von  Sabine Planka

Eindrücklich entwickelt Janne Teller das fiktive Szenario eines Krieges mitten in Europa zwischen Deutschland und den umliegenden Nachbarstaaten und beschreibt das Leben einer Familie auf der Flucht. Ein Buch, das angesichts der derzeitigen Flüchtlingsdebatte nachdenklich stimmt und sich als Pflichtlektüre in Schulen bestens eignet.

Teller, Janne: Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier.
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler.
Mit Illustrationen von Hellen Vibeke Jensen.
5. Aufl., 57 S., 5,- €
dtv, München 2015 (Reihe Hanser)
ISBN 978-3-423-62557-9

für alle Altersstufen (ggf. in Begleitung älterer Leser) 

Inhalt
Ausgehend von der Frage "Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?" (S. 5) lässt Janne Teller ein fiktives Kriegsszenario mitten in Europa entstehen, dessen Mittelpunkt Deutschland ist. Den Leser direkt adressierend, wird das Leben des 14-jährigen namenlosen Protagonisten und seiner Familie beschrieben, der, Hab und Gut verkaufend, vor dem Krieg in den Nahen Osten flieht und nach sechswöchiger Reise in Ägypten ankommt. Dort angekommen, werden die Flüchtlinge in Flüchtlingslagern eingesperrt und Asylanträge geprüft. Hinzu kommen die Probleme der Flüchtlinge untereinander, die sich ergeben aus der Konfrontation unterschiedlicher Konfessionen und Nationalitäten, was für ständige Reibereien im Flüchtlingscamp sorgt. Der Protagonist würde sich gerne gegen Anfeindungen wehren, kann es jedoch nicht, da die Familie noch immer um ihren Asylstatus fürchtet.

Teller schildert die Folgen dieser sich über Jahre erstreckenden Bürokratiemühle: Der Protagonist konnte seine Schulbildung nicht fortsetzen und muss sich – nachdem der Asylantrag bewilligt wurde – mit den mühsam im Flüchtlingslager erlernten Brocken Arabisch in seinem neuen Leben durchschlagen. Der Wunsch, irgendwann nach Deutschland zurückzukehren, rückt zugleich zunehmend in unerreichbare Ferne: Obwohl der Krieg beendet ist, sind die Flüchtlinge in Deutschland nicht erwünscht, da ein Teil der Familie der Miliz angehörte und sie selbst in den Nahen Osten geflohen sind und sich nicht in Deutschland aufgehalten haben.

Das neue Leben in Ägypten gestaltet sich schwierig, der Protagonist gründet mit Karina, einer Schulfreundin, eine Familie und kann sie dank Familienzusammenführung nach Ägypten holen. Man bemüht sich, nicht mehr als Mensch dritter Klasse behandelt zu werden, während die Schwester des Protagonisten zunächst zum Islam konvertiert und schwanger wird, bevor sie ihr Kind in Deutschland zur Welt bringt und zu einem Punk wird. Der Protagonist arbeitet hart, zusammen mit der Familie versucht er, eine Existenz als Bäcker aufzubauen – mit einem nachdenklich machenden Erfolg: Obwohl die Familie nun Ansehen genießt und auf dem Markt nicht mehr die schlechtesten, sondern die besten Waren angeboten bekommt,

ist das Leben ganz anders geworden, als es hätte werden sollen. Jemand kam und stahl dein Leben und machte es zu etwas anderem. Zu etwas, was weder hier noch dort ist. Das Geld reicht nie, um deine verlorene Ausbildung nachholen zu können. Du hast auch keine Lust mehr zu studieren. Dir ist peinlich bewusst, dass du weit hinter Gleichaltrigen zurück bist. (S. 48)

Die Sehnsucht nach Deutschland, der alten Heimat, dem alten Zuhause, ist nie verblasst. Doch was ist zu Hause überhaupt…?

Kritik
Angesichts der Flüchtlingskrise ist dieses Buch, dessen Originalausgabe in Dänemark erschienen ist, aktueller denn je. Für die deutsche Ausgabe imaginiert die Autorin "

einen Zusammenbruch der Wirtschaft und des Sozialwesens der Europäischen Union [...], verbunden mit einem erstarkenden Nationalismus; zum einen, weil das heutzutage leider die vorherrschende Bedrohung für die Sicherheit der europäischen Völker zu sein scheint, zum anderen, weil dieser Essay in keiner Weise eine Nachstellung früherer Kriege sein soll. (S. 54f.; Anhang des Buches)

Da Deutschland hier den geografischen Mittelpunkt der Handlung markiert, können die Leser im deutschsprachigen Raum die Flucht aus der Heimat, das Ankommen in der Fremde, den Aufbau einer neuen Existenz in der Fremde und die immer vorhandene Sehnsucht nach der Heimat nachfühlen und nachvollziehen. Spannenderweise verläuft die Flucht des Protagonisten und seiner Familie die aus den gegenwärtigen Medien bekannte Balkanroute entlang, nur dass diese Route hier in umgekehrter Richtung verläuft: Ziel ist der Nahe Osten und besonders Ägypten.

Die Leser werden durch die Namenlosigkeit des 14-jährigen Protagonisten und durch die direkte Ansprache durch die Autorin in das Geschehen hineingezogen und können so die Flucht eindrücklich nachvollziehen. Für den Protagonisten ist es eine Flucht in ein fremdes Land, dessen Sprache er nicht spricht und mit dessen Sitten und Gebräuchen er nicht vertraut ist, etwa mit der sich von Europa unterscheidenden gesellschaftlichen Stellung von Frauen. Teller verfällt bei der nüchternen und sachlichen Beschreibung der Vorurteile und Anfeindungen, mit denen der Protagonist konfrontiert wird, dankenswerterweise nie ins Plakative.

Teller gelingt es in ihrer Erzählung, eindringlich ein Szenario zu etablieren, das den Leser nachdenklich macht und es ermöglicht, die eigene Haltung gegenüber Fremden zu überprüfen und zu hinterfragen. Gleichzeitig erweist sich ihr Buch als anschlussfähig an Bücher, die sich mit Fremdenfeindlichkeit im kinder- und jugendliterarischen Bereich auseinandersetzen, wie beispielsweise Texte dagegen. Autorinnen und Autoren schreiben gegen Fremdenhaß und Rassismus, bereits 1993 erschienen. Während in Tellers Essay, wie sie selbst ihr Werk bezeichnet, der Krieg, die sich anschließende Flucht und der Aufbau eines neuen Lebens in der Fremde im Fokus steht, stehen in Texte dagegen Beiträge im Zentrum, die fremdenfeindliches Verhalten in den Mittelpunkt stellen und auf diese Weise ebenfalls zum Nachdenken über den Umgang mit fremden Kulturen anregen.

Fazit
Janne Teller hat mit Krieg. Stell dir vor, er wäre hier ein Buch verfasst, das momentan an Aktualität kaum zu überbieten ist. Nachhaltig brennt sich das Geschehen in das Bewusstsein des Lesers, der im Alltag mit medialen Meldungen von Flüchtlingsströmen, der Entwicklung von Gesetzen um Einwanderung, Bleiberechte und Abschiebung konfrontiert wird. Tellers Buch trägt dazu bei, eine neue Blickweise auf Menschen zu ermöglichen, denen nichts anderes als Flucht bleibt, da sie um ihr Leben fürchten und die eigentlich nichts weiter wollen, als in Frieden leben und eine gute Schul- bzw. Ausbildung zu absolvieren, um später in die eigene Heimat zurückkehren zu können. Aus diesem Grund ist das Buch für Leser aller Altersstufen empfehlenswert, bei jüngeren Lesern empfiehlt sich eine gemeinsame Lektüre mit erwachsenen Lesern.

Literatur
Bartholl, Silviy (Hrsg.): Texte dagegen. Autorinnen und Autoren schreiben gegen Fremdenhaß und Rassismus. Weinheim und Basel: Beltz & Gelberg 1993 (Gulliver Taschenbuch 716).


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