von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

"Eine Frage: Wie würde es euch gefallen, wenn jemand aus eurer Familie – euer Onkel Ernie zum Beispiel – euer Zuhause in eine Fischfabrik verwandeln würde?"  Mit dieser Frage startet der besondere Kinderroman von David Almond, in dem uns ein Erzähler in die schillernde Welt des Jahrmarkts entführt und keinen Hehl daraus macht, dass diese skurrile Heldengeschichte völlig frei erfunden ist, was der Spannung aber keinen Abbruch tut.

Almond, David: Der Junge, der mit den Piranhas schwamm.
Ravensburg, Ravensburger Buchverlag 2014.
246 Seiten. 14,99 €
ISBN 9-783473-368723
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Der Waisenjunge Stanley Potts wächst in einem kleinen Hafenort bei seinem Onkel Ernie und seiner Tante Annie auf, mit denen er sich sehr gut versteht. Sie kümmern sich liebevoll um den Jungen, bis ihre kleine Welt plötzlich aus den Fugen gerät, als Ernie seinen Arbeitsplatz in der Werft verliert. Der Onkel dreht durch und funktioniert das Zuhause der Familie in eine Fischfabrik um, die alle Räume in Beschlag nimmt. Für Stan ist nur noch Platz im Wandschrank. Doch es kommt noch schlimmer: An Stans Geburtstag schickt ihn seine liebevolle Tante auf den Jahrmarkt. Sie möchte, dass ihr Junge dort einen schönen Tag verbringt. Dort lernt Stan Dostojewski kennen, den Besitzer der Entenangel-Bude, bei der die Preise traditionell lebende Goldfische darstellen. Stan fühlt sich von den Fischen beinahe magisch angezogen und handelt mit Dostojewski aus, dass er die letzten 13 verbliebenen Goldfische behalten darf, wenn er die Plastikenten putzt. Schnell entwickelt der Junge eine intensive Beziehung zu seinen Goldfischen und bezeichnet sie als "seine besten Freunde". So erschüttert es Stan – und mit ihm den Leser – massiv, als der wahnsinnig gewordene Onkel Ernie nachts die Fische stiehlt und zur Konserve verarbeitet. Nur der 13. Fisch entwischt ihm. Zutiefst getroffen von der bizarren und bösartigen Tat des Onkels verlässt Stan wortlos mit dem letzten Fisch das Haus und schließt sich Dostojewski und den Jahrmarkt-Leuten an. Fortan arbeitet er in der Entenbude.
In einem parallelen Handlungsstrang wirft die skurrile Behörde "Direktoramt zur Oberhoheitlichen Ordnungsbeschäftigung von Fisch" (kurz: DOOF) mit Clarence P. Klapp" und ordnen die Zwangsschließung von Ernies Fischfabrik an.
Unterdessen lernt Stan auf dem Jahrmarkt viele merkwürdige Gestalten kennen: den Ebermann, Kitzel-Peter, Wahrsager-Rosi, um nur einige zu nennen, vor allem aber Pancho Pirelli, der auf dem Jahrmarkt die Besucher damit beeindruckt, dass er mit seinen gefährlichen Piranhas in einem Becken schwimmt. Er bietet Stan einen Ausbildungsplatz an. Zwar fällt Stan die Trennung von Dostojewski und seiner mürrischen Tochter Nitascha schwer, da er die beiden inzwischen lieb geworden hat. Dennoch nimmt er schließlich Pirellis Angebot an und wird zum "Jungen, der mit den Piranhas schwimmt". Hier finden ihn schließlich auch Onkel und Tante wieder, die ihrem Neffen nachgereist sind. Der Verlust war für sie unerträglich, denn "in ihrem Herzen sind sie treu und gut" – mit diesen Worten schließt die skurrile Geschichte.

Kritik

David Almonds Kinderroman lässt sich in die Traditionslinie der britischen skurrilen Schauerliteratur einordnen. Der Text führt mithilfe der markierten Erzähler-Identität ein herzerfrischendes, komisches, literarisches Spiel vor, das die Lust am Fabulieren anregt und diese explizit vorführt. Zentral ist bei diesem literarischen Spaß die Raumkonzeption: Die Handlung spielt sich in drei Stationen ab, in die der Roman unterteilt ist: 1. Die Fabrik, 2. Der Jahrmarkt, 3. Das Piranha-Becken.
In der Fischzuchtgasse macht der wahnsinnige Onkel Stan das Leben schwer und verbannt ihn in den Wandschrank (ein Motiv, das unmittelbar an Harry Potter erinnert, der in der realen Erzählwelt ebenfalls im Wandschrank schlafen muss). Eine Opposition hierzu bildet der Jahrmarkt mit all seinen Freiheiten und unbegrenzten Möglichkeiten, "riesig, lärmend und hell" (S.31). Er steht als Synonym für "draußen, in der Welt" (S.28), wo Stan alle erdenklichen Freiheiten besitzt, die ihm in der Enge der zu einer Fischfabrik degradierten Heimat nicht mehr zustehen. Die Fremde bietet dem Protagonisten den Raum, sich zu entwickeln und von seiner traurigen Kindheit zu lösen. Die Negativfiguren Clarence P. Klapp und seine Jungs betrachten den Jahrmarkt als "Land der Sittenhaftigkeit und Lasterlosigkeit" (S. 206) und sehen auf das bunte Jahrmarktsvolk mit seinen skurrilen Gestalten wie Wahrsager-Rosi, Kitzel-Peter oder dem Ebermann herab.
Als explizite Gefahrenzone markiert ist die dritte Station: das Piranha-Becken. Hier kann Stan seine Persönlichkeit entfalten und wird zum wahren Helden der Geschichte, die der Erzähler zum Schluss als rein fiktiv enttarnt: "Wie auch immer ihr euch entscheidet, es ist bloß eine Geschichte. Clarence P. Klapp existiert nur auf den Seiten dieses Buches und an einem verborgenen Ort: eurer Fantasie" (S.242). Der Kinderroman spielt in besonderer Weise mit Fiktionalität und verweist die kindlichen Rezipienten durch zahlreiche direkte Leseransprachen auf den Konstruktcharakter literarischer Texte. Immer wieder wendet sich der Erzähler direkt an den Leser und fordert ihn auf, die Handlung zu kommentieren und zu reflektieren. Dadurch ist der Erzähler explizit als solcher markiert, zudem kann er den Leser auf die unendlichen Möglichkeiten verweisen, die das literarische Erzählen mit sich bringt. Die Figuren werden somit eindeutig als fiktive Figuren vorgestellt, die Handlung ist als frei imaginiert gekennzeichnet. Im Zuge dessen nimmt sich der Erzähler die Freiheit von Schauplatz zu Schauplatz zu fliegen. Am Ende fordert er den Leser offen auf, die Geschichte weiterzuerzählen: "Es ist eure Entscheidung. Wenn ihr die Geschichte schreiben würdet, was würde dann als Nächstes passieren?" (S. 242)
In erzähltechnischer Hinsicht handelt es sich um ein außergewöhnliches kinderliterarisches Werk, das unmittelbar dazu einlädt, über narratologische Fragen und literarische Spiele mit Fiktionalität nachzudenken. Auch die Handlung mit seinen schillernden Schauplätzen und liebevoll ausgestalteten Figuren machen das Buch zu einem ganz besonderen Stück Kinderliteratur. So ist vielen Kindern zu wünschen, dass sie den sensiblen Helden Stanley Potts kennenlernen, mit ihm und dem Erzähler über den Jahrmarkt streifen und ihn begleiten können bis zu seinem todesmutigen Sprung ins Piranhabecken. Wieder einmal erweist sich David Almond als meisterhafter Erzähler, der es versteht, seine Leser zu verzaubern, was er schon mit Mina bewiesen hat.

Fazit

Ein unbedingt lesenswerter Kinderroman, der mit Recht im Jahr 2014 auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch stand. Er ist für den schulischen Einsatz sehr empfehlenswert und lässt sich nutzen als kleine Einführung in die Naratologie, ebenso für die häusliche Lektüre in der ganzen Familie. Mit seinem dichten Figurengeflecht eignet er sich auch hervorragend zum szenischen Interpretieren. Da die Szene, als Ernie Stans geliebte Goldfische zu Konserven verarbeitet, den kindlichen Rezipienten aber schon starke Nerven abfordert und auch die erzähltechnische Konstruktion anspruchsvoll ist, sei die Lektüre frühestens ab 10 Jahren empfohlen.





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