Flechsig, Dorothea: Sandor - Not macht erfinderisch

von  Dr. phil. Sabine Planka

Der dritte Band um die sprechende Fledermaus Sandor und ihren Menschenfreund Jendrik kreist um neue Lehrer in der Schule und überraschende Wendungen in Jendriks Familie: Sowohl ein neuer Vierbeiner als auch die neue Familie von Jendriks Papa bringen den Alltag des Protagonisten und den seines Bruders Tom gehörig durcheinander.

Flechsig, Dorothea: Sandor – Not macht erfinderisch
Illustrationen von Katrin Inzinger
140 S., 12,95 €
Glückschuh Verlag, Falkensee 2015
ISBN 978-3-943030-33-4

ab 6 Jahren

Inhalt
Im Urlaub in Rumänien, Sandors Heimat, den Jendrik dort mit seinem Bruder Tom, seiner Mutter Freyja und deren neuen Freund Hans verbringt, läuft Tom ein kleiner Welpe zu, den er auf den Namen Lupo tauft und mit nach Deutschland nimmt. Zurück in der Heimat bleibt kaum Zeit, sich an Lupo zu gewöhnen – der zudem schnell registriert, wenn Sandor in der Nähe ist und ihn anbellt –, da Jendriks Vater mit seiner neuen Frau und der 19 Tage alten Pia vor der Tür steht. Jendrik ist verzweifelt, hat er sich doch gewünscht, seine Eltern würden wieder zusammenziehen, und versucht sich einzureden, dass sein Vater ohnehin lieber eine Tochter gehabt hätte. Doch Sandor ist da und spricht Jendrik zu, dass er ein toller Sohn sei und sein Vater ein dummer Mann wäre, wenn er Jendrik nicht lieb haben würde (vgl. S. 65). Zudem beschäftigt Jendrik zunehmend die Frage, ob er zu seinem Vater nach Norwegen ziehen soll bzw. ob er das überhaupt noch will, vor allem, da er seinen Vater bereits gefragt und auch eine Antwort erhalten hat, in der sein Vater schreibt, dass er sich darüber sehr freuen würde.

In der Schule lenkt ihn dann – ein zweiter Themenbereich – ein Lehrerwechsel von seinen Problemen zu Hause ab: Statt Frau Schmidt, die offiziell krankgeschrieben ist, wird seine Klasse nun vom neuen Rektor Herrn Lersikow unterrichtet, der von der Klasse Leistungen erwartet und sie mit Hausaufgaben überschüttet. Jendrik und seine beste Freundin Lilli finden heraus, dass Frau Schmidt aufgrund eines Zerwürfnisses zwischen ihr und dem neuen Rektor zur Zeit nicht an der Schule ist, da sie mit dem Leistungsdruck, der künftig auf die Schüler ausgeübt werden soll, nicht einverstanden ist und sich offen dagegen ausgesprochen hat. Jendrik erkennt zudem, dass seine Lehrerin auch andere Seiten hat, will sie doch in der Schule eine Zauber-AG einrichten, um ihren ehemaligen Schülern weiterhin nahe sein und in ihrer Entwicklung unterstützen zu können.

Als Freyjas Freund Hans, der Psychologe ist und Jendriks Klassenkameraden Friedrich in seiner Entwicklung unterstützt, von dem Leistungsdruck erfährt, schreibt er einen Artikel zu diesem Thema und interviewt auch Frau Schmidt, die ihre Meinung klar äußert.

Am Ende geht – natürlich – alles gut aus: Frau Schmidt darf ihre Klasse wieder unterrichten und überlegt gemeinsam mit ihren Schülern, wie man auf eine verträgliche Art den Notenspiegel der Klasse anheben kann. Und Jendrik entscheidet sich dafür, zunächst nur die Urlaube bei seinem Vater zu verbringen, da er seine Mutter, seinen Bruder und auch seine Freunde nicht verlieren möchte.

Kritik
Dorothea Flechsig greift in ihrem Buch Sandor – Not macht erfinderisch ein brisantes, nicht zu unterschätzendes Thema auf, nämlich das des Leistungsdrucks, unter dem Schüler häufig stehen und der gleichzeitig auf sie ausgeübt werden kann. Flechsig lässt speziell dazu in einem Nachwort den Kinder- und Jugendarzt Dr. Christoph Meinecke zu Wort kommen, der sich nicht nur zu dem Thema Leistungsdruck äußert, sondern auch den inneren Druck und die Zerrissenheit thematisiert, die Jendrik aufgrund der Trennung seiner Eltern verspürt: Wem kann, wem soll er es recht machen, wo er doch beide Elternteile gleich lieb hat und auf keinen verzichten will und sich genötigt fühlt, eine Wahl treffen zu müssen.

Dass Flechsig nicht nur ein Nachwort eines Psychologen aufgenommen hat, das sich an Kinder richtet, sondern direkt einen Psychologen in ihre Geschichte integriert hat, der sich sowohl um Jendriks Klassenkameraden Friedrich kümmert, der dem Druck nicht so gut standhalten kann und Unterstützung braucht, als auch Jendrik und Tom beisteht und deren Mutter Freyja „berät“ und ihr Tipps gibt, was die beiden Jungs in ihrer Entwicklung stärken kann, schafft beim Leser ein Bewusstsein für die Problematik und eröffnet so gleichzeitig die Möglichkeit, über eigene Probleme zu reden, sich zu öffnen, aber auch Hilfe anzunehmen. Gleichzeitig bietet das Buch so die Möglichkeit für die Leserschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und sich selbst zu fragen, ob man einem derartigen Druck ausgesetzt ist.

Neben dem (Leistungs-)Druck ist ein zweites Thema, das der heterodiegetische Erzähler dem Leser präsentiert, das der Patchworkfamilie, das einigen LeserInnen bekannt vorkommen könnte und bereits Eingang in so manches Buch gefunden hat (Link zur Rezension von „Ella und Max“ einbauen). Der Umgang bzw. die Rollenfindung mit/in diesen neuen Familienkonstellationen ist nicht einfach für Kinder und wird von Flechsig kindgerecht verständlich und nachvollziehbar präsentiert. Fragen werden aufgeworfen, wie z.B.: Hat mich das eine Elternteil noch lieb, wenn ich beim anderen wohnen bleibe?  Sorgen und Nöte werden thematisiert und haben hier ihren Platz, werden sie doch auf der sprachlichen Verständnisebene der Leserschaft thematisiert und gelöst.

Die überzeugend konzipierten Protagonisten – jeder hat seine individuellen Eigenheiten und zeichnet sich aus durch gelebte Emotionen, die vom Leser/der Leserin nachempfunden werden können – tragen diese Thematiken und fügen sich in die Handlung ein, die stringent konzipiert ist und sich am Ende logisch auflöst. Ergänzt wird die Geschichte zudem durch die kolorierten Illustrationen von Katrin Inzinger, die einzelne Momente der Handlung bildhaft festhalten und so das Lesevergnügen verlebendigen.

Fazit
Mit Sandor – Not macht erfinderisch hat Dorothea Flechsig den dritten Band ihrer Sandor-Reihe publiziert, der aufgrund der Thematik und dessen kurzweiliger Präsentation für eine Leserschaft ab 6 Jahren geeignet ist und die Themen (Leistungs-)Druck sowie Patchworkfamilie (und den damit erzeugten innerfamiliären Druck und innerfamiliäre Konflikte) aufgreift. Es verwundert daher keineswegs, dass dieses unterhaltsame Buch im September 2015 von der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJUM) mit dem LesePeter ausgezeichnet wurde.

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