von  Sabine Planka

Oma liebt Kohl in jeglicher Form, vor allem Kohlsuppe. Ihr Enkel Ben ist davon gar nicht angetan – ihm graut es vor den freitäglichen Zwangsbesuchen, zu denen ihn seine Eltern 'verdonnern'. Doch dann wird alles anders und Ben sieht seine Oma in einem ganz anderen Licht…

Walliams, David: Gangsta-Oma
Illustriert von Tony Ross. Aus dem Englischen von Salah Naoura.
256 S., 14,99 €
Rowohlt, Reinbek 2016
ISBN 978-3-499-21740-1

ab 10 Jahren 

Inhalt
Weil Bens tanzbegeisterte Eltern jeden Freitag ihre Tanzshow im Fernsehen sehen wollen, bringen sie Ben zu seiner Oma – die ihn mit ungeliebter Kohlsuppe 'versorgt'. Ben ist nicht begeistert. Sein einziger Trost: Bei seiner Oma kann er in Ruhe seine Lieblingszeitschrift lesen, ohne dass seine Eltern dies mitbekommen: die Klempner-Woche. Während er sich nichts sehnlicher wünscht, als später eine Ausbildung als Klempner machen zu können, sehen seine Eltern ihn auf der Bühne das Tanzbein schwingen.

Als er jedoch herausfindet, dass seine Oma eine berühmte Juwelendiebin war, sieht er seine Oma in einem neuen Licht und kann es gar nicht mehr erwarten, sie freitags besuchen zu können, um ihren Verbrechergeschichten lauschen zu können. Langsam aber sicher reift in ihm der Plan, zusammen mit seiner Oma die Kronjuwelen der Queen zu stehlen. Als er seiner Oma seinen Plan unterbreiten will, muss er erfahren, dass sie im Krankenhaus liegt und er sie nicht zu Hause besuchen kann. Stattdessen fährt er mit seinen Eltern ins Krankenhaus, wo er mit seiner Oma den 'großen Coup' plant.

Bens Oma, merklich geschwächt, 'bricht' aus dem Krankhaus aus und macht sich zusammen mit Ben auf den Weg nach London, wo sie – dank Bens Vorliebe für Klempnerei und Abflussrohre – einen Zugang zum Tower of London und damit zu den Kronjuwelen finden. Prompt stehen sie der Queen gegenüber, die Nachthemd, Flauschpantoffeln und mit ihrer Krönungskrone durch den Tower läuft – weil sie nicht schlafen kann. Hier offenbart sich Ben und dem Leser, dass Bens Oma gar keine Juwelendiebin ist, sondern sich ihre Abenteuer nur ausgedacht hat, damit Ben freitags gerne zu ihr kommt und sich nicht bei ihr langweilt. Die Queen äußert Verständnis – "Wie ihr ja wisst, sind Wir selber Großmutter, und Unsere Enkel finden Uns zuweilen ebenfalls langweilig." (S. 209) – und lässt Ben und seine Oma gehen, die die Kronjuwelen – natürlich – nicht stehlen, sondern nach Hause zurückkehren. Dort erfährt Ben von seiner Oma den wahren Grund ihres Krankenhausaufenthalts: Sie hat Krebs und wird sterben. Ben ist unendlich traurig, da ihm seine Oma inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist.

Inzwischen haben Bens Eltern gemerkt, dass er nicht zu Hause ist und sich Sorgen gemacht und sich entsprechend erleichtert, als er wieder heil zu Hause ist. Dort findet eine Aussprache zwischen allen statt: Ben konfrontiert seine Eltern mit seinem Wissen um den nahenden Tod der Oma, seine Eltern akzeptieren Bens Berufswunsch und wollen ihm nicht mehr ihren eigenen Traum von einer Tanzkarriere aufzwingen.

Als Bens Oma stirbt, ist Ben niedergeschlagen, die Beerdigung Heiligabend macht das Weihnachtsfest zu einem traurigen Ereignis für ihn – bis er die Weihnachtsansprache der Queen im Fernsehen sieht…

Kritik
Walliams' Gangsta-Oma erinnert zunächst unweigerlich an Roald Dahls Romane, die phantastische Erlebnisse ins Zentrum rücken und die kindlichen Protagonisten in surrealen, für sie jedoch völlig normalen Situationen agieren lässt. Die von Tony Ross beigesteuerten Illustrationen für Walliams' Buch unterstreichen diese Verbindung, hat er doch auch vielfach Dahls Bücher illustriert.
Im Gegensatz zu Dahl, dessen Geschichten dem Phantastischen verhaftet bleiben und die Handlung konsequent bestimmen, wandelt sich Walliams' Geschichte und ändert ihren Modus: Aus einer geradezu phantastischen und nahezu unmöglich klingenden Krimigeschichte wird eine Familiengeschichte, in deren Zentrum das Phantastische aufgelöst wird als Imagination von Bens Oma. Sie hat alles erfunden, da sie Bens Langeweile traurig gemacht hat. Ihre ausgedachten Abenteuergeschichten haben somit nicht nur die Funktion, Ben im weitesten Sinn zu unterhalten, sondern sind auch aus ihrer Sicht eigennützig, um sich persönlich bei Ben interessant zu machen und ihrem eigenen Alleinsein entfliehen zu können. Auf die Realitätsebene wird die Geschichte zudem durch den Krebstod der Oma zurückgezogen, was aber nicht pathetisch oder gekünstelt wirkt, sondern ganz der Untermalung der gestärkten Beziehung zwischen Ben und seiner Oma dient und sich nachvollziehbar in die logisch strukturierte Handlung einfügt.

Damit ist auch eines der zentralen Themen angesprochen, nämlich die Distanz zwischen der jungen und der alten Generation, die oftmals kaum eine Verbindung zueinander haben und nicht wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Phantasie wird hier als Brücke implementiert, so dass sich beide Generationen aneinander annähern können. Verknüpft werden damit die Motive der freien Entwicklung und das Ausleben der eigenen Wünsche, für die es sich einerseits lohnt, einzustehen, um persönlich glücklich zu werden (Ben), die man andererseits im Gegensatz aber auch respektieren sollte, um Entwicklungen möglich zu machen (Bens Eltern).

Die Protagonisten überzeugen in Walliams' Geschichte, deren Erzähler nicht nur die Ereignisse schildert, sondern auch aus seiner Erzählerrolle heraus den Leser direkt anspricht und somit als Figur in Erscheinung tritt und den Leser zum Nachdenken anregt. Ergänzt wird das Buch durch die erwähnten Bebilderungen und Illustrationen von Tony Ross, die das Geschehen nicht nur schlicht untermalen, sondern um eine visuelle humoristische Komponente erweitern.

Fazit
Gangsta-Oma ist ein wilder, phantastischer Kinderbuchroman für Kinder ab 10 Jahren, der gegen Ende um eine ernsthafte Komponente erweitert wird und die Beziehung zwischen Enkel und Großmutter ins Zentrum rückt. Der geplante abenteuerliche Raub der Queen'schen Kronjuwelen ist das Highlight des Romans und gleichzeitig der Wendepunkt, wenn sowohl die Queen als auch Bens Oma ihre wahren Gefühle offenbaren und sie die wahren Absichten hinter ihren Handlungen zeigen. Gangsta-Oma ist ein Buch, das seine Leser unterhält, gleichzeitig aber auch nachdenken lässt über den Wert von zwischenmenschlichen Beziehungen.


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