von Sabine Planka

Sommerurlaub in einem Naturcamp für Mädchen. Charlotte kann sich nichts Langweiliges vorstellen, als sie zusammen mit sieben  anderen Mädchen nachts der Campleiterin hinterherläuft. Doch alles kommt ganz anders – und ein Road Trip ins Erzgebirge beginnt. Ein Mix aus Abenteuer, Krimi, Adoleszenzroman und ganz viel Freiheit - zurecht 2016 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte "Jugendbuch" ausgezeichnet.

Fuchs, Kirsten: Mädchenmeute
464 S., 9,99 €
Reinbek, Rowohlt 2016
ISBN 978-3-499-21758-6

ab ca. 14 Jahren

Inhalt
Die 15jährige Charlotte soll in den Sommerferien an einem Naturcamp für Mädchen teilnehmen. Zusammen mit sieben anderen Mädchen kommt sie abends im Regen im Camp an. Was sich zunächst als langweiliger Aufenthalt mit viel Arbeit anbahnt, gewinnt schnell an Fahrt, als das Gepäck der Mädchen verschwindet, die Holzhütten geflutet und die Mädchen eingeschlossen werden. Als die Campleiterin ausrastet und die Mädchen beschimpft, flüchten die Mädchen und fahren mit dem Zug Richtung Erzgebirge, wo eines der Mädchen einen Stollen kennt. Unterwegs klauen die Mädchen einen Hundetransporter und kommen so in den Besitz von sechs Hunden, die fortan ihre ständigen Begleiter sind. Im Erzgebirge angekommen, schlagen sich die Protagonistinnen durch zum Stollen, wo sie sich für die nächsten zwei Wochen einrichten und damit ihr eigenes Naturcamp errichten und die unerwartete Freiheit in vollen Zügen genießen. Ohne die Kontrolle durch Erwachsene ordnen die Mädchen ihr Leben im Wald und besorgen sich Lebensmittel, indem sie 'containern' gehen. Mit dem Wetter, den Hunden und vor allem mit sich selbst müssen sie selbst zurechtkommen. Kein leichtes Unterfangen bei so unterschiedlichen Persönlichkeiten, die auf engstem Raum zusammen leben und mit Alltäglichem und Unerwartetem konfrontiert werden. Als dann die ersten Meldungen über ihr Verschwinden aus dem Camp in den Medien auftauchen und ihr Versteck im Wald auffliegt, überschlagen sich die Ereignisse – und dann findet Charlotte ein Skelett im Stollen…

Kritik
Mit Mädchenmeute hat  Kirsten Fuchs einen rundum gelungenen Roman vorgelegt. Aus der Perspektive der autodiegetischen Erzählerin berichtet Charlotte, was sich im Camp zugetragen und wie sich das Abenteuer mit ihren Mitstreiterinnen entwickelt hat. Dabei ist offensichtlich aufgrund sprachlicher Formulierungen erkennbar, dass Charlotte oftmals mehr weiß als der Leser und auch vereinzelt Sachverhalte vorwegnimmt (vgl. S. 215: "Meine Mutter wurde Jahre später noch wütend […].") ohne jedoch die Pointe zu verraten, so dass die Spannungskurve konsequent vorangetrieben wird. Die individuelle Zeichnung Charlottes korrespondiert mit den jeweiligen Ausgestaltungen der anderen Mädchenfiguren, die jede für sich unterscheidbar werden und – obwohl Charlotte im Vordergrund steht – jeweils als starke Persönlichkeiten konzipiert sind, mit denen sich die LeserInnen identifizieren können. Auch die Campleiterin, deren Bedeutung für das Geschehen ebenso aufgelöst wird wie die Rolle, die die drei Jungen im Rahmen des Abenteuers spielen und die die Mädchen während ihres Abenteuers im Wald unerkannt beobachten, um sich erst später zu erkennen geben, erscheinen als individuell ausgestaltete Akteure.

Diese intensive und detailverliebte Ausgestaltung der Figuren – Freigunda fällt beispielsweise nicht nur durch ihren ungewöhnlichen Namen auf, sondern auch durch die Tatsache, dass sie mit ihren Eltern und Geschwistern über Mittelaltermärkte zieht und darüber hinaus auch Schnur und Teer dabei hat, um eine Fackel zu bauen (vgl. Fuchs, S. 71) – findet ihr Pendant in der wunderbaren Sprache, die Fuchs ihrem Roman zugrunde legt. Obwohl Charlotte als schüchterne und zurückhaltende Figur dargestellt wird, zeigt sich doch in ihrer Sprache eine große Reflektiertheit über das Geschehen und eine ordentliche Spur trockenen Humor, der auf philosophische Gedanken trifft und den Leser/die Leserin zum Schmunzeln und Nachdenken anregt. Sätze und Passagen wie zum Beispiel:

"Ich dachte an die Taschenlampe unten im Schacht. Es war bestimmt das erste Mal seit Hunderten von Jahren, dass dort unten ein Lichtstrahl hinkam. Und solange die Batterie hielt, gab es dort unten ein Licht, das niemand sah." (S. 121),
"Es gibt keine Freiheit außer der, die du dir aussuchst, und die wird dann dein Gefängnis." (S. 298),
"Hatte der Vogel Strauß eigentlich nie bemerkt, dass alle seinen Arsch anstarren, wenn er seinen Kopf in den Sand steckt?" (S. 423)

prägen den Roman durchweg und lassen ihn so zu einem eindrücklichen und nachhallenden Leseerlebnis werden.
Die Dreiteilung des Romans  ("Das Camp", "Der Wald" und "Die Laube") greift die drei zentralen Handlungsorte auf, wobei der zweite Teil mit 231 Seiten der längste ist und das Zusammenleben der Mädchen und die Gruppenbildungen im Wald beschreibt. Jeder Teil birgt Neuigkeiten für den Leser, so dass die Handlung konsequent vorangetrieben und schlussendlich logisch aufgelöst wird.

Fazit
Kirsten Fuchs ist mit Mädchenmeute ein mehr als überzeugender Roman für LeserInnen ab 14 Jahren gelungen, der in dieser Ausgabe erstmalig als Taschenbuch vorliegt und der die Themen Freiheit und Abenteuer ebenso wie Sehnsucht und Verantwortung gegenüber sich und anderen in den Fokus rückt. Das unabhängige Leben der Protagonisten im Wald schreit geradezu 'Abenteuer' und bietet der Leserschaft die Möglichkeit zur Identifikation mit den Protagonistinnen und deren Abenteuer. Der Roman besticht zudem durch die stringente Struktur, durch überzeugende ProtagonistInnen und eine wunderbare Sprache – und hat eine breite Leserschaft mehr als verdient! Mehr davon!

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