von Sabine Planka

Was macht man, wenn man gefangen gehalten wird von einer Tante, die einem nach dem Leben trachtet? Die sich selbst zu bereichern sucht und unrechtmäßig das Erbe aneignen will? Man versucht zu fliehen. Genau das tut  die 12-jährige Stella, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Doch ihre erste Flucht misslingt und sie landet im Keller – wo sie auf einen Geist trifft. Das Blatt scheint sich zu wenden… Eine phantastische Abenteuergeschichte, die den Vergleich mit den Büchern Roald Dahls nicht zu scheuen braucht!

Walliams, David: Terror-Tantchen
Mit Ill. v. Tony Ross
A.d. Engl. v. Bettina Münch
416 S., 14,99 €
Rowohlt, Reinbek 2016
ISBN 978-3-499-21741-8
ab 8 Jahren
 

Inhalt
Als Stella aus dem Koma erwacht, muss sie von ihrer schrecklichen und grausamen Tante hören, dass ihre Eltern und sie einen Autounfall hatten, bei dem ihre Eltern ums Leben gekommen sind und nur sie überlebt hat. Da Stella nun Alleinerbin des Wohnsitzes der Familie – Saxby Hall – ist, versucht Tante Alberta zusammen mit ihrem großen Bayerischen Berguhu Wagner, der ihr aufs Wort gehorcht, alles, um Stella auszuschalten und sich Saxby Hall unter den Nagel zu reißen.

Doch sie hat die Rechnung ohne Stella gemacht, die sich so schnell nicht unterkriegen lassen will – vor allem, als sie herausbekommt, dass Alberta ihre Eltern umgebracht hat. Sie setzt alles daran, dass die Tante  nicht an die Besitzurkunde von Saxby Hall kommt, da sie – so vermutet Stella – vermutlich auch den Wohnsitz zu Geld machen und verspielen wird, wie ihr eigenes Geld und ihr Hab und Gut.

Als erstes befreit sich Stella aus dem Zimmer, in das Tante Alberta sie eingesperrt hat – und aus ihrer Fessel, einer Bandage, in die Alberta sie eingewickelt hat wie eine Raupe, um angebliche Knochenbrüche zu fixieren, in Wahrheit aber, um Stella an der Flucht zu hindern – und versucht zu fliehen. Tante Alberta entgeht dieser Fluchtversuch jedoch nicht und fängt Stella mit Hilfe ihres Berguhus Wagner wieder ein und sperrt sie in den Keller. Dort trifft Stella auf den Geisterjungen Ruß, der als Kaminkehrer vor langer Zeit in Saxby Hall gearbeitet hat und schließlich dort ums Leben gekommen ist. Er verhilft ihr zur erneuten Flucht und zusammen hecken sie einen Plan aus, wie sie Tante Albertas Pläne durchkreuzen können. Doch die Streiche haben nicht den gewünschten Erfolg: Tante Alberta wird richtig wütend und schreckt auch nicht davor zurück, einen weiteren Mord zu begehen.
 Zum Glück gibt es neben Ruß noch den schrulligen Butler Gibbon – und auch der Uhu ist schließlich nicht von Tante Albertas Plänen mit Saxby Hall nicht begeistert…

Kritik
David Walliams ist mit Terror-Tantchen ein kurzweiliges und unterhaltsames Buch für Kinder ab ca. 8 Jahren gelungen, das den Leser von Anfang an in seinen Bann zieht und zu unterhalten versteht. Walliams führt seinen Leser behutsam in die Geschichte hinein, was unterstützt wird durch zahlreiche textimmanente Ansprachen an den Leser, der auf diese Weise in die Geschichte integriert wird und viel näher an die Protagonisten heranrückt. Hinzu kommen Bilder, die einzelne Handlungen und Szenen visualisieren und auch hier wieder von Tony Ross gezeichnet sind, der auch Roald Dahls Geschichten bebildert hat. Das Erzählte entpuppt sich schnell als phantastisch: Übersinnliches findet hier ebenso seinen Platz wie Geschehnisse, die nicht in das realistische Weltbild des Lesers passen, im Sinne der Narration aber  sinnvoll sind und der Logik der Geschichte folgen. Durch narrative Tricks – Unterbrechungen der Handlung für Rückblicke, Erläuterungen, Aufzählungen, Leseransprachen etc. – fühlt sich der Leser unterhalten, auch wenn der Fortgang der Handlung dadurch verlangsamt wird.

Die Geschichte – kongenial übersetzt von Bettina Münch – zeigt deutliche Anleihen an Märchenstrukturen: Neben intertextuellen Verweisen auf Märchen – der Leser erfährt, dass Tante Alberta Stella Märchen erzählt und deren Enden so abgeändert hat, dass das Böse schlussendlich siegt –, ist es v.a. die Handlungsstruktur, die an (ein) Märchen erinnert. Stella erwacht aus einem langen Schlaf (= Dornröschen) und erfährt, dass ihre Eltern tot sind und sie somit eine Waise ist (= neben Märchen, die das Waisenmotiv enthalten, ist auch ein Vergleich zu Harry Potter angebracht). Punktuell ist es die Integration von Essen, das in seiner mitunter orgiastischen Schilderung Verbindungen zum Schlaraffenland ermöglicht – v.a. in der Szene, in der Tante Albertas Vorliebe für Nachtisch geradezu zelebriert wird. Allein die Beschreibung des Essens lässt dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen, sind es doch ausschließlich Nachspeisen, die Tante Alberta konsumiert

Die Handlung(sstruktur) weist Merkmale von Vladimir Propps Morphologie des Märchens und Christopher Voglers Konzept der Heldenreise auf, u.a. wenn Stella auf Helfer – neben Ruß (unfreiwillig) den Butler Gibbon und den Uhu Wagner – trifft, die sie unterstützen und ihr schließlich zum Sieg über ihre Tante helfen, die – der Logik der Narration folgend – sterben muss. Der Tod der Tante als finaler Höhepunkt lässt sich ebenfalls mit zahlreichen Märchen in Verbindung bringen (Tod der Hexe in Hänsel und Gretel, der Tod der Stiefmutter in Schneewittchen etc.) Das Böse muss auch hier am Ende sterben, damit das Gute siegen kann.

Weitere intertextuelle Verweise ergeben sich zudem zu den Geschichten Roald Dahls: Neben den Zeichnungen von Tony Ross sind es vor allem die Streiche, die die Handlung in bester Dahl'scher Manier vorantreiben. Das Präparieren von Seife und Zahnpasta erinnert so z.B. an Dahls Georges Marvellous Medicine, wo sich George nicht länger von seiner Oma herumkommandieren lassen will.

Die Kombination des eingeschneiten Hauses mit dem Geisterjungen Ruß, der durch das Gemäuer stößt, zusammen mit den eingeschlossenen Akteuren in der Schneemasse erinnert an die Haunted Houses diverser Horrorgeschichten und -filme, wie z.B. Stanley Kubricks The Shining, die mitunter durch ihre Abgeschlossenheit heterotope Züge aufweisen: Schnelle Hilfe ist in den zeitlos erscheinenden Geschichten nicht zu erwarten, die Protagonisten, die um ihr Leben kämpfen, müssen sich auf sich und ihre Fähigkeiten an diesem abgeschlossenen Ort besinnen, über die sie verfügen.

Die Protagonisten sind überzeugend konzipiert: Schrullige Eigenheiten und ein z.T. sehr spezielles Äußeres und Verhalten machen jeden Akteur hoch individuell und authentisch in diesem phantastischen Kontext. Neben Tante Alberta, die wahrlich dem Typus der hässlichen und bösen Tante/Stiefmutter entspricht und in ihrer Bösartigkeit vor dem Mord an Stellas Eltern nicht zurückschreckt, ist es v.a. der Butler Gibbon, der – uralt, taub und fast blind – gekochte Schuhe serviert und Zimmerpflanzen die Blätter schüttelt und sie als vermeintliche Gäste ehrfürchtig und zuvorkommend begrüßt. Auch Ruß überzeugt als Geisterjunge, dessen unbekannte Herkunft am Ende der Handlung aufgelöst wird: Er ist der als Baby verschollene Bruder von Stellas Vater und Tante Alberta: Sie ist es, die ihn als Baby ausgesetzt und bei seiner Rückkehr als Junge in Saxby Hall umgebracht hat, da er als Erstgeborener Alleinerbe von Saxby Hall geworden wäre. Weil Alberta Saxby Hall in ihren Besitz bringen will, hat sie ihn, ebenso wie später Stellas Eltern, ermordet. Ihre Motive erscheinen 'wahnsinnig': Sie will ein "Uhuseum", also ein Museum, das sich Eulen und Uhus widmet, errichten lassen und damit Geld verdienen. Über die Charaktere gelingt es Walliams, unterschiedliche Handlungsstränge zu einer logisch verlaufenden, im Phantastischen angesiedelten Geschichte zu verknüpfen, die ein Happy End für den Leser bereit hält: Stella – nun wirklich Alleinerbin von Saxby Hall – bestimmt, dass das örtliche Heim für Waisenkinder in das Haus zieht. Das Fazit des Buches könnte somit schöner nicht sein: Das Gute setzt sich über das Böse hinweg und siegt am Ende, so dass jeder auf seine Weise sein persönliches Glück findet.

Einziges kleines Manko an Walliams' Geschichte: Der Leser erfährt nicht, wie es Tante Alberta gelungen ist, Stella über Wochen bzw. Monate im Koma zu halten bzw. warum sie die Protagonistin  nicht sofort nach dem Unfall ebenfalls ermordet hat, um sich Saxby Hall aneignen zu können. Darüber kann man jedoch ob der rasanten, unterhaltsamen und kurzweiligen Handlung und des Happy Ends hinwegsehen.

Fazit
Mit Terror-Tantchen ist ein weiterer phantastischer  Roman von Walliams ins Deutsche übersetzt worden, dessen phantastische Elemente sich – anders als in  Gangsta-Oma – nicht als inszeniert entpuppen, sondern ganz dem Übernatürlichen verhaftet bleiben und den Vergleich mit Roald Dahls Geschichten nicht zu scheuen brauchen. Der Roman besticht v.a. durch seine unterhaltsame, rasante und kurzweilige Handlung, in der bekannte Versatzstücke aus anderen Geschichten – vorrangig aus Märchen – zu einer 'neuen' Geschichte verwoben werden, so dass ein modernes Märchen entsteht, das sich an Leser ab 8 Jahren richtet.

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