von Dr. Andreas Wicke

Ein Mädchen, dessen Leidenschaft einem linguistischen Phänomen gilt, ist in der Kinderliteratur sicher die Ausnahme. Ruth liebt aber nicht nur ihren Hund Regen, sondern auch Homophone – und sie ist stolz, dass es zu beiden Namen einen homophonen Begriff gibt: Ruth/ruht und Regen/(sich) regen. Eine wahrhaft ungewöhnliche Geschichte!

 

Ann M. Martin: Die wahre Geschichte von Regen und Sturm
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Königskinder, Hamburg 2015.
237 S., 14,99 €
ISBN 978-3-551-56013-1

Ab 12 Jahren

 

Inhalt

"Meine offizielle Diagnose ist Hochfunktionaler Autismus" (S. 11), sagt Ruth, die mit ihrem alleinerziehenden Vater Wesley zusammenwohnt, von dem sie eines Abends einen Hund geschenkt bekommt. Wesley, der seine Tochter in ihrem eigenwilligen Verhalten nicht versteht und oftmals kalt, abweisend und brutal reagiert, der mit seiner Arbeit unzufrieden ist und zu viel trinkt, hat diesen Hund auf dem Heimweg von der Kneipe gefunden und mitgenommen. Während eines starken Sturms, der die Stadt für einige Zeit lahm legt, verschwindet der Hund, nachdem der Vater ihn nachts ohne Leine rausgelassen hat. Als Ruth ihn endlich in einem Tierheim findet, hat man dort anhand eines Chips allerdings festgestellt, dass er durchaus Besitzer hatte. Als diese ausgemacht sind, gibt Ruth ihnen den Hund zurück. Nachdem Ruths Vater seine Tochter plötzlich ohne erkennbare Gründe zu ihrem Onkel Weldon bringt, wo sie ab dann wohnt, schlägt dieser am Ende des Romans vor, wieder einmal ins Tierheim zu fahren. Ein Hoffnungsschimmer leuchtet auf: "Wäre es nicht nett, wenn hier zwischen uns ein Hund säße?" (S. 235).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Kritik

"Ich bin Ruth Howard, und mein Vorname ist ein Homonym", mit diesem exklusiven ersten Satz stellt sich die Erzählerin vor und präzisiert: "Um genau zu sein, er ist ein Homophon, also ein Wort, das ausgesprochen wird wie ein anderes, aber nicht so geschrieben. Mein Homophonname ist Ruht" (S. 7). Das Besondere des Romans besteht nun darin, die Geschichte, die durchaus das Zeug zum problemorientierten Kinderbuch hat, mit der ungewöhnlichen Perspektive eines Mädchens zu verbinden, das Wörter, Regeln und Zahlen, besonders Homophone und Primzahlen schätzt. Und diese Vorliebe ist alles andere als nebensächlich. Wenn Ruth aufgeregt ist, beginnt sie Primzahlen aufzusagen, vor allem aber steht die Begeisterung für Homophone durchgehend im Zentrum ihres Denkens und Erzählens. "Wenn ihr euch nicht für Homophone interessiert, dann hört jetzt auf zu lesen und macht bei Kapitel 4 weiter" (S. 19).

Die Homophone, die Ruth einfallen, werden alphabetisch auf einer Liste festgehalten, aber auch im Erzähltext markiert, indem das Homophon – im Idealfall sind es auch mal zwei – in Klammern genannt wird. Wenn im Schlusssatz Hoffnung aufkeimt, "als sich die Musik durch die Luft hob und senkte (sengte) und für unsere Herzen alles war (wahr) wie ein einziges Fest (fest)" (S. 237), liegt das vor allem auch an der Häufung der Homophone in dieser Formulierung. Doch was Ruth beruhigt, hat für die Leserinnen und Leser, darauf weist Fridtjof Küchemann in seiner Rezension hin, die gegenteilige Wirkung: "Eine lästige Irritation, die sich durch das ganze Buch zieht. Und eine leise Ahnung davon, wie es sein muss, fortwährend mit Störwahrnehmungen leben zu müssen." Auch die Jurybegründung des Deutschen Jugendliteraturpreises, für den Martins Roman 2016 in der Sparte Kinderbuch nominiert ist, hebt "die ganz eigene Weltsicht der Protagonistin" als Spezifikum hervor.

Da Ruth die Ich-Erzählerin ihrer Geschichte ist, kann man sich ihrer Perspektive nicht entziehen und muss all ihren Gedankensprüngen folgen. Kaum hat sie angekündigt, was als nächstes passieren wird, schweift sie auch schon wieder ab: "passieren ist ein großartiges Homonym, ein Ereignis kann passieren und ein Schiff kann ein anderes passieren und man kann Püree durch ein Sieb passieren! Das sind 3 Homonyme und das ist ganz schön gut, aber wie gesagt, wenn ich jemals ein Wort mit 4 Homonymen oder auch Homphonen finde, dann male – mahle – ich den Tag im Kalender rot an" (S. 12).

Bereits nach wenigen Seiten wird allerdings klar, welcher Herausforderung sich die Übersetzerin Gabriele Haefs gestellt hat, denn auch alle Namen und der Titel jenes Romans, der im Original Rain Reign heißt, müssen durch die homophone Brille gedacht werden. Während der englische Titel schon beim ersten Hören oder spätestens Lesen zwei Homophone verbindet, funktioniert das deutsche Pendant erst auf den zweiten Blick – dann nämlich, wenn man erfährt, dass Ruth ihren Hund Regen nennt.

Fazit

Ann M. Martins Die wahre Geschichte von Regen und Sturm belegt, dass die Forderung nach einer kindgerechten, altersangemessenen oder fasslichen Literatur ihr Ziel verfehlt. Wenn der Königskinder Verlag den Roman ab 12 Jahren empfiehlt, ist damit zwar eine mögliche Altersgruppe benannt, die gleichwohl von der Weltsicht Ruths und ihrer Erzählung mehr als irritiert sein wird. Gerade dass man Ruth oft nicht versteht, dass man ihr Handeln nicht nachvollziehen kann und ihre Liebe zu Homophonen als enervierend empfindet, ist das eigentliche Lob, das man diesem Text aussprechen möchte. Einerseits ist es zwar das traditionell anmutende Motiv einer Kind-Hund-Beziehung, das die Geschichte in Gang setzt, andererseits aber der verstörende Blick eines autistischen Menschen auf seine Welt; einerseits die anrührende Geschichte eines Mädchens, das versucht, sich in dieser Welt, die ihm immer wieder fremd und unerklärlich erscheint, zu behaupten, andererseits ein höchst artifiziell komponierter und metafiktional gebrochener Text. Wie die Autorin beides miteinander verknüpft, macht das verblüffende Raffinement dieses faszinierenden Kinderbuchs aus.

Literatur:

Fridtjof Küchemann: Primzahlen und Regeln. In: FAZ vom 8.6.2015 (URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/kinderbuch/kritik-jugendbuch-von-ann-m-martin-13572356.html)

Jurybegründung des Deutschen Jugendliteraturpreises (URL: http://www.djlp.jugendliteratur.org/kinderbuch-2/artikel-die_wahre_geschichte_von_-4033.html)

 

 


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