von  Dr. phil. Sabine Planka

Lara chattet seit Wochen mit Christian. Doch als er plötzlich Beleidigungen, die sich direkt an Lara richten, offiziell auf Facebook postet und diese Posts auch noch geliked werden, versucht Lara sich umzubringen. Ihr Selbstmord scheitert, doch nach und nach zeigt sich, wer der wahre Täter ist. Ein aufrüttelnder Roman über Cybermobbing für Leser ab 12 Jahren.

Darer Littman, Sarah: Die Welt wär besser ohne dich
A.d. Amerikanischen von Franziska Jaekel
384 S., 14,99 €
Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2016
ISBN 978-3-473-40135-2

ab 12 Jahren

Inhalt
Lara und Christian De Witt chatten seit Wochen per Facebook miteinander. Lara, die in der Vergangenheit aufgrund ihres Gewichts in der Schule gehänselt und von ihrer Mutter gedrängt wurde, abzunehmen, fühlt sich glücklich und scheint ihre Depressionen vergessen zu haben. Doch plötzlich ändert sich alles: Aus dem vertrauten Schreiben im geschlossenen Chat und ersten zaghaften Flirtversuchen wird plötzlich eine öffentliche Hasstirade gegen Lara, die auch noch von Schulkameraden geliked wird. Lara ist verzweifelt und versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Ihr Selbstmordversuch scheitert – und verändert von nun an das Leben ihrer Schwester Sydney, genannt Syd, ihrer Mutter und ihres Vaters, die sich so sehr sorgen, dass sie Lara nicht mehr aus den Augen lassen und sie überallhin begleiten. Während sich Lara immer mehr zurückzieht, versucht Syd ihr Leben normal weiterzuleben, was ihr mehr schlecht als recht gelingt, da sich alles – immer wieder – um Lara dreht. Laras Mutter, als Politikerin Mitglied im Stadtrat, ist zerrissen zwischen den Sorgen um Lara und ihren politischen Aufgaben. Zusätzlich versucht sie, ihre Familie irgendwie zusammenzuhalten und nach außen eine heile Welt zu präsentieren, die ihrem Erfolg als Politikerin zugute kommt. Laras Vater sorgt sich auf seine Weise um Lara: Er ist besessen von all den Kindern und Jugendlichen, die hämische Kommentare geschrieben haben und gepostete Bilder von Lara auf der Krankenliege geliked haben.

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf – und fördert Erschreckendes zutage: Christian De Witt gibt es gar nicht. Und Laras ehemals beste Freundin gerät ins Visier der Ermittler. Die Ereignisse überstürzen sich – und nun ist es nicht mehr Lara, die gemobbt wird…

Kritik
Selten finden sich Bücher, die so eindringlich und vielschichtig das Thema Cybermobbing in den Mittelpunkt einer Erzählung rücken, wie es Die Welt wär besser ohne dich tut. Differenziert kommen alle beteiligten Jugendliche zu Wort: Die Autorin verknüpft multiperspektivisch die Ich-Perspektiven Laras, Sydneys, Brees und Liams, Brees Bruder, miteinander und lässt ein vielschichtiges Bild einer unverständlichen Tat entstehen, dessen Motivation einer banalen Alltagssituation entsprungen ist. Während Lara in das Cheerleaderteam aufgenommen wurde, wurde Bree ausgeschlossen und entwickelt ihren persönlichen, virtuell geführten Rachefeldzug gegen Lara, an dem sich nicht nur Brees Freundin Marci beteiligt, sondern – und das macht das Mobbing so perfide – schließlich auch Brees Mutter (vgl. S. 187), die als Immobilienmaklerin arbeitet und hier die Möglichkeit sieht, sich an Laras Mutter zu rächen, weil sie nach ihrem Wahlkampf nichts mehr hat von ihr wissen wollen.

Leidtragende in diesem ganzen Szenario sind die unbeteiligten Geschwister Sydney und Liam sowie die beiden Väter, die jeder auf seine eigene Weise auf das Geschehen reagiert und versucht, die Ereignisse  zu verarbeiten: Während Syd und Liam – der auch noch verprügelt wird, weil er Brees Bruder ist – miteinander reden und sich gegenseitig Halt geben, sich schließlich sogar ineinander verlieben, ist Laras Vater besessen von all den Jugendlichen, die Laras Selbstmordversuch auf Facebook geliked haben und erstellt Listen, mit denen er das Problem systematisch versucht zu lösen. Als er erfährt, dass Bree und ihre Mutter Lara im Grunde in den Selbstmordversuch getrieben haben, rastet er aus und geht Brees Mutter beinahe an die Kehle. Auch Brees Vater reagiert emotional: Er ist enttäuscht, fassungslos und traurig über das, was Bree getan hat:

„Es ist so, Schatz, du hast einen Riesenfehler gemacht. Du hast etwas ganz Dummes und absolut Falsches getan. Und jetzt musst du mit den Konsequenzen leben.“ Sein trauriger, enttäuschter Blick ist viel schlimmer als jede Strafpredigt. „Ich wünschte, Du hättest dir Zeit genommen, über die Konsequenzen deines Handelns nachzudenken, bevor du es getan hast.“ Er seufzt. „Leider hat auch deine Mutter nicht darüber nachgedacht.“ (S. 284)

Genau das ist es, was das Buch – neben einer spannenden Story – leistet: Es fordert auf, an Konsequenzen zu denken und die Folgen von Handlungen zu berücksichtigen. Jede Aktion zieht eine Reaktion nach sich und genau das lernt Bree auf bittere Weise: Schlussendlich wird sie gemobbt und wechselt die Schule, um nicht mehr den Anfeindungen ausgesetzt zu sein, hat es aber auch an der neuen Schule nicht leicht.

Sarah Darer Littman entwickelt aus einem klaren Plot eine komplizierte und engmaschig verwobene, gleichzeitig jedoch realistische Story, die sich formal stringent entwickelt und gleichzeitig inhaltlich einerseits befeuert wird durch die Motivationen der einzelnen Akteure, die jeder für sich genommen nach Gründen suchen, um ihr Handeln zu rechtfertigen, andererseits auch durch das Verhalten der Medien vorangetrieben wird, die sich auf das "Mutter-Tochter-Mobbingteam" (S. 270) und "Monster-Mum" (S. 279) stürzen und das Mobbingszenario in TV-Shows, Nachrichten und Radiosendungen ausschlachten wollen und beide Familien mit Übertragungswagen belagern. Somit ist es nicht nur eine Geschichte über persönliche Wünsche, Begierden und Befindlichkeiten, sondern auch eine Geschichte, die die Rolle und Relevanz der von Menschen genutzten Medien in den Fokus rückt und nicht nur deren Nutzen, sondern auch deren Missbrauchspotential in den Fokus rückt. Neben TV und Radio ist es das Internet im Allgemeinen und Facebook im Besonderen mit all den Möglichkeiten, die auf der einen Seite positiv sind, andererseits aber eben auch ins Negative umschlagen können: Im Internet ist es für Bree ein Leichtes, einen Fakeaccount zu erstellen, um Lara zu täuschen und um ihr so eine Abreibung zu verpassen.

Gleichzeitig bricht der Roman zudem ein Tabu und zeigt, dass es durchaus hilfreich sein kann, sich professionelle Hilfe bei Therapeuten oder Psychiatern zu holen, wenn man mit Dingen im Leben nicht (mehr) alleine klar kommt. Gerade für Lara bedeutet diese Hilfe zunehmend eine echte Chance auf ein normales Leben, als sie bereit ist, diese Hilfe wirklich anzunehmen.

Die Handlung erstreckt sich über drei Teile und einen Epilog, der zweite Teil ist eine Rückblende, die das Geschehen vor Laras Selbstmordversuch darstellt und auch hier die unterschiedlichen Akteure zu Wort kommen lässt. Hier erfährt der Leser auch erst, dass Bree sich als Christian De Witt ausgibt und sich diesen ‚Charakter‘ ausdenkt, und erkennt so erst die Dimensionen von Brees Tat. Im dritten Teil, der wieder in der Gegenwart spielt, erfährt der Leser schließlich von den Auswirkungen von Brees Tat auf beide Familien und erlebt, wie sich plötzlich die Verhältnisse drehen und Bree zum Mobbingopfer wird, so dass auch sie sich verändert: Sie ritzt sich mit einer Schere die Unterarme auf (vgl. S. 359) und färbt sich die Haare (vgl. S. 353ff.), um – unbewusst – auf ihr Inneres und ihre Gefühle und Probleme hinzuweisen.

Die Sprache des Romans transportiert – dank der mehr als gelungenen Übersetzung – die jeweiligen Emotionen der Protagonisten und verleiht jeder Person zusätzlich zur gelungenen Figurenkonzeption Individualität und eine Identität, die der Leser nachempfinden kann. Durch die Tatsache, dass alle Personen das Geschehen aus ihrer jeweiligen Ich-Perspektive schildern, bietet sich dem Leser die Möglichkeit, alle Personen/Positionen nachempfinden zu können. Ob man sie teilt, bleibt jedem Leser selbst überlassen.

Fazit
Die Welt wär besser ohne dich ist ein mehr als gelungener Roman, der sich des Themas Cybermobbing annimmt und nicht nur die Rolle der beteiligten Personen thematisiert, sondern auch die Rolle der Medien – über Facebook hinausgehend –, die das fortsetzen, was in Facebook seinen Anfang genommen hat und damit das Mobbing auf einer anderen Ebene fortsetzen.

So wird es Lesern ab 12 Jahren ermöglicht, ein Bewusstsein für die Problematik zu entwickeln. Gleichzeitig scheint der Roman – trotz seines Umfangs – als Schullektüre geeignet, um das Thema des Buches dort zu besprechen, wo es angesiedelt ist: in der Schule.

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