Bourke, Holly: Mein total spontanes Makeover und was danach geschah

von  Dr. phil. Sabine Planka

Bree will Schriftstellerin werden, doch die Verlage haben zwei ihrer Manuskripte abgelehnt. Da beschließt sie, sich selbst einem kompletten Makeover zu unterziehen und darüber im Internet zu bloggen. Ihre Verwandlung hat jedoch ungeahnte Folgen, die Bree nicht absehen kann. Ein Roman für Leser ab 14 Jahren, der zeigt, dass der Mensch aus mehr besteht als aus Äußerlichkeiten.

Bourke, Holly: Mein total spontanes Makeover und was danach geschah
A.d.Engl. v. Nina Frey
477 S., 14,95 €
dtv, München 2016
ISBN 978-3-423-74017-3


ab 14 Jahren
 

Inhalt
Die 17jährige Bree hat zwei Manuskripte geschrieben, die von diversen Verlagen abgelehnt wurden. Aus ihrer Frustration heraus beschließt sie, ihr aus ihrer Sicht langweiliges Leben radikal zu ändern und sich selbst einem kompletten Makeover zu unterziehen, um interessant zu werden. Sie beginnt darüber in einem Blog zu schreiben, um so ihre Karriere als Schriftstellerin voranzutreiben.

Bree startete ihren Selbstversuch mit einer neuen Frisur und neuen Kleidern, die sie zusammen mit ihrer Mutter kauft. Sie ‚verstößt‘ zudem ihren besten Freund – natürlich nur für die Zeit des Experiments –, mit dem sie über die Oberflächlichkeiten der beliebten Schüler gelästert hat.

Ihr Plan umfasst aber nicht nur ein eigenes Umstyling, sondern auch den Versuch, sich Zugang zur beliebtesten Clique der Schule Zugang zu verschaffen, um auch über deren Leben zu schreiben. Zunächst gelingt ihr Plan und sie erkennt, "dass ein wenig Make-up, ein paar Strähnchen und gut sitzende Klamotten das Machtgefüge verschoben hatten" (S. 104): Bree wird nicht mehr von ihren Mitschülern gemieden und verspottet für ihr verschrobenes, schrägen Aussehen, sondern sie wird bewundert, begehrt und in den Kreis der In-Clique aufgenommen. Auch ihr umschwärmter Englischlehrer beachtet sie wieder mehr und es bahnt sich eine Liebelei an, die vor allem von der Gefahr lebt, entdeckt zu werden. Zudem ist die Beziehung gekennzeichnet von der immer wieder betonten Ernsthaftigkeit und des Gefühls von Verstandenwerden, das im Gegensatz steht zum Verhältnis Brees zu ihren Mitschülern, die sie für ihr ureigenstes Experiments benutzt.

Bree treibt ihr Experiment voran und dringt in die It-Clique ein, schläft mit dem Freund – Rugby-Star an der Schule – einer der Mädchen der Clique und wird selbst zum Star, bis sich das Blatt wendet und Bree plötzlich vor den Scherben ihres Experiments steht…

Kritik
Die Handlung von Mein total spontanes Makeover und was dann geschah entwickelt sich linear und stringent und hält so manch überraschende Wendung bereit. Dennoch überzeugt im Rahmen der Konzeption der Geschichte die Verknüpfung von 'Schriftsteller-werden-wollen' mit dem Aspekt 'ich-mache-mich-interessant-und-unterziehe-mich-einem-Makeover-um-an-Material-zu-kommen' nicht und hinterlässt beim Leser einen schalen Beigeschmack ob der Konsequenzen, die die Protagonistin Bree bereit ist, um jeden Preis in Kauf zu nehmen.

Bree als Handlungsträgerin überzeugt als Protagonistin nicht in Gänze: Sie macht sich zunächst bewusst unattraktiv – ihr Credo ist, dass ein Schriftsteller nicht schön aussehen muss, solange seine Sprache es ist (vgl. S. 16) – und inszeniert sich als Freak, der immerzu Arthousefilme guckt. Damit wird eine Basis – und für Bree die Möglichkeit – geschaffen, um die Verwandlung vom sprichwörtlichen hässlichen Entlein zum schönen Schwan möglich zu machen. Bree wird somit zu dem, was sie tief im Innersten eigentlich verabscheut: Ein It-Girl in einer beliebten und angehimmelten Clique, um Material zu haben, über das es sich aus ihrer Sicht zu schreiben lohnt. Dafür verstößt sie ihren besten Freund – natürlich nur für die Zeit des Experiments –, was nicht unbedingt von Reflektiertheit, Reife und Weitsicht zeugt, ebenso wenig wie es die Tatsache tut, dass Bree einen Blog im Internet startet und (angeblich) nicht weiß, dass alle (!) Internetuser darauf zugreifen und mitlesen können. Das ist selbst für jemanden, der Bücher liebt, Technik meidet und dessen bester Freund im Gegenzug als PC-Nerd beschrieben wird, unglaubwürdig und lässt die Akteurin mehr als naiv wirken. Diese Naivität, die Bree stellenweise zeigt, äußert sich zudem darin, dass sie über die Liebelei mit ihrem Englischlehrer schreibt, die per Gesetz verboten ist und sich auch vom Schulschwarm durch 'lahme' Komplimente zum Sex überreden lässt: "[…] Du bist ganz anders als die anderen Mädchen, die ich kenne." (S. 254) Das passt indes nicht zu ihrer Abgeklärtheit, Schlagfertigkeit und Souveränität, mit der sie ihr Experiment startet und ihre Verwandlung nach außen trägt und alle somit nicht nur mit neuem Äußeren, sondern auch mit einem neuen Verhalten überrascht. Es scheint, als habe Bree eine Maske getragen und würde nun ihr wahres Inneres zeigen – das sie aber verabscheut, wie sie nicht müde wird, immer wieder zu betonen. Das alles trägt dazu bei, dass Bree als Figur nicht homogen und nicht in sich geschlossen erscheint, sondern verschiedene divergierende Persönlichkeitsfacetten in sich vereint, die nicht konsistent zueinander passen. Hinzu kommt, dass sie sich und ihre Ansichten verrät, um beruflich erfolgreich zu sein – und nicht nur das: Sie opfert ihre Jungfräulichkeit 'im Dienste ihres Experiments', um Material zum Schreiben zu haben (vgl. S. 261) und um die Oberflächlichkeiten ihrer Mitschüler aufzudecken – was als Motiv ziemlich weit hergeholt und völlig absurd erscheint und die Naivität und Einfältigkeit der Protagonistin nur unterstreicht. Untermauert wird dies durch die Tatsache, dass Bree dies alles auch noch in ihrem Internetblog schreibt und damit schlussendlich als Heldin einer Generation gefeiert wird, die endlich die ‚Machenschaften‘ von It-Cliquen anprangert.

Unreflektiert bleibt auch der unverhältnismäßige Konsum von Alkohol, der hier immer wieder beschrieben, aber nicht weiter kritisch in den Blick genommen wird: Von Alkoholexzessen bei minder- und volljährigen Schülern wird ebenso erzählt wie von ungeniert Alkohol trinkenden Eltern einer gesellschaftlichen Schicht, die wohl aus Leserperspektive mit dem Wort High Society beschrieben werden kann, für die Geld keine Rolle spielt und die meinen, sich für Geld alles kaufen zu können: Sie protzen mit ihrem Reichtum und stellen ihn durch große Villen und Anwesen zur Schau. Dass das Verhalten derer, die Bree in ihrem Blog entlarven will, um Material für ihre Schriftstellerkarriere zu haben, im Grunde auf dem Verhalten der Eltern beruht und auf der Gesellschaft und der Umgebung, in der die Kinder großgeworden sind, wird ebenfalls nicht reflektiert – etwas, das man Bree als Figur durchaus zugetraut hätte, wenn sie schon als Kafka und Jane Austen lesende Literaturliebhaberin präsentiert wird.

Zudem ist es schade, dass Bree, die sich die ganze Sache selbst eingebrockt und nicht über die Folgen nachgedacht hat, selbst nur bedingt etwas dazu beitragen kann, um aus dem Schlammassel wieder herauszukommen: Als der Druck, dem sie sich selbst ausgesetzt hat und der ins Negative umschlägt, zu groß wird, fällt sie in alte Verhaltensmuster zurück und ritzt sich die Oberschenkel, weshalb sie in die Psychiatrie eingewiesen wird. Es ist schließlich ihr Vater, der in seiner Rolle als Anwalt einem Mitschüler drohen muss, damit sich eines von Brees Problemen löst. Allen anderen 'Problemen' stellt sich Bree selbst. Auch die 'positive' Wendung, dass neben Millionen Internetusern auch ein Verlag auf sie und ihr Schreiben aufmerksam geworden ist, kann nicht davon ablenken, dass Bree sich nicht wirklich als Identifikationsfigur für den Leser eignet.

Die Geschichte selbst wird von einem heterodiegetischen Erzähler erzählt, der sich sehr nah an Bree hält, zudem finden sich an insgesamt zehn Stellen Blogeinträge aus Brees autodiegetischer Perspektive, in denen sie über ihre Erfahrungen im Rahmen ihres Experiments berichtet. Dieses Konzept der Integration von Blogeinträgen ist nicht neu und lässt sich z.B. auch in Kerstin Giers Silber-Trilogie in Form des Tittle-Tattle-Blogs finden, der den Schülern fortdauernd den neuesten Klatsch und die neuesten Gerüchte in der Schule präsentiert – und immer richtig liegt mit Spekulationen und Vermutungen. Auch hier geht es um das Aufzeigen von Fehlbarkeiten und Makel, die einen Menschen eigentlich menschlich machen, aber dazu genutzt werden, Menschen zu diskreditieren.

Die Motivation, aus der heraus Bree ihre Handlungen initiiert, erscheint ein wenig willkürlich und wirkt nicht ganz überzeugend, zumal ihre Taten weitreichende Folgen haben: Sie verliert ihren besten Freund, ihre Jungfräulichkeit und schließlich auch neugewonnene Freunde/innen, die sich ihr in intimen/privaten Momenten geöffnet und anvertraut haben. Dies macht Bree nicht unbedingt besser als die Personen, die sie anprangern will, um 'Material' für ihren Blog zu haben, in dem  im Grunde nichts anderes passiert als das Aussprechen von Missachtungen gegenüber 'normalen' Menschen, Nerds und Außenseitern.

Die Wahl der Sprache überzeugt – trotz stringent fortlaufender Handlung – nicht immer und ist stellenweise umgangssprachlich/vulgär: Worte wie "Hypersabbeln" (S. 137), "Fickpalast" (S. 123) und "Titten" (bsp.-weise S. 299) werden mehrfach gebraucht, die Sammlung der Erstausgaben der British Library wird als "Literatur-Porno" bezeichnet (S. 289).

Fazit
Holly Bourke hat einen Roman verfasst, dem ein guter Gedanke und ein interessantes Konzept zugrunde liegt, der jedoch stellenweise zu viele 'Baustellen' eröffnet: Bree will Schriftstellerin werden und startet das Experiment 'Makeover', zudem verliebt sie sich in ihren Lehrer – ein Nebenstrang, des es nicht unbedingt gebraucht hätte – und berichtet über alles in einem Blog. Zudem ist es die Naivität der Protagonistin, die sich nicht in die Konzeption der Protagonistin einfügt und den Leser/die Leserin negativ überrascht, ebenso wie die fehlende Thematisierung von übermäßigem Alkoholkonsum. Der Roman, der sich aufgrund der Thematik und der gewählten Altersklasse der Akteure an Leser ab ca. 14 Jahren richtet, überzeugt dementsprechend nicht hinterlässt den Leser mit mehr Fragen als Antworten.

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