von Sabine Planka

"Der Wolf musterte Viktor aus sicherer Entfernung, ruhig und auch ein wenig fragend. Seine Ohren waren aufmerksam abgestellt. […] Für Viktor stand die Welt still. Er hätte hinterher unmöglich sagen können, wie lange dieser Moment gedauert hatte, doch er kam ihm vor wie eine Ewigkeit." (S. 15) Diese unvermittelte Begegnung mit einem wilden Wolf verändert Viktor nachhaltig und zeigt ihm und Lesern ab ca. 6 Jahren, dass sich Mut und Einsatz für Schwache manchmal lohnen kann.

Klug, Hannes: Viktor und der Wolf
Illustrationen von Barbara Korthues
192 S., 9,99 €
Rowohlt, Reinbek 2016
ISBN 978-3-499-21746-3

ab 6 Jahren 

Inhalt
Als Viktor wieder einmal alleine am alten Güterbahnhof spielt, begegnet er einem Wolf, den er auf den Namen Streuner tauft. Viktor ist von dem Tier und dessen Wildheit so beeindruckt, dass er sich fortan immer mehr mit Wölfen beschäftigt. Dies hat Konsequenzen: In der Schule wird er mutiger und stellt sich Schulkameraden entgegen, die ihn sonst immer geärgert haben, und hält sogar ein Referat über Wölfe.

Als Streuner eingefangen wird, recherchiert Viktor eigenständig, wo man den Wolf hingebracht haben könnte und findet ihn in einem Wildpark. Dort trifft er auf den Tierpfleger Konrad und dessen Tochter Klara:  Sie erwischen ihn, als er den unerlaubten Bereich des Parks betritt, um ‚seinen‘ Wolf zu sehen. Trotz Verbot, sich dem Wolf noch einmal zu nähern, kommt Viktor jeden Tag, um Streuner zumindest aus der Ferne sehen zu können. Schließlich erlaubt Konrad dem Jungen, als Aushilfe im Wildpark mitzuarbeiten. Als auch Viktors Mutter zustimmt, scheint alles perfekt, Viktor kann dem Wolf nun immer nahe sein. Die Beziehung zwischen beiden wird enger, Streuner baut Vertrauen auf und lernt, dass nicht alle Menschen böse sind, wie er in der Vergangenheit erfahren hat.

Doch dann kommt der Moment, als Streuner ausgewildert werden soll – und ein windiger Tierhändler auf der Bildfläche erscheint, der den Wolf mitnimmt…

Kritik
Hannes Klug ist auch mit Viktor und der Wolf ein Buch gelungen, das durch seine Kurzweiligkeit besticht und dazu einen enorm hohen Gehalt an Sachinformationen aufweist, die dem Leser das Leben der Wölfe als bedrohte Tierart nahebringen. In die linear aufgebaute und stringent durchdachte Narration werden immer wieder Informationen über Wölfe eingeflochten, sei es durch Viktors Referat in der Schule oder von Konrad, der Viktor ebenfalls mit Informationen versorgt. Erklärungen von Fachbegriffen, wohl aber für den jungen Leser unbekannt sein könnten, werden hilfreich erläutert.

Neben dem Reifeprozess, der bei Viktor deutlich erkennbar ist und durch die Begegnung mit dem Wolf in Gang gesetzt wird, ist es letztlich auch eine Kriminalgeschichte, die sich aus den Geschehnissen heraus entwickelt, kommen Viktor und Klara doch einem Tierhändler auf die Spur, der skrupellos vom Aussterben bedrohte oder gefährliche wilde Tiere an Privatleute verkauft. Spannend wird die Geschichte zudem durch den ständigen Perspektivwechsel zwischen Viktor und dem Wolf, der es dem Leser ermöglicht, das Geschehen aus zwei Blickrichtungen zu verfolgen: Neben Viktors Beweggründen kann der Leser die Sicht des Wolfes einnehmen und dessen Perspektive auf das Leben und das menschliche Verhalten nachvollziehen. Die jeweilige Sicht wechselt von Kapitel zu Kapitel, die durch ihre klare Sprache bestechen und mitunter recht kurz gehalten sind, was dem Lesevergnügen keinen Abbruch tut. Im Gegenteil erleichtert dies sogar den Leseprozess und macht das Buch auch für ungeübte und jüngere Leser interessant, die sich vielleicht noch nicht auf längere Kapitel einlassen können. Für Kurzweil sorgen dementsprechend auch die zahlreichen s/w-Abbildungen, die in einem klaren Duktus einzelne Szenen verbildlichen und mitunter halbe Seiten umfassen.

Thematisch werden viele Aspekte aufgegriffen, die das Buch vor allem für Jungen interessant machen. Zunächst ist es die Beziehung zwischen Mensch und Tier, hier zwischen einem Jungen und einem wilden Wolf, der durch seine Kraft beeindruckt, zumal sich Viktor oft wünscht, er selbst wäre ein wildes starkes Tier, um sich gegen Kontrahenten zur Wehr setzen zu können. Diese sich entwickelnde Beziehung zwischen Viktor und dem Wolf führt zu einer Stärkung des Protagonisten: Er wird mutig und setzt sich für den Wolf und dessen Rettung ein und kann diese hier gezeigten Stärken in der Schule nutzbringend einsetzen und Ängste überwinden. Thematisch wird neben dieser Entwicklung und Bewusstwerdung eigener Stärken ein weiteres Feld aufgezogen, das Kindern vielleicht bekannt vorkommen kann, nämlich der Tod eines nahestehenden Menschen. Hier ist es der Tod von Viktors Vater, der das Leben von Viktor und seiner Mutter nachhaltig ändert: Beide müssen umziehen und Viktor kapselt sich zunehmend von Freunden ab, da er den Tod seines Vaters verarbeiten muss. Erst durch den Kontakt  zum Wolf gelingt es Viktor, wieder aus sich herauszugehen und zwischenmenschliche Beziehungen zuzulassen. Somit kann er sich auch anderen wieder emotional öffnen. Seine Mutter ‚profitiert‘ ebenfalls von Viktors neuer Energie: Sie und Konrad verstehen sich immer besser und Viktor sieht seine Mutter nach langer Zeit wieder lachen. Eine neue Patchworkfamilie etabliert sich.

Der Titel des Buches Viktor und der Wolf erinnert unweigerlich an Sergei Prokofjews musikalisches Märchen Peter und der Wolf aus dem Jahr 1936, das auf didaktischer Ebene (an Kinder gerichtet) mit den unterschiedlichsten Instrumenten vertraut machen sollte und auf narrativer Ebene einen wilden Wolf etabliert, der eingefangen und in einen Zoo gebracht werden kann (siehe z.B. Saz (1986), Schipperges (1995), Streller (2003)). Parallelen zwischen beiden Geschichten zeigen sich in der Freundschaft/der Zugewandtheit der kindlichen Protagonisten dem wilden Wolf gegenüber, den beide nicht tot, sondern in Sicherheit sehen wollen.
Durch die gewählte Thematik des Tierschutzes und speziell des Wolfes wird – im Zusammenhang mit medialen Berichterstattung über vermehrt in heimischen Wäldern umherstreifenden Wölfen – ein fachübergreifender Schulunterricht möglich: Neben dem Deutschunterricht könnte das Thema auch im Biologieunterricht aufgegriffen und als Anknüpfungspunkt für die Beschäftigung mit im Wald/in Freiheit lebenden Wildtieren genutzt werden.

Fazit
Mit Viktor und der Wolf ist Hannes Klug ein Buch gelungen, das durch den Mix von fiktiver Geschichte und faktischen Informationen besticht und einen reifenden Protagonisten zeigt, der als Identifikationsfigur für den Leser fungiert. Der Perspektivwechsel ermöglicht zudem die Einsicht in das Leben des Wolfs – und fördert das Verständnis für dessen Bedürfnisse. Dies alles macht das Buch für Leser ab 6 Jahren interessant, die sich schon so früh mit der Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven auseinandersetzen können.

Literatur
Haacken, Frans: Peter und der Wolf. Weinheim/Basel/Berlin: Beltz & Gelberg 2003.
Saz, Natalia: Novellen meines Lebens. Berlin: Henschel 1986.
Schipperges, Thomas: Sergej Prokofjew. Reinbek: Rowohlt 1995.
Streller, Friedbert: Sergej Prokofjew und seine Zeit. Laaber: Laaber-Verlag 2003.


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