Ani, Friedrich: Die unterirdische Sonne

von Nina Simone Weber

Eike brachte Maren eine Botschaft. "Du darfst jetzt sterben, denn deine Zeit ist vorbei"(S. 120). Friedrich Ani eröffnet in seinem Jugendroman Die unterirdische Sonne zutiefst menschliche Fragen: Was kann eine Seele ertragen? Wann beginnt sie, sich nach dem Tod zu sehnen? Wie geht man damit um, wenn man mit einer Situation konfrontiert wird, in der Menschen auf einmal nicht mehr menschlich sind?

Ani, Friedrich: Die unterirdische Sonne
cbt Verlag, München 2014.
334 Seiten. 16,99 €
ISBN 978-3570162-613
Empfohlen ab 16 Jahren.

Fünf Heranwachsende zwischen elf und sechzehn Jahren werden nacheinander entführt und in ein unterirdisches Verließ gesperrt. Die Täter (unter ihnen auch eine Frau) holen immer wieder Kinder einzeln nach oben. Verängstigt und traumatisiert trauen sich die fünf aber nicht, darüber zu sprechen, was dort mit ihnen geschieht. Nur mit dem nötigsten versorgt, entwickeln sie für sich Strategien, um mit der Hilflosigkeit und der Enge des Kellers umzugehen. Erst als der achtzehnjährige Noah zu ihnen stößt, ändert sich die Situation, denn Noah will sein Schicksal nicht akzeptieren. "Indem er seine Tränen besiegte – das war ihm schon als Sechsjährigem klar –, besiegte er gleichzeitig die Welt und die Menschen" (S. 171). Und diesen Sieg will er nun erneut erringen. Hatten die Jugendlichen zuvor wenig gesprochen und viel geweint, beginnen sie durch Noahs Präsenz, sich durch kurze Gespräche einander anzunähern. Schließlich spricht der sechzehnjährige Conrad aus, was alle denken: "Wir sind so feige. Wir sagen überhaupt nicht, was wir denken und fühlen. Wir tun nur so, wir alle drei" (S. 191). In Form von phantasievollen Geschichten offenbaren sich daraufhin die Lebensgeschichten der einzelnen, und der Kreislauf des Schweigens und der Ohnmacht scheint durchbrochen. Bis Noah eine verhängnisvolle Entscheidung trifft, die ihn sein Leben kostet.

 Kritik

Hält man Die unterirdische Sonne in den Händen, dann verrät das Cover zunächst nicht sehr viel über den Inhalt dieses Romans. Man sieht einen Schmetterling, der auf einem Flüssigkeitsspritzer zu sitzen scheint. Auffällig ist jedoch der Kontrast zwischen dem zart anmutenden Schmetterling und der schwarz-roten Farbgestaltung, die den Betrachter an Blut denken lässt. Der Betrachter fragt sich unwillkürlich, wie Cover und Titel zusammenpassen und erkennt erst durch das Lesen des Buches die Botschaft dahinter und erfährt somit die Aktualität des Buches.

In Friedrich Anis Roman wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Opfer von Straftaten gelenkt, mit denen Kinder und Jugendliche in den Medien immer wieder konfrontiert werden. Die Täter werden entpersonalisiert, um die seelischen (und auch körperlichen) Verletzungen der Kinder und Jugendlichen auf drastische Weise in den Fokus zu rücken. Der Leser kann sich so unmittelbar in die Schicksale der Jugendlichen hineinfühlen. Dies gelingt jedoch nicht immer, obwohl durch die personale Erzählweise Gefühls- und Gedankenbruchstücke der Entführten offenbart werden. Viel indirekte Rede und kurze, oft sehr sachlich klingende Sätze sowie der häufige Erzählerwechsel zwischen personalem und neutralem Erzähler machen es nicht leicht, den Gedankengängen und der Handlung zu folgen. "Wie blöd war das eigentlich? Taucht sein Vater im Dorf auf, bringt alles durcheinander, säuft wie blöd und will Kohle. Eike schmückte die Geschichte inzwischen aus. Das bedeutete nicht, dass sie deswegen nicht mehr stimmte." (S. 25)

Stattdessen wird durch Anis Schreibstil ein ‚Kopfkino‘ in Gang gesetzt, das die Leerstellen im Buch zu schließen versucht. Was geschieht, wenn jemand nach oben gebracht wird? Planen die Entführer tatsächlich, keinen am Leben zu lassen? Werden die Jugendlichen an ihrem Schicksal zerbrechen? Das Nachdenken über diese Fragen mutet dem Leser viel zu, weshalb das auf der Rückseite empfohlene Lesealter für Jugendliche ab 16 Jahren angemessen ist.

 Spürbare Spannungshöhepunkte lässt der Roman dennoch lange vermissen. Erst mit dem Auftauchen Noahs verwandelt sich die die Jugendlichen lähmende Hoffnungslosigkeit in aufkeimenden Lebensmut. Noahs Tod trifft den Leser mit Wucht und holt ihn in den Keller zurück, erschien doch vorher das gegenseitige Geschichtenerzählen als Flucht aus der Grausamkeit der Situation. Hier eröffnet sich dem Leser auch die Bedeutung des Covers: Als Noah an der Reihe ist, eine Geschichte zu erzählen, erfährt man das erste Mal vom elektrischen Schmetterling, in dem Noah sich selbst sieht, weil der Schmetterling seine Feinde töten könnte. "Und die Sonne wär da und nirgends wär Finsternis mehr, ihr Kinderlein alle. Nirgends ein Keller" (S. 262). Das hier von Ani gewählte Bild ist zwar eindrucksvoll, funktioniert aber im Zusammenhang nicht. Man fragt sich unweigerlich: Warum ein Schmetterling? Und vor allem: Warum ein elektrischer Schmetterling?

Die durch Noahs Geschichte entstehende Hoffnung, die mutmaßlich wie eine unterirdische Sonne für die Gefangenen ist, wird durch den Tod Noahs zunächst im Keim erstickt. Das dann folgende Ende ist dem Vorangegangenen gegenüber dann aber sehr knapp und unglaubwürdig erzählt, was den Roman insgesamt abwertet. Das plötzliche Auflehnen der Gefangenen wirkt zu einfach, bedenkt man die zuvor erzeugte Hilflosigkeit. Das nicht-existente Happy End zerstört zudem die bis dahin unterstellte Botschaft einer Verarbeitung der Dinge. Nach der letzten Seite bleibt der Leser mit vielen offenen Fragen und ohne Anhaltspunkte zur Deutung von Anis düsterer Erzählung zurück.

 Fazit

Insgesamt basiert Die unterirdische Sonne auf der aufwühlenden Idee, die Geschichte einer Entführung und Misshandlung aus der Sicht der Opfer zu erzählen, die sich (zum Teil) im Alter der Leser befinden. Ein solch sensibles Thema in einem Jugendroman zu behandeln, erfordert viel Fingerspitzengefühl. Friedrich Ani kann diesem Anspruch nur teilweise gerecht werden. Er verpasst es in Die unterirdische Sonne, seine Leser gänzlich in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten vordringen zu lassen. Die häufig zu sachlichen und knappen Schilderungen des neutralen Erzählers verhindern ein Überwinden der Distanz zu den Einzelschicksalen. Oft fällt es schwer, dem Verlauf des Romans zu folgen und der Schluss wirkt unglaubwürdig. So ist die Altersempfehlung ab 16 Jahren zwar angemessen, jedoch verschließt sich auch erwachsenen Lesern Anis Botschaft. Dem Leser drängt sich die Frage auf, ob es realistisch ist, dass keiner der Jugendlichen glaubt, in sein altes Leben zurückkehren zu können. Wie passt dieses resignierende Verhalten zu dem starken Überlebenswillen, der sie aus dem Keller gebracht hat? Das Zitat aus einem Lied der Band Rammstein am Ende des Buches verwirrt den Leser zusätzlich:

 „Ich bin die Stimme aus dem Kissen

Ich singe bis der Tag erwacht

Ein heller Schein am Firmament

Mein Herz brennt“ (S.334)

 

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