von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Mit Unicorns don't swim legt Antje Wagner einen Kurzgeschichtenband vor, der 22 Erzählungen aus fast durchgehend weiblicher Perspektive versammelt: Geschichten mit aufstörerischem Potenzial, die herkömmliche Geschlechtsrollenklischees hinterfragen und nachdenklich stimmen.

Wagner, Antje:. Unicorns don't swim
AvivA Verlag, Berlin 2016.
256 Seiten. 14,90 €
ISBN 978-3-9322338-82-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Grenzüberschreitung und Irritation – zwei Stichworte, dem Vorwort der von Antje Wagner herausgegebenen Kurzgeschichtensammlung entnommen. Sie markieren prägnant sowohl die Intention des Bandes als auch das, was ihn besonders macht: "Das Moment der Irritation ist es, was die Erzählungen dieser Sammlung verbindet" (S. 7), so heißt es bei Antje Wagner, die sich bereits durch Jugendbücher wie Schattengesicht und Unland einen Namen gemacht hat. Weiterhin erklärt sie die Absicht, mit dem Band Gattungs- Genre- und Altersgrenzen überschreiten zu wollen. Damit verbunden ist die Intention, Stereotypen in Bezug auf klischierte Geschlechtsrollenbilder aufzubrechen. Dies gelingt der Herausgeberin durch die Aufnahme sehr unterschiedlicher Texte von ganz verschiedenen Autorinnen: "Die Autorinnen kommen sowohl aus der Kinderliteratur als auch aus der Jugend- und der Allgemeinliteratur […]. Die Jüngste war vierzehn, als der Text entstand, die Älteste achtundfünfzig Jahre alt. Jede meldet sich am Ende dieses Buches mit einem kurzen Statement zum Thema Gender zu Wort" (S. 8): Ingrid Annel, Juliette Bensch, Anja Frisch, Sabine Funder, Laura Henkel, Vera Kissel, Katharina Korbach, Anja Kümmel, Sophie Micheel, Antonie Partheil, Kim Katharina Salmon, Kathrin Schrocke, Claudia Schuster, Corinna Waffender, Antje Wagner und Tania Witte.

Gemeinsam haben alle hier versammelten Geschichten, dass sie sich einer abschließenden Deutung entziehen und ein hohes Alteritätspotenzial aufweisen. So geht es beispielsweise in der Erzählung Metamorphose von Tania Witte um Alina, die keine Mutter mehr hat. Sie ist gegangen, hat die Protagonistin und ihren Vater verlassen. Nach vielen Jahren der Abwesenheit kündigt die Mutter ihren Besuch an, zusammen mit Nico – sollte es sich hierbei um Alinas Halbbruder handeln? So fragt es sich die Hauptfigur. Die Geschichte endet mit der Begegnung zwischen Alina und dem ominösen Nico: "Der Mann nahm die Sonnenbrille ab. Die Wirklichkeit verlor sich in seinen geröteten Augen und in den Lachfalten um die Augen herum. Alina hörte auf zu atmen. "Mama?"" (S. 64) Die Deutung bleibt dem Leser überlassen.

Ähnliches subversives Potenzial, das beim Leser Irritation auslöst, finden wir in der Geschichte Feuer und Flamme von der Herausgeberin Antje Wagner, die von Jackys Ehe mit dem Drachen Florentine erzählt. Auch Karla, deren Papa homosexuell ist, was ihr und ihrem Meerschweinchen nichts ausmacht oder Sirii, Protagonistin der titelgebenden Geschichte Unicorns don't swim, die Computerspiele programmiert und sich nicht an ihre Peergroup anpasst, haben mit Irritationen im Leben zu kämpfen, zusammen mit all den anderen Protagonisten, die dieser Band vereint.

Kritik

Es handelt sich bei Unicorns don't swim um einen sehr heterogenen Erzählband, der Geschichten von höchst unterschiedlicher Länge und literarischer Qualität versammelt. Gemein ist ihnen aber allen das aufstörerische Potenzial, um es mit einem Begriff zu fassen, den Carsten Gansel in den literaturwissenschaftlichen Diskurs eingebracht hat. Aufstörung ist hier gemeint im Sinne einer Grenzüberschreitung, die Aufmerksamkeit erregt (vgl. Gansel 2011). Das aufstörerische Potenzial ergibt sich im Band Unicorns don't swim vorrangig auf der Ebene der histoire, also der Handlung, weniger auf der Ebene des discourse, mit dem in der Erzähltheorie das Wie des Erzählens gefasst wird. Denn die Geschichten leben einerseits von ihren unangepassten Protagonistinnen, andererseits von den Erwartungsbrüchen, mit denen die Texte spielen. So ist das Überraschungsmoment für den Leser groß, als sich Alinas verschwundene Mutter am Ende als transsexuell entpuppt und es erzeugt Irritation, dass Jacky mit einem Drachen verheiratet ist und das zum Schluss als großes Glück empfindet:

"Sag mal, Micha" sagte ich, "Aber komisch ist es doch schon, oder? So ein Drache als Frau, meine ich. Da fing er an  zu lachen: "Du bist ein Glückspilz, Jacky!" sagte er, "Ein Drache ist    doch großartig. Stell dir vor, Ralf hat ein Gnu. Und Erdmute lebt mit einem Reh. Das ist so schüchtern, dass es sich manchmal tagelang in der Wäschetruhe versteckt. Und Sybille ist mit einem Nacktmull verheiratet. Ein Nacktmull! Weißt du, wie hässlich die sind?" […] Womöglich stimmte es wirklich, dachte ich, und Micha hat recht. Womöglich bin ich ein richtiger Glückspilz! (S. 44)

Ja, vielleicht ist Jacky ein Glückspilz, vielleicht auch nicht. Abschließende Antworten liefern die Texte nicht, sie bleiben deutungsoffen, lesen sich aber auch leicht und unterhaltsam – und sind gerade wegen der vielen Erwartungsbrüche und Überraschungseffekte spannend. Aufgrund der gewählten weiblichen Perspektive sprechen die Erzählungen vermutlich eher Mädchen an als Jungen. Gerade deshalb lassen sich viele Geschichten sicher auch in einem geschlechtersensiblen Literaturunterricht in der Sekundarstufe I einsetzen, der herkömmliche Geschlechtsrollenklischees hinterfragen will.

Als ungünstig erachte ich den englischen Titel des deutschsprachigen Bandes: Im Kontext der titelgebenden Geschichte von Sabine Funder, die von einem Computerspiel handelt, macht er Sinn. Für den Band wäre der Titel Metamorphose (nach der gleichnamigen Geschichte um das transsexuelle Elternteil) vielleicht passender gewesen, denn einen Wandel machen die Protagonistinnen der Geschichten alle durch – somit hätte er stärker eingefangen, was die Geschichtensammlung ausmacht: Irritation, Grenzüberschreitung, Aufstörung und Widerstand gegen klischeehafte ädchenbilder.

Fazit

Unicorns don't swim ist ein lesenswerter, bunter Geschichtenband mit sehr heterogenen Erzählungen, die zum Nachdenken einladen und zum Teil nachhaltig irritieren. Empfohlen sei er Leserinnen ab 14 Jahren, deren literarische Rezeptionskompetenz schon so weit fortgeschritten ist, dass sie das Alteritätspotenzial und die Irritationen dieser Erzählungen schon aushalten und genießen können.

Literatur

  • Gansel, Carsten: Aufstörung und Denormalisierung als Prinzip. Zu aktuellen Entwicklungen zwischen KJL und Allgemeinliteratur. In: Carsten Gansel / Pawel Zimniak (Hrsg): Zwischen didaktischem Auftrag und grenzüberschreitender Aufstörung? Zu aktuellen Entwicklungen in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Heidelberg: Winter Universitätsverlag 2011. S. 13-36.

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