Munoz Ryan, Pam: Der Träumer

 von Kathrin Zinselmeyer

Pam Muñoz Ryan erzählt kunstvoll den holprigen Werdegang des kleinen Träumers, Neftalì, hin zum jungen Erwachsenen und Dichter, wodurch das Werk in zweierlei Hinsicht das Wort "poetisch" bedient.

Munoz Ryan, Pam: Der Träumer.

Aus dem Englischen von Anne Braun.

Aladin, Hamburg 2014.
72 Seiten. 16,90 €
ISBN 978-3-8498-2007-5.
Empfohlen ab 10 Jahren.


Inhalt
Der kleine, magere und stotternde Neftalì hat es im Leben nicht leicht: Entgegen der typischen Genderkonventionen liest der Junge gerne, sammelt allerlei Sachen, die ihm faszinierend erscheinen und gibt sich seinen Tagträumereien hin. Er ist einsam und wünscht sich einen gleichgesinnten Freund.
Dass er zudem der Mathematik nichts abgewinnen kann, verkompliziert nicht nur Neftalìs Stand bei seinen Altersgenossen, sondern auch innerhalb der eigenen Familie. Kreativität und Fantasie sind dem herrischen Vater ein Dorn im Auge, da er diese Attribute mit Verweichlichung gleichsetzt. So unterdrückt Neftalìs Vater in seinem Haus vehement alles, das der rationalen Materialität widerspricht. Neftalì, der die Sprache sowie das Schreiben liebt und später einmal Dichter werden möchte, so wie sein Bruder, dessen Wunsch es ist, als Sänger Karriere zu machen, leiden – und zwar auch unter dem fragwürdigen väterlichen Erziehungsstil.
Im Verlauf der Geschichte begleitet der Leser den zunächst achtjährigen Neftalì auf seinem nicht ganz konfliktfreien Weg zu einem jungen Erwachsenen. Auf diesem Weg scheinen die erwähnte Einsamkeit und ein sich zuspitzender Vater-Sohn-Konflikt bedeutende Stationen zu sein: Neftalì möchte in seinem herrischen Vater einen guten Menschen sehen und bemüht sich dessen Geboten gerecht zu werden. Da der verträumte Junge seine Wünsche und Kreativität jedoch nicht dauerhaft unterdrücken kann, geraten Vater und Sohn oftmals aneinander. Gerade aufgrund der häufig verletzenden Worte seines Vaters zweifelt der Protagonist an sich, bis er zunehmend beginnt sich zu akzeptieren und emanzipieren.

Kritik
Das Werk überzeugt sprachlich durch den kunstvollen Einsatz vieler rhetorischer Figuren. Es finden sich in reger Fülle Metaphern ("Der Mapuche-Junge war die Galionsfigur unter dem Bugspriet, die Augen, die nach dem richtigen Weg suchten." , S. 147), Vergleiche ("Neftalì war das Schaufelrad, das sie wie ein archaischer Geist vorwärts bewegte." , S. 147), Personifizierungen ("Er liebte es, wie die Gischt herantanzte und sich wieder entfernte, weil sie sich offenbar nicht entscheiden konnte, ob sie bleiben oder gehen sollte.", S. 162) und Synästhesien ("[...], dass ein Flüstern von Fisch und Salz in der Luft lag.", S. 157). Im Zusammenspiel erschaffen diese Stilmittel besonders eindrückliche Passagen.
Die Raum- und Landschaftsbeschreibungen des Werkes strotzen vor rhetorischen Formulierungen:
"Ich sehe Seemöven, die stramm wie Soldaten im Sand stehen. Im Wasser sind Hunderte Flamingos, die immer wieder ihre gekrümmten Schnäbel nach oben strecken. Jetzt rennen sie alle auf einmal los und lassen sich vom Wind in die Lüfte tragen. Am Himmel sehen sie aus wie ein einziges Wesen mit tausend Flügeln. Welche Farbe sie haben, möchtest du vielleicht wissen. Rosa wie die Wangen eines Säuglings. Aber es gibt noch mehr zu sehen. Ich sehe Felsen, die so steil sind, dass man nicht an ihnen hinaufklettern kann. Und zwei Wolken, die über den Himmel gleiten, als machten sie ein Wettrennen.", S. 214)
Ebenso bildreich werden Personen, Situationen und innere Wandlungsprozesse Neftalìs beschrieben. Besonders lebhaft in Erinnerung bleibt die Passage, in der Neftali sich ein Pseudonym (Pablo Neruda) zulegt, um weiterhin seinen schriftstellerischen Aktivitäten nachgehen zu können:


"Er schrieb den Vornamen auf den Zettel mit dem Familiennamen. Die beiden Wörter lösten sich vom Papier, maschierten selbstbewusst durch den Raum und wurden zu einem eleganten Anzug. Neftali konnte nicht anders und schlüpfte hinein. Erstaunlich: Die Hosenbeine mussten nicht gekürzt, die Jacke nicht geändert werden. Der Stoff war weder zu dünn noch zu dick. Die Revers hatten einen Schnitt, der ihm gefiel. Die Farbe war nicht aufdringlich, aber doch auffällig genug, so dass man sie nicht vergaß. Erstaunlich. Der Name passte perfekt zu ihm." (S. 333)

Dieser ausgeschmückte Schreibstil ist aus Erwachsenensicht recht gut lesbar und verleiht dem Werk einen poetischen Touch – der Gehalt einiger Metaphern lässt sich jedoch erst nach mehrmaligem Lesen entschlüsseln. Fraglich ist, ob es Kindern gelingt, die teilweise komplexen Metaphern zu dekodieren.
Neben den vielen rhetorischen Mitteln, die es zu dechiffrieren gilt, begegnen in dem Werk massenhaft Wörter, die für junge Rezipienten schwer verständlich sein dürften (jovial, gesäumt, Rinnsal, Prozession usw.). Ebenso nutzt das Buch Wörter in semantischen Zusammenhängen, deren Kenntnis bei Kindern nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden darf. ("Wie ich sehe, brauchen wir bei diesem trostlosen Regen alle ein bisschen Zerstreuung.", (S. 50)) Folglich wird dem Leser bei der Dekodierung des sprachlichen Inhalts ein hohes Maß an Kognition abverlangt.

Nebst der schmuckvollen sprachlichen Gestaltung sorgt die graphische Ebene dafür, dass der Textinhalt eindrücklich wird. Die unifarbenen Zeichnungen Peter Sís' erscheinen, ebenso wie die Schrift, in einem weichen Grünton. Durch einen Zeichenstil, der sich allein durch die Nutzung kleiner Punkte und keinerlei harter Linien auszeichnet, fügen sich die Zeichnungen sanft in das Buch ein. Problematisch erscheint lediglich die bildliche Darstellung des Protagonisten, die – entgegen der Figurenbeschreibung – keinen mageren Jungen präsentiert.
Eingesetzt werden die Zeichnungen u.a. zur Visualisierung bzw. Abbildung des Textinhaltes. Häufig reproduzieren die Zeichnungen jedoch nicht lediglich den Inhalt des Textes, sondern erhalten Verweischarakter und dienen als Indizes: Beispielsweise erscheinen am Ende eines jeden Kapitels drei Bilder, die auf Motive und/oder Ereignisse des folgenden Kapitels verweisen. Am Ende des ersten Kapitels mag der Leser zunächst verwirrt sein und sich nach der Funktion der vermeintlich willkürlich platzierten Bilder fragen. Bereits im Verlauf des zweiten Kapitels dürfte sich diese Verwirrung jedoch zugunsten eines wertschätzenden Aha-Effektes auflösen.
Besondere Erwähnung soll in diesem Zusammenhang auch die symbolisch-indexikalische Darbietung lautmalerischer Elemente finden: Durch variierende Wortgrößen wird die Lautstärke der betreffenden Wörter angegeben. Eine Sprachmelodie wird generiert und zugleich visuell abgebildet – Visuelle Poesie entsteht:  S. 6)
                                                                              Plip – plip
                                                                                  plop
                                                                        blubb, blubb, blubb
                                                                           oip, oip, oip, oip
                                                                                plip – plip
                                                                                plip – plip
                                                                                   plop
                                                                                    tin,
                                                                                    tin,
                                                                                    tin,
                                                                                    tin,
                                                                                    tin

Besonders pointiert erscheinen in den einzelnen Kapiteln philosophische Exkurse. Diese greifen zentrale Motive aus dem jeweiligen Kapitel auf und versuchen sie durch zugespitzte Fragestellungen in einen großen und abstrakten Gesamtzusammenhang zu setzen. Häufig erstrecken sich diese Exkurse über zwei Seiten und werden durch große, ebenso abstrakte Zeichnungen begleitet. Durch das großzügige Platzarrangement erscheinen diese sehr massiv und augenfällig. Auch die Poesie selbst kommt in raumeinnehmenden, abstrakten, bebilderten Monologen zu Wort.

Der Anhang des Buches ist liebevoll und informativ gestaltet: Nach dem Umblättern der letzten Seite der Geschichte, erscheint dem Leser ein Bild des Dichters Pablo Neruda, an das sich Anmerkungen der Autorin zu diesem und der Entstehungsgeschichte ihres Werkes anschließen. Der Rezipient erfährt, dass sich die Geschichte des kleinen Träumers auf Ereignisse, die sich im Leben des realen Pablo Nerudas tatsächlich ereigneten, stützt. Anschließend werden dem Leser Gedichte und Oden Nerudas präsentiert. Nach dem Lesen des Buches, wird man sich gewiss über diese kleinen Gimmicks freuen.

Abschließend anzumerken ist, dass v.a. die sprachliche Gestaltung und die Komplexität der angesprochenen Themen des Buches mit dem Protagonisten zu 'wachsen' scheinen. Metaphern werden abstrakter und komplexer und Neftalì schlägt sich zunehmend mit Problemen herum, deren Verständnis ein gewisses Maß an Weltwissen voraussetzt.

Fazit
Alles in allem ist das Buch ein Kunstwerk, das zurecht den Jugendliteraturpreis erhalten hat. Selbst bei mehrmaligem Lesen wird man aufgrund der Komplexität der verschiedenen, miteinander verschränkten Ebenen stets neue Aspekte entdecken, die einen begeistern und zum Nachdenken anregen.
Die Altersempfehlung des Buches (ab 10 Jahren) erscheint jedoch problematisch. Zum einen ist die sprachliche Gestaltung des Buches bzw. deren Dekodierung – wie dargelegt wurde – sehr anspruchsvoll und mag die kognitive Kompetenz Zehnjähriger überfordern.
Zum anderen besteht das Buch aus komplexen, zum Teil abstrakten Verweisebenen, die der Kognition des antizipierten Rezipientenkreises schwer zugänglich sind. V.a. die philosophischen Exkurse verlangen ein hohes Maß an Abstraktion vom Leser.
Des Weiteren spricht das Buch auf der Inhaltsebene – wie bereits erwähnt – Themen an, die einem zehnjährigen Kind aufgrund mangelnden Weltwissen nicht gänzlich nachvollziehbar sein dürften.
Zehnjährige können das Buch also nicht auf allen Ebenen ergründen, vielleicht macht dies aber auch gerade das Besondere des Werkes aus. Es ist ein Buch, das mit dem Kind wachsen kann und mit zunehmendem Alter neue Erkenntnisse offenbart.
Aufgrund des Gesagten bleibt es dennoch fraglich, ob das Buch als (reines) Kinderbuch geeignet ist oder ob es nicht vielmehr ein komplexes Buch darstellt, das der All-Age-Literatur zuzuordnen ist. Um jedoch auch jugendliche und erwachsene Rezipienten zum Kauf des Buches zu animieren, wäre es sinnvoll, das Layout zu überarbeiten bzw. an diese Zielgruppen anzupassen: Der hohe Zeilenabstand und die große Schrift mögen auf diese eher abschreckend wirken.
 

 

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