von Anna Stemmann M.A.

Nach dem Tod des Autors Terry Pratchett im Frühjahr 2015, folgte im Herbst 2015 sein letztes Buch, das wieder auf der legendären Scheibenwelt spielt. Seit den 1980er Jahren hat Pratchett einen ganzen Roman-Zyklus um diesen fantastischen Kontinent gesponnen und ein umfangreiches Figurenpersonal etabliert. Die Krone des Schäfers bildet jetzt den losen Abschluss und stellt erneut die Junghexe Tiffany Weh in das erzählerische Zentrum.

Pratchett, Terry: Die Krone des Schäfers. Ein Märchen von der Scheibenwelt.
Manhatten, München 2015
ISBN: 978-3442547708
384 Seiten

ab 14 Jahren

Inhalt
Die Scheibenwelt ist ein fantastischer Kosmos, der von vier Elefanten getragen wird, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte stehen, die ihrerseits wiederum durch das Weltall rudert. Innerhalb dieser eigenen Weltordnung sind verschiedene Handlungsschauplätze und Figuren stets wiederkehrende Konstanten der Reihe, die im Laufe der Jahrzehnte von Pratchett immer weiter ausgeformt wurden. Hexen, Zauberer, der Tod und andere Wesen rückten alternierend als Protagonisten in den Fokus, während das verbindende Element immer der gemeinsame Handlungsort der Scheibenwelt war. 

Eine relativ neue Figur in diesem Gefüge ist Tiffany Weh, ihren ersten 'eigenen' Band bekam sie erst 2003. In Die Krone des Schäfers besteht sie ihr fünftes und gleichzeitig finales Abenteuer. Darin ist sie nicht mehr die junge Hexe in Ausbildung, sondern betreut nun ihr eigenes topographisches Gebiet im Kreideland, wo sie Menschen wie Tiere versorgt und sich aufopferungsvoll um alle Hexenangelegenheiten kümmert, bis sie plötzlich vor einer unerwarteten Herausforderung steht: die berühmte und inoffizielle Oberhexe Oma Wetterwachs stirbt und Tiffany wird unverhofft zu ihrer Nachfolgerin bestimmt. Sie muss nun zwei Gebiete betreuen, wofür es trotz ihres unermüdlichen Einsatzes nicht an Zeit reicht. Da kommt Tiffany die Unterstützung des jungen Gottfried, der entgegen aller gesellschaftlicher Konventionen unbedingt die erste männliche Hexe werden will, gerade zur rechten Zeit und Tiffany nimmt ihn trotz der Proteste der anderen Hexen in Ausbildung.

Parallel  zum Erzählstrang um Tiffany entspinnt sich eine weitere Nebenhandlung in der Parallelwelt der Elfen, die erneut – wie in einigen Vorgängerbänden der Scheibenwelt nachzulesen ist – auf der Scheibenwelt einfallen wollen, um die Menschen zu unterjochen. Beide Ebenen verschränken sich im Verlauf zusehends und münden im großen Finale in den alles entscheidenden Kampf um die Vorherrschaft der Scheibenwelt.

Kritik
Das Thema des Abschiednehmens ist während des gesamten Romans präsent: Zum einen ist dies der letzte Band der Scheibenwelt-Romane, zum anderen wird dies auch innerdiegetisch auf mehreren Ebenen verhandelt. So stirbt unmittelbar am Beginn mit Oma Wetterwachs eine der wichtigsten Figuren der Scheibenwelt und hinterlässt eine kaum zu schließende Lücke; dass Tiffany sich dennoch der Herausforderung stellt und Oma Wetterwachs' Nachfolge antritt und damit gleichzeitig an ihren Aufgaben wächst, gestaltet dann auch einen weiteren Abschied aus. Dieser ist nicht nur im Moment des Sterbens präsent, sondern auch in entwicklungspsychologischer Hinsicht: Tiffany Weh löst sich nun endgültig von ihrer Familie, so dass es um ihren Prozess des Erwachsenwerdens, respektive den Abschied von der Kindheit geht. Eine Entwicklung, die am Ende des Romans auch in ihrer topographischen Verortung symbolisiert wird: Tiffany zieht endgültig aus dem Kinderzimmer im Familienhaus aus und errichtet ihre eigene Hütte. Somit erzählt der Roman zwar vordergründig vom Kampf der Scheibenweltbewohner gegen die aufstrebenden Elfen, im Kern steckt darin aber vor allem der Übergang von Tiffany Weh in die Welt der Erwachsenen.

Die Stärke von Pratchetts Schreiben zeigt sich in dieser konsequenten doppelten Erzählweise. Der Handlungsverlauf, der eine solide Unterhaltung bietet, gewinnt gerade in den versteckten Anspielungen und Codierungen eine zusätzliche Tiefe, wobei diverse virulente Diskurse unseres außerliterarischen Zeitgeschehens Eingang finden in die erzählte Scheibenwelt und in das Fantasy-Setting transponiert werden.

Tiffany ist bereits in allen Vorgängerbänden Sinnbild einer emanzipierten Mädchenfigur, die selbstbewusst zupackt und für sich selber sorgt. Die Auflösung von tradierten Gender-Rollen wird in Die Krone des Schäfers jedoch noch weiter in der Figur von Gottfried zugespitzt, der die weibliche Konnotation des Berufs hinterfragt und sich auch nicht von gesellschaftlichen Zuschreibungen von seinem Wunsch, 'Hexe' zu werden, abbringen lassen will. Die Verhandlungen von sozialer Rolle und Geschlecht nimmt der Roman an vielen Stellen beständig wieder auf und zeichnet ein vielschichtiges Geflecht dieser Konstruktion und Reproduktionen nach. Daneben fließen Anspielungen auf die Entwicklungen der Industrialisierung ein, wenn die Scheibenwelt zunehmend von der Eisenbahn erobert wird – ein Thema, das vor allem der Vorgängerband ins Zentrum gestellt hat. Pratchett hat somit einen dichten Erzählkosmos entwickelt, der nicht nur Speicher und Ausdrucksmedium gegenwärtiger Diskurse ist, sondern ebenso Bezug auf historische Ereignisse nimmt und verdeutlicht, dass die einzelnen Romane im Serienverbund intratextuell miteinander verwoben sind. Dass diese Verweise mit konsequent ironischem Erzählduktus präsentiert werden, sorgt für zusätzliche Komik.

Die Scheibenweltromane sind also durchaus voraussetzungsvolle Lektüre, die mit einem gewissen Vorwissen noch mehr Freude bereitet, jedoch kommen auch jugendliche Leser dank der spannenden Geschichten auf ihre Kosten. Überzeugend ist im vorliegenden Band  auch der narrative Aufbau: Die einzelnen Erzählstränge wechseln sich immer wieder ab und installieren verschiedene Fokalisierungsebenen. Tiffany ist zwar die Protagonistin, dennoch wird nicht nur in ihrer internen Fokalisierung erzählt, sondern ebenso auf andere Figuren fokussiert. Mit fortlaufender Erzählzeit verschränken sich die einzelnen Fäden und sorgen im immer straffer werdenden Wechsel für einen gelungen dramaturgischen Aufbau, der im furiosen Finale seinen würdigen Höhepunkt und Abschluss der Reihe findet.

Fazit
Die Erzählungen um die Scheibenwelt haben mit Die Krone des Schäfers ein ausgesprochen versöhnliches Ende gefunden, denn das innerdiegetische Thema des Abschieds verweist auf der Meta-Ebene auch auf den anstehenden Abschied der langen Serie. Der Roman besticht durch seine klassische Doppeladressierung, die sowohl jugendlichen ab 14 Jahren als auch erwachsenen Lesern unterhaltsame und durchaus wehmütige Lesestunden bereitet.


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