter 1945 und einen abgedruckten Briefwechsel zwischen Kindern und ihrem sich in Kriegsgefangenschaft befindenden Vater. Eingeleitet sind die Zeitzeugen-Berichte je mit einer biographischen Notiz und einem Foto der erzählenden Person, hinzu kommen weitere Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die thematisch zu den jeweiligen Beiträgen passen. Daneben finden sich Exkurse zu Themenbereichen, die im Zusammenhang mit der erzählten Geschichte stehen, z. B. Die Panik vor den Russen oder Das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Jeder Abschnitt beginnt mit einer kurzen, sachlichen Einführung zum jeweils behandelten Themenkomplex auf je einer Doppelseite.

Kritik

Durch die beschriebene Struktur bietet Kindheit in Trümmern dem Leser eine gelungene Mischung aus historischen Details mit authentischen Einzelschicksalen an, die das schreckliche Ausmaß des Krieges in vielen Facetten spür- und nachvollziehbar macht. Die Schilderungen der Zeitzeugen sind ergreifend und lassen die Leserschaft die Schrecken des Krieges unmittelbar erfassen und vor allem auch nachfühlen. Selbstverständlich ist die Lektüre in Auszügen möglich, da die einzelnen Berichte nicht voneinander abhängen und jeder für sich alleine verständlich ist. Es lohnt sich aber – und dies gilt sowohl für jugendliche als auch für erwachsene Leser – das Buch im Ganzen zu rezipieren. Schnell wird man hineingezogen in die Unmittelbarkeit der erzählten Ereignisse.

Geschichte verliert hier jeden abstrakten Charakter, da die Schilderungen stets an den einzelnen Menschen gebunden sind. So berichtet Ursula Heller von ihrer Kindheit als sogenanntes Wolfskind in Polen, vom Verlust der Mutter, von Brennnesseln als einziger Nahrung, die ihr und ihren Geschwistern zur Verfügung stand und von Schuhen aus Bindfaden. Margret Uhle erzählt hingegen von den Misshandlungen, die sie durch den kriegstraumatisierten Vater erfuhr. Sie öffnet die Augen dafür, wie sehr auch nachfolgende Generationen noch unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten: "Diese Männer hatten entsetzliche Gewalt erfahren, die viele in der Familie weitergaben, denn anstatt die seelischen Verletzungen aufzuarbeiten, wurde geschwiegen. Neuanfang und Wiederaufbau waren wichtig. Die Vergangenheit störte dabei nur" (S. 153).

Das Buch von Barbara Warning macht somit Einblicke in eine Zeit möglich, aus der bald keine Überlebenden mehr erzählen können. Indem sie die Menschen selbst sprechen lässt, umgeht sie jeden belehrenden Tonfall und ermöglicht jugendlichen und erwachsenen Lesern damit einen authentischen Zugang zur Geschichte. Die Berichte erschüttern und machen nachdenklich, sind aber niemals so grausam, als dass man sie jugendlichen Rezipienten nicht zumuten könnte. Berührt ist hier das intergenerationelle, kommunikative Gedächtnis, auf das eine lebendige Erinnerungskultur nicht verzichten kann.

Fazit

Ein ergreifendes, wichtiges Jugendsachbuch über den Zweiten Weltkrieg, das durch Authentizität überzeugt. Ihm sind viele Leser zu wünschen – im Sinne einer Erinnerungskultur, die gegen das Vergessen und Verdrängen angeht. Empfohlen sei das Buch allen historisch interessierten Lesern ab 14 Jahren, die wissen möchten, was uns überlebende Zeitzeugen heute noch erzählen können.

 


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