von Sabine Planka

Es gibt Bücher, bei denen man sich wünscht, sie mögen nie zu Ende gehen – und bei denen man es gleichzeitig bereut, sie nicht eher gelesen zu haben. Genauso ein Buch hat Anne Freytag mit Mein bester letzter Sommer vorgelegt und überzeugt mit einer tragisch-komischen Liebesgeschichte um die todkranke Tessa, die zu Herzen geht, ohne dabei kitschig zu werden oder ins Rührselige abzudriften.

Freytag, Anne: Mein bester letzter Sommer
368 S., 14,99 €
Heyne fliegt, München 2016
ISBN 978-3-453-27012-1

ab 14 Jahren

Inhalt
Tessa wird sterben. Ein irreparables Loch im Herzen, eine fehlende Lungenschlagader und zudem die Blutgruppe 0 negativ machen die Aussicht auf einen Spender unmöglich. Und so schluckt Tessa, die sich bereits mehreren Operationen hat unterziehen müssen, Medikamente und wartet auf den Tod. Doch dann geschieht etwas, womit Tessa nicht gerechnet hat: Sie verliebt sich unsterblich in Oskar. Obwohl sie diese Liebe zunächst nicht zulassen will, bleibt Oskar, der sich ebenfalls Hals über Kopf in Tessa verliebt hat, hartnäckig und gibt nicht auf, bis er Tessa zunehmend gewinnen kann.

Und Oskar schafft etwas, womit weder Tessa noch ihre Eltern und geschweige denn  ihre Schwester gerechnet hätten: Oskar erinnert Tessa an ihren Traum, eine Weltreise zu machen. Es wird zwar keine Weltreise, zu der die beiden aufbrechen, aber eine Reise nach und durch Italien. Die wirkt Wunder und Tessa blüht auf, nähert sich Oskar an und lässt so die zarte Liebe erblühen und erstarken. Doch auch Oskar hat ein dunkles Geheimnis, das er Tessa schließlich gesteht.

Es beginnt Tessas "bester letzter Sommer", in dem alles möglich scheint, und der doch überschattet ist von ihrer Krankheit, der Tessa durch Herzanfälle zunehmend immer mehr an den nahenden Tod erinnert, dem sie hilflos aufgeliefert ist.

Kritik
Anne Freytag hat mit Mein bester letzter Sommer einen Debütroman für Jugendliche vorgelegt, der auf allen Ebenen überzeugt und der sowohl die Höhen als auch die Tiefen im Leben einer von Krankheit gezeichneten Protagonistin zeigt. Den Roadtrip, auf den Anne Freytag ihre Protagonisten schickt, kombiniert sie mit einer Liebesgeschichte, die sich vor dem Hintergrund von Tessas Krankheit entwickelt und – der Logik des Plots folgend – tragisch mit Tessas Tod enden muss.

In den logisch durchdachten Plot und die wohlkonstruierte Story fügen sich die Protagonisten ein, die den Leser sofort für sich vereinnahmen und die die Handlung vorantreiben, allen voran die 17-jährigeTessa, vom 19-jährigen Oskar im Wechsel Tes oder Krabbe genannt – Krabbe, weil sie immer wieder rot anläuft. Als autodiegetische Ich-Erzählerin ist es Tessas Geschichte, die über 310 Seiten erzählt wird, bevor es ein Perspektivwechsel dem zweiten autodiegetischen Ich-Erzähler Oskar ermöglicht, im Wechsel mit Tessa die letzten Stunden ihres gemeinsamen Abenteuers zu erzählen – und der mitbekommen muss, wie Tessa auf ihrer Reise zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht wird, wo sie schließlich stirbt. Anne Freytag gelingt es, den Spagat zwischen Tragik und großer Liebe vor dem Hintergrund der schweren Krankheit Tessas zu halten und lässt ihre Protagonisten ihre Emotionen auskosten und den Leser diese Emotionen mitfühlen.

Trotz der Trauer, von der sowohl Tessa als auch Oskar immer wieder überfallen werden, wartet das Buch mit komischen Szenen auf, die den Leser befreit auflachen lassen, z.B.:

„Wir sind in knapp einer Stunde in Riva del Garda“, sagte er, während ich die durchsichtige Schutzfolie von einer dreieckigen Plastikverpackung abziehe und eine Sandwichhälfte herausfische. Hühnchen, Salat und ein hartgekochtes Ei zwischen zwei labbrigen Scheiben Vollkorntoast. Es sind die perfekten Sandwiches für unseren Roadtrip. Wäre ich mit meinen Eltern unterwegs, hätte ich jetzt ein gesundes Brot in den Händen. Mit frischen Tomaten und herzhaftem Bergkäse. Der Rosmarinschinken wäre hauchdünn geschnitten und die Butter gesalzen. Meine Mutter hätte den Proviant mit Liebe und aus einhundert Prozent Biokost zubereitet. Und ja, zugegeben, sie wären mindestens dreitausendmal besser als diese Bombe aus Geschmacksverstärkern und Konservierungsstoffen, aber sie hätten eben auch nicht diesen billigen Schick der Straße, der mir in diesem Moment ein Lächeln auf die Lippen zaubert. „Krabbe?“ „Ja?“ Ich schaue kurz zu Oskar hinüber, der mich interessiert und vielleicht ein bisschen skeptisch von der Seite mustert. Ich sehe ihn fragend an. „Was?“ „Gibt es einen Grund, warum du das Toastbrot so verliebt anlächelst?“, fragte er mit hochgezogenen Brauen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du flirtest mit ihm.“ (S. 196/197)

Und doch hat das Buch auch seine ernsten und geradezu philosophischen Seiten und überzeugt durch seine unverkrampfte Sprache, die mal leicht, mal tiefgründig daher kommt und den Leser in seinen Bann zieht. Es fallen Sätze wie: "Vielleicht gibt es ja doch einen Gott. Und er muss mich wirklich gern haben, denn er hat mir Oskar geschickt." (S. 134), oder:

Das Warten auf den Tod ist das, was ihn so schlimm macht. Ich glaube, der Tod ist freundlich. Er holt uns ab und begleitet uns. Zumindest möchte ich das glauben. Nur das mit dem Sterben, das ist so eine Sache. Denn, wenn wir begreifen, was wir hinter uns lassen, wenn wir erst sehen, was uns immer von dem abgelenkt hat, was wir wirklich wollten oder wir kapieren, dass wir nie die wurden, die wir werden wollten, bleibt das Bedauern. Das, was mir am meisten leidtut, ist, dass ich erst sterben musste, um zu verstehen, wie wunderbar das Leben sein kann. (S. 182)

Die Geschichte und die Art, wie sie erzählt wird – locker und gleichzeitig ernst –, erinnert unweigerlich an John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter, deren Protagonisten die letzten Wochen und Monate ihres Lebens auskosten, weil sie verstanden haben, was das Leben ausmacht und dass es auf die Dinge im Leben ankommt, die man gemacht und genossen hat. Auch der Film DAS BESTE KOMMT ZUM SCHLUSS  (OT: THE BUCKET LIST, 2007, R: Rob Reiner) mit Morgan Freeman und Jack Nicholson lässt sich hier einordnen, thematisiert er doch ebenfalls die letzten Monate im Leben zweier Protagonisten, die vor dem Hintergrund unheilbarer Krankheiten alles auf eine Karte setzen und das Leben noch einmal herausfordern und auskosten.

Abgerundet wird das Buch durch die Reiseroute von Tessa und Oskar, die sich im vorderen Vorsatz des Buches befindet, und durch die Playlist der Lieder, die Tessa und Oskar während ihrer Reise hören oder die ihnen in besonderen Situationen in den Sinn kommen, im hinteren Vorsatz des Buches. Gerade die Playlist transportiert die Emotionen der Protagonisten und überträgt sie auf den Leser, wenn er sich selbst diese Playlist zusammenstellt und anhört.

Fazit
Tragisch und mitreißend, komisch und tiefgründig, traurig und heiter, unverkrampft und ernst: Freytags All-Age-Roman, der sich aufgrund der Thematik und der schonungslosen Darstellung der Thematik für Leser ab 14 Jahren eignet, vereint all dies und treibt dem Leser Tränen in die Augen und zaubert ein Lächeln auf die Lippen. Eine Geschichte, die zum Nachdenken über das Leben anregt – und bei aller Trauer Lust auf das pure, unverfälschte Leben macht. Man wünscht sich mehr solcher Geschichten!


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